19.05.2014 Jens Aichinger

"Russland wird die Ostukraine nicht annektieren."

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Georg Graf von Wallwitz ist Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH und Fondsmanager der Phaidros Funds. DER AKTIONÄR fragte ihn nach seiner Einschätzung des Ukraine-Konflikts.

Herr von Wallwitz, wie schätzen Sie die aktuelle Lage in der Ukraine ein?

Ich glaube nicht, dass die Russen ein Interesse haben, sich die Ostukraine nach dem Vorbild der Krim anzueignen. Die Wirtschaftsleistung in der Ukraine beträgt nur etwa ein Viertel der Russischen. Bei dem Referendum auf der Krim wurde der Bevölkerung also im Wesentlichen die Frage gestellt, ob sie das Vierfache an Renten und Beamtengehältern haben möchte. So etwas funktioniert mit einer relativ kleinen Bevölkerungsanzahl, aber bei den 20 Millionen Einwohnern der Ostukraine kämen ganz erhebliche Kosten auf Russland zu. Und auch strategisch hat die Ostukraine nicht annähernd dieselbe Bedeutung, die der Krim zukommt. Zusätzlich müsste sich Russland im Falle eines Anschlusses der Ostukraine auf verschärfte Sanktionen des Westens gefasst machen, was die Gesamtkosten weiter nach oben treiben würde. Und schließlich steht auch nicht zu erwarten, dass ein solcher Anschluss, wie auf der Krim, weitgehend unblutig abgehen würde. Dadurch würde dann wieder die Unterstützung in der eigenen Bevölkerung schwinden. Alles in allem ein eher unwahrscheinliches Szenario.

 

Sie schreiben, dass Russland wirtschaftlich hinter dem Westen zurückgeblieben ist. In wieweit ist die russische Wirtschaft von Rohstoffexporten abhängig?

Bisher konnte in Russland keine Wissensgesellschaft entstehen. Es hat sich wenig entwickelt, was über Handelsgeschäfte und Rohstoffe hinausgeht. Das liegt daran, dass kein Rechtsstaat vorhanden ist. Korruption ist ein großes Problem und das ist nicht förderlich für freies Unternehmertum, weil die Planungssicherheit fehlt. Wer als Unternehmer eine Firma gründet und in diese viel Arbeit investiert, möchte die Gewissheit haben, die Früchte dieser Arbeit eines Tages auch ernten zu können. Und genau das fehlt in Russland momentan. Das führt dann dazu, dass die talentierten Russen in den Westen gehen und ihre Ideen dort verwirklichen. Im Jahr 2013 sind 63 Milliarden Dollar an Investitionen aus Russland abgeflossen. Im ersten Quartal 2014, bei Auftreten des Ukraine-Konflikts, waren es bereits ca. 70 Milliarden.

 

Sollte die Krise aufgrund der damit verbundenen Unsicherheiten den Dax weiter nach unten drücken, würde dann wieder die alte Börsenweisheit gelten „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“?

Im Prinzip ja, denn die Ukraine hat für uns wirtschaftlich überhaupt keine Bedeutung. Die Auswirkungen sind bisher rein psychologischer Natur. Die Art und Weise wie der Westen vorgeht ist auch recht geschickt. Der Westen schafft eine große Unsicherheit bezüglich der Investitionen in Russland. Das schreckt Investoren ab und führt zu Kapitalexporten aus Russland. Das wiederum führt zu einem abwertenden Rubel, was die Kaufkraft schwächt. Mit höherer Inflation sind die Güter für die Konsumenten teurer. Dadurch wird dann die russische Wirtschaft insgesamt geschwächt. Und zwar ohne im Westen selber größere wirtschaftliche Probleme zu verursachen. Dieses Schaffen von Unsicherheiten ist für den Westen das Mittel der Wahl. Klassische Sanktionen hingegen würden auch der einheimischen Wirtschaft schaden, da diese dann keine Waren mehr nach Russland exportieren dürfte. Zwar gibt es Sanktionen, aber diese bleiben, schon aus energiepolitischen Erwägungen heraus, weit hinter dem möglichen Maß zurück.

Da keine größeren wirtschaftlichen Folgen für den Westen zu erkennen sind, kann man also ruhig kaufen, wenn die Kanonen donnern. Immer vorausgesetzt allerdings, dass sich die Lage nicht dramatisch verschlechtert und es doch noch zu einem heißen Konflikt kommt.

 

Welche außenpolitischen Absichten stehen hinter der Vorgehensweise des Westens?

Für die Amerikaner ist die Situation chancenreich. Und sie verstehen sie zu nutzen. Die Nachbarstaaten Russlands befürchten nun ein ähnliches Schicksal wie die Krim zu erleiden, denn in jedem der Staaten wohnt eine russische Bevölkerungsminderheit. Es ist zu erwarten, dass diese Staaten versuchen werden, sich mehr an den Westen anzulehnen, um sich vor einer Annektierung zu schützen. Inwieweit die Angst, dass Russland sich tatsächlich einen Staat nach dem anderen einverleiben wird, tatsächlich begründet ist, spielt hier zunächst eine untergeordnete Rolle. Der Westen nutzt diese Unsicherheit, um in Osteuropa neue Freundschaften zu schließen und gleichzeitig Russland politisch isolieren.

 

Wie wird Russland auf diese Isolationspolitik reagieren?

Die Russen werden sich Richtung Osten orientieren und mehr mit China zusammenarbeiten. Diesmal allerdings als Juniorpartner. Um das Verhältnis von China und Russland stand es in den letzten Jahren nicht zum Besten. China hat auf der ganzen Welt Investitionen in die Förderung von Rohstoffen getätigt. Nur in Russland nicht. Davon lässt sich auch für das politische Verhältnis einiges ableiten. Die zunehmende Isolation durch den Westen dürfte Russland allerdings zwingen, sich nach Osten hin zu öffnen und eine Partnerschaft mit China einzugehen. Damit hat Putin Russland aber sicherlich keinen Gefallen getan. Denn es gab ja bereits wirtschaftliche Zusammenarbeit und Kommunikation mit dem Westen. Die wird jetzt aber größtenteils gestrichen.

 

Herr von Wallwitz, vielen Dank für dieses Interview.