Es ist wieder soweit: Die Märkte spielen verrückt. Plötzlich schießen Aktien scheinbar ohne fundamentalen Grund um 100, 200 oder sogar 300 Prozent nach oben. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass hinter diesen Kursexplosionen die Dynamik der Short Squeezes steckt, also jener Marktmechanismus, der bereits die Meme-Rally rund um GameStop ausgelöst hatte. Diese Titel stehen dabei im Fokus.
Allen voran sorgt die Aktie von Avis Budget Group aktuell für Schlagzeilen. Der Aktienkurs des Autovermieters ist in wenigen Wochen um mehr als 500 Prozent nach oben geschossen. Grund dafür ist eine folgenschweren Fehleinschätzung der Shortseller. Viele Leerverkäufer gingen wohl davon aus, dass rund 25 Prozent des Free Floats bei Avis Budget Group handelbar waren. In der Praxis stellte sich jedoch heraus, dass dieser Wert de facto null, wenn nicht sogar negativ war.
X-User TheShortBear stellte folgende Rechnung auf: SRS Investment Management hält die Aktie seit Jahren und hat seinen Anteil schrittweise auf rund 49 Prozent ausgebaut. Um die bestehende Stimmrechtsbegrenzung zu umgehen und dennoch sein wirtschaftliches Exposure zu erhöhen, nutzt der Fonds zusätzlich Cash-settled Swaps.
Dabei vereinbart der Fonds mit einer Bank einen Barausgleich auf die Kursentwicklung der Aktie, ohne diese selbst physisch zu erwerben. Da die Bank als Vertragspartner jedoch meist echte Aktien kauft, um ihr eigenes Risiko abzusichern (Hedging), werden diese Papiere dem freien Markt entzogen, während der Fonds wirtschaftlich so gestellt wird, als besäße er mehr Anteile, als die Stimmrechtsbegrenzung erlaubt.
Für zusätzliche Verknappung sorgte zuletzt Pentwater Capital. Der Hedgefonds baute über Derivate eine große Position auf und setzte dabei unter anderem auf den Verkauf von Put-Optionen. Als diese im Geld ausliefen, mussten Banken Aktien liefern. Gleichzeitig verfielen verkaufte Call-Optionen wertlos, wodurch Absicherungspositionen der Händler aufgelöst werden mussten. Beides entzog dem Markt weitere Liquidität.
Der entscheidende Punkt: Die offiziell ausgewiesene Short-Quote von rund 25 Prozent basiert auf einem Free Float, der in der Praxis so nicht existiert. Große Ankeraktionäre, passive Investoren und derivative Strukturen haben den tatsächlich handelbaren Anteil massiv reduziert.
Mitte Februar löste der Haushaltsstreit um das Heimatschutzministerium dann eine Kettenreaktion aus: Da die TSA-Beamten nicht bezahlt wurden, kam es zu massiven Flugausfällen. Die daraus resultierende Sonderkonjunktur bei Mietwagen gab der Aktie einen fundamentalen Anschub. In dem nun ausgetrockneten Markt gerieten Leerverkäufer unter Druck und mussten sich zu immer höheren Preisen eindecken. Ein Effekt der weiter andauert.
Beyond Meat, Plug Power & Co: Die nächste Welle rollt
Doch der Short Squeeze bei Avis hat nicht nur die Aktie des Autovermieters nach oben Katapultiert, sondern gleich einer ganzen Reihe von Aktien mit hoher Short Quote neues Leben eingehaucht. Beyond Meat legte innerhalb kürzester Zeit um mehr als 40 Prozent zu, auch Werte wie Plug Power, 1-800-Flowers oder Krispy Kreme verbuchen zweistellige Kurssprünge.
Von den enormen Kursgewinnen bei Avis, Beyond Meat und Co geht eine hohe Anziehungskraft aus. Doch genau hier lauert die größte Gefahr. Wer jetzt noch hinterherspringt, spielt ein hochriskantes Spiel, denn am Ende gilt wie so oft: Den Letzten beißen die Hunde. Mit solider Geldanlage hat das wenig zu tun, hier dominieren technische Effekte und extreme Marktverwerfungen. Anleger, die langfristig erfolgreich investieren wollen, bewahren einen kühlen Kopf und setzen auf Werte mit deutlich mehr Substanz. Diese finden Sie in der aktuellen Ausgabe.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Beyond Meat.
Heute, 10:15