Wer eine echte konservative Partei sein will, der braucht keine YouTuber, um zerstört zu werden. Das schafft man schon selbst. Neuester Akt des Trauerspiels: ein junger Mann, ein Balkon, ein Strandkorb. Eigentlich müsste man lachen, aber ...
Blaue Haare. Strubbelfrisur. Das Jahr 2019. YouTuber Rezo dreht ein Video mit dem plakativen Titel „Die Zerstörung der CDU“. In der ersten Woche wurde der Clip mehr als zehn Millionen Mal aufgerufen. Eine breite Debatte über die Rolle (und die Macht) von Influencern in der Politik war die Folge.
Seitenscheitel. Einstecktuch. Krawatte. Das Jahr 2026. Steffen Haug und Denise Jacobs drehen für das ZDF die Doku „Inside CDU“. Einer der Protagonisten: Philipp Amthor. Die Folge: eine breite Diskussion über den Geisteszustand der CDU.
Der ehemalige Shooting-Star der Konservativen, dessen Karriere vor ein paar Jahren durch Lobbyarbeit für Augustus Intelligence ins Stottern geriet, ist wieder da. Oder wie das ZDF sagt: „Aus dem Jungpolitiker ist ein Machtpolitiker geworden.“
Mit seinem Auftritt in der ZDF-Doku erwies er seiner Partei allerdings einen Bärendienst. Ohnehin ist Amthor ein Spezialfall. Blutjung, sieht aus wie der kleine Junge auf den Kinder-Riegeln, gibt sich mit Seitenscheitel, Manschettenknöpfen und Einstecktuch aber konservativ bis auf die Knochen. Vielleicht ein Fall für die eine oder andere Schwiegermutter, in seiner eigenen Altersgruppe aber nicht wirklich vermittelbar. Im Kielwasser von Friedrich Merz nach dem zwischenzeitlichen Karriereknick zunächst zum Staatssekretär befördert und jetzt als Staatsminister für die Zusammenarbeit von Bund und Ländern im Kanzleramt angekommen.
Dort zeigte er den Filmemachern stolz sein durchaus riesiges Büro, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass man in der ersten Reihe der Politik schon liefern müsse: „Da muss jeder Federstrich sitzen!“ Auf der angrenzenden Dachterrasse begrüßte er dann jovial den Lieferanten eines blau-weiß gestreiften Strandkorbs, der mit Blick auf das Regierungsviertel beim „Wenn man mal Zeit dazu hat“-Entspannen helfen sollte. Für das Netz war das zu viel. „Abgehoben“ war noch einer der nettesten Kommentare. Binnen kürzester Zeit war auch die Einrichtung des Büros seziert und kommentiert: „Fünfstellig“, „Designerstuhl“. Für den Strandkorb gab es Memes, die vom Sonnenkönig Ludwig XIV. bis zum Imperator in der Sänfte reichten. Oder anders: Wie dumm kann man als CDU denn sein?
Es ist egal, dass der Strandkorb mittlerweile wieder abgeholt wurde. Dass Philipp Amthor ihn selbst bezahlt hat. Und dass natürlich auch ein Politiker sich einmal ausruhen darf. Was zählt, ist die Wirkung:
„Schau mal, die da oben! Uns wollen sie immer länger schuften lassen, sie selbst machen sich die Taschen voll und geben mit Prachtbüros auf Steuerzahlerkosten an!“ Das ist der Eindruck, der bei der arbeitenden Bevölkerung bleibt. Um bei spitzbübisch lächelnden jungen Männern zu bleiben: Was für ein Kasperletheater! Dass Friedrich Merz nun rhetorisch nicht die Gabe besitzt, die Herzen der Menschen zu erreichen, das ist bekannt. Dass der ohnehin schon für viele ein Stück zu geschniegelte Philipp Amthor nun den Eindruck einer komplett abgehobenen Kaste so gedankenlos brutal zementiert, das lässt mich nur noch den Kopf schütteln. Gibt es da niemanden, der einmal sagt: „Leute, das können wir nicht bringen?“
So wie sie sich aktuell gibt, ist die CDU auf dem perfekten Weg, ihrem alten Wunschpartner FDP in die Bedeutungslosigkeit zu folgen. Und so wie sie zuletzt gehandelt hat, ist es leider auch nicht wirklich schade darum.
Heute, 08:28
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