Investieren wie Peter Lynch - So geht's
10.01.2021 Leon Müller

flatexDEGIRO-CEO Frank Niehage: "Kandidat für den DAX"

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Flatex

Der Onlinebroker flatex erlebt eine Dynamisierung des Wachstums. Die Übernahme von DEGIRO ebnet den Weg zur paneuropäischen Marktführerschaft – und womöglich für einen Aufstieg in höhere Sphären. CEO Frank Niehage im Gespräch mit AKTIONÄR-Chefredakteur Leon Müller über den Markt, über Wachstum, neue Produkte und Ambitionen auf mehr.

Während die Börsen von Hoch zu Hoch eilen, mehr und mehr Menschen sich für Aktien interessieren, profitieren im Hintergrund Banken und Online-Broker von steigenden Handelsvolumina. DER AKTIONÄR-Chefredakteur Leon Müller sprach mit Frank Niehage, CEO der flatexDEGIRO AG. Das Interview ist erschienen in DER AKTIONÄR Jahrbuch 2021, das Sie hier als digitales E-Paper herunterladen können. Die Ausgabe ist am 18. Dezember 2020 erschienen.

Corona-Crash, Lock-down, US-Wahl – wie haben Sie das Jahr 2020 erlebt?

Frank Niehage: Der Ausbruch der Corona-Pandemie war sicher das prägendste Ereignis des Jahres. Man sollte das alles nicht verharmlosen, die Folgen sind enorm. Und wir können das täglich in den Nachrichten sehen. Neben all den negativen Effekten gibt es auch einige positive. So hat sich etwa das Reiseverhalten verändert. Das ist gut für die Umwelt. Und für viele Arbeitnehmer.

Sie gelten als Vielflieger.

Nicht mehr. Ich bin sonst annähernd 100 Mal im Jahr geflogen. Seit März saß ich vielleicht fünfmal im Flieger. Das wird sich auch nach der Krise nicht großartig ändern. Ich stelle fest: Wenn ich nicht reisen muss, bin ich glücklich, kann meine Zeit besser nutzen. Arbeit und Privatleben profitieren davon gleichermaßen. Die Pandemie lehrt, dass es auch anders geht.

Sie arbeiten heute von zu Hause aus. (Das Interview hat anders als ursprünglich geplant nicht persönlich, sondern per Video-Call stattgefunden.)

So wie 80 bis 90 Prozent meiner Kolleginnen und Kollegen derzeit. Bei uns funktioniert das ganz herausragend. Und ich gehe davon aus, dass auch viele andere Unternehmen selbst nach Lockerung der Maßnahmen ihren Mitarbeitern zwei oder drei Tage in der Woche das Arbeiten von zu Hause aus ermöglichen werden.

Zumindest diejenigen, die das können.

Das produzierende Gewerbe wird damit anders umgehen müssen. Die Industrie ist nicht nur jetzt anders betroffen, sie wird auch im Nachgang andere Konzepte finden müssen. Auf die Bereiche Entertainment und Gastronomie lässt sich das auch nicht übertragen. Die Immobilienwirtschaft wird sich ebenfalls umstellen müssen. Wir gehen davon aus, dass wir keinen zusätzlichen Büroraum benötigen, obwohl wir mehr Mitarbeiter einstellen. Digitalunternehmen können gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Es interessieren sich immer mehr Menschen für Aktien.

Frank Niehage, CEO der flatexDEGIRO AG

Sehen Sie sich als Profiteur?

Ein schwieriges Wort in diesem Kontext. Es ist jedoch so, dass sich viele Menschen seit dem Lockdown im Frühjahr mehr mit dem Internet befassen, Onlineshopping entdecken. Und von da an ist es nicht mehr weit zum Onlinebanking und schließlich -brokerage. Und damit zu uns. Hinzu kommt ein erfreulicher Trend: Es interessieren sich immer mehr Menschen für Aktien. Und durch die Volatilität der Märkte ergeben sich Handelsanreize für unsere Kunden, das spüren wir ebenfalls sehr positiv in unseren Umsätzen.

Lassen Sie uns über die Auswirkungen auf Ihr Business sprechen.

Gern. Mit der Übernahme von DEGIRO haben wir für 2020 zunächst 50 Millionen Transaktionen prognostiziert. Dann 60. Inzwischen erwarten wir 70 Millionen Trades. Oder nehmen Sie die Zahl der Kunden. Wir haben mit einer Million gerechnet. Dann mit 1,1 Millionen. Jetzt gehen wir davon aus, dass wir zum Jahresende 1,2 Millionen Kunden haben werden. Zudem schaffen wir Kundenvorteile über unsere Marken hinweg: Bis zum Jahreswechsel 2020/21 dürften über 500.000 DEGIRO- Kunden zusätzlich zum Depot bei DEGIRO ein Cash-Konto bei der flatex Bank erhalten haben.

Aus welchem Grund ist das wichtig beziehungsweise welchen Vorteil haben diese Kunden?

Die Vorteile sind gewaltig. Zum einen erfahren sie auf diesem Wege eine maßgebliche Qualitätsverbesserung. Zum anderen profitieren sie von der deutschen Einlagensicherung und damit höheren Garantiebeträgen.

Und für Sie?

Wir profitieren von Synergien. Unter anderem werden wir das Kreditbuch der DEGIRO zu flatex umziehen. Wir haben innerhalb der ersten sechs Monate bereits erhebliche Synergieeffekte realisiert. Weitere werden folgen. Das alles ist in den Erwartungen der Analysten noch nicht vollständig eingepreist. Die Kursziele für unsere Aktie liegen zwischen 51 und 70 Euro. Mir ist das aber immer noch zu wenig. Ich sehe da vielmehr die Aussicht auf eine nochmals deutliche Steigerung des Shareholder Value.

Wir operieren jetzt paneuropäisch in 18 Ländern. Wenn Sie sich anschauen, wo wir wie aktiv sind, dann erkennen Sie das Potenzial.

Frank Niehage, CEO der flatexDEGIRO AG

Wie weit blicken Sie da in die Zukunft?

Es ist unsere Vision, dass flatexDEGIRO 2025 mindestens drei Millionen Kunden zählt und über 100 Millionen Transaktionen im Jahr abwickelt. Selbst in Jahren mit nur durchschnittlicher Volatilität der Märkte. Wir operieren jetzt paneuropäisch in 18 Ländern. Wenn Sie sich anschauen, wo wir wie aktiv sind, dann erkennen Sie das Potenzial. Wir sind unter den Top 3 in Deutschland, die Nummer 1 in den Niederlanden, in Österreich und Frankreich. Dort, aber mindestens genauso sehr auch in den übrigen Ländern können und wollen wir noch erheblich wachsen.

Drei Millionen Kunden – das klingt nahezu unglaublich, wenn man die Zahl der Aktionäre in Deutschland gegenüberstellt.

flatex entwickelt sich weiter. Als Bernd Förtsch flatex gegründet hat, stand das Motto „einfach günstig handeln“ im Vordergrund. Das einfache Preismodell, die Flat-Fee, war damals revolutionär. Und der Slogan und das Geschäftsmodell dahinter waren wesentlich für diese einmalige Erfolgsgeschichte, die wir geschrieben haben. Wir haben heute über 400.000  flatex-Kunden in Deutschland und Österreich. Das ist viel, wenn Sie bedenken, dass wir bislang ausschließlich besonders Handelsaktive angesprochen haben. Von 83 Millionen Deutschen sind das allenfalls ein bis zwei Millionen. Über dieses angestammte Geschäft mit hochaktiven Kunden, was wir als flatex classic bezeichnen, wollen wir hinauswachsen.

Auf classic folgt?

Wir wollen jetzt die nächste Kundenschicht erschließen. Menschen, die sich mit dem Thema Geldanlage auseinandersetzen, aber nicht gleich wissen, was OTC, Limit-Order oder Stop-Loss ist und es womöglich zunächst auch gar nicht wissen wollen. Wir können nicht von uns auf andere schließen. Sie und ich, wir befassen uns am Tag zehn bis zwölf Stunden mit der Börse. Es gibt viele Kunden, die investieren fünf Minuten – die Woche. Wir sehen hier zehn Millionen potenzielle Kunden in Deutschland, die so agieren. Diese Kunden werden wir mit flatex next erreichen. Mit flatex next kann man innerhalb von fünf Minuten Kunde werden und ein Depot eröffnen. Durch übersichtliche Kategorien finden sich Kunden intuitiv in unserem einzigartigen Produktangebot zurecht. So finden sich unter dem Label „flatex green“ besonders nachhaltige Aktien und ETF-Sparpläne. Wenn man dann die ersten Schritte gemacht hat und sich wohlfühlt, kann man mit nur einem Klick zu flatex classic wechseln. flatex next macht alles viel einfacher.

flatex next macht alles viel einfacher.

Frank Niehage, CEO der flatexDEGIRO AG

Das beanspruchen auch sogenannte Neo-Broker für sich.

Wir nehmen jeden Wettbewerber ernst, auch die kleinen. Aber die Idee zu flatex next kam uns bereits vor zwei Jahren. Damit ist das Angebot keine Antwort auf die neuen Spieler. Wir machen nichts, weil es andere machen, sondern weil wir es richtig finden. Und es muss natürlich in die Zeit passen.

Hat es bisher nicht gepasst?

Wenn Sie wissen wollen, ob wir flatex next vor vier oder vor zwei Jahren gemacht hätten, lautet die Antwort: „Nein“. Aus einem einfachen Grund: Wir hatten damals weder den Fokus auf diese Zielgruppe noch die Mittel, um das umzusetzen. Wenn man ein wirklich gutes, innovatives Produkt für eine so breite Kundenschicht schaffen möchte, dann braucht man auch die entsprechenden Budgets, um Werbung dafür zu machen.

Sie engagieren sich neuerdings im Fußballgeschäft.

Gerade um für flatex next die erforderliche Markenbekanntheit zu schaffen, war die Entscheidung, Hauptsponsor der Borussia aus Mönchengladbach zu werden, goldrichtig. Borussia Mönchengladbach ist ein sympathischer, erfolgreicher Traditionsverein mit hoher Strahlkraft in Deutschland. Und dazu kommt: Der Verein spielt international erfolgreich in der Champions League. Für uns hat das den charmanten Vorteil, dass wir beide Marken in den Vordergrund rücken können, jeweils an den richtigen Stellen. flatex ziert die Bundesliga-Trikots. DEGIRO die Trikots für europäische Wettbewerbe.

Kommen wir noch einmal zurück auf das Thema Neo-Broker. Die Challenger-Broker, wie sie sich gern selbst auch nennen, ziehen gerade hohe Aufmerksamkeit auf sich. Macht Ihnen die 0-Euro-Order zu schaffen?

Nein, denn wir bieten value for money. Der Preis ist doch nicht alles. Wenn ich 5.000 Euro anlege und nur hier und da mal einen Trade absetze, hinterfrage ich vielleicht nicht in erster Linie die Struktur und Sicherheit eines Anbieters. Wenn ich aber wirklich an der Börse handeln möchte, dann sind Punkte wie Zuverlässigkeit, Qualität, Sicherheit ganz entscheidend. Dann will ich auch nicht auf einen einzigen Handelsplatz limitiert werden. Intuitive Bedienung, sprich Usability, ist ebenso bedeutend. Was nützt es mir denn als Kunde, wenn ich vermeintlich „umsonst“ handeln kann, aber im entscheidenden Moment meine Order gar nicht platzieren kann, weil mein Broker unter der kleinsten Last zusammenbricht?

Solche Spitzen gab es zuletzt zuhauf. Liefen Ihre Systeme stabil?

Absolut. Um für unsere Kunden da zu sein, wenn es darauf ankommt, haben wir viel in die Infrastruktur investiert: 30 Millionen Euro in den letzten drei Jahren. Noch ein Wort zum Pricing: Wir haben in diesem Jahr ohne 0-Euro-Trades Hunderttausende Kunden hinzugewonnen. Auch alteingesessene Wettbewerber haben Kunden hinzugewonnen – und die sind zumeist deutlich teurer als wir. Wer sich zu sehr auf die Preissensibilität der Kunden verlässt und glaubt, als Billigheimer dauerhaft erfolgreich zu sein, der liegt falsch. Wir wollen gar nicht der Billigste sein. Sondern der Beste.

Dennoch setzen Sie jetzt bei flatex next auf den Entfall von Ordergebühren?

Für Neukunden in den ersten sechs Monaten, ja. Das senkt die Hemmschwelle, sich mit dem Produkt auseinanderzusetzen. Wir wollen den Menschen den Zugang so einfach wie irgend möglich machen. Wir haben ein tolles Produkt. Interessierte sollen Gelegenheit haben, es ohne Risiko und große Kosten zu testen. Das Motto „#JederVerdientRendite“ ist ernst gemeint. Davon ab: Produkt und Preisfindung bei flatex next sind auch ein schöner Schuss vor den Bug für alle Billigheimer im Markt. Wir zeigen: Qualität und Free-Order schließen sich nicht aus.

Flatex (WKN: FTG111)

Lassen Sie uns zum Schluss noch über flatexDEGIRO als börsennotiertes Unternehmen sprechen. Sie haben gerade den Sprung in den SDAX geschafft, werden am 21. Dezember erstmals in ihm enthalten sein (Anm. d. Redaktion: Inzwischen ist die SDAX-Aufnahme erfolgt). Wären Sie im TecDAX nicht auch gut aufgehoben?

Das hängt nicht von uns ab. Darüber entscheidet die Deutsche Börse. In den TecDAX werden nur Unternehmen aus dem Technologiesektor aufgenommen. Von der Einstufung, ob wir ein Finanz- oder ein Technologieunternehmen sind, hängt ab, ob wir für den TecDAX berücksichtigt werden können. In meinen Augen sind wir natürlich beides: Finanz- und Technologieunternehmen.

Warum sollte irgendwann flatexDEGIRO nicht auch ein Kandidat für den DAX40 sein?

Frank Niehage, CEO der flatexDEGIRO AG

Auf SDAX und TecDAX folgt der MDAX. Rechnen Sie sich hier Chancen aus?

Eine Aufnahme in den MDAX ist in meinen Augen zukünftig sehr wahrscheinlich. Wenn wir weiter wachsen wie zuletzt, dann ist das für mich nur der nächste logische Schritt. Und warum sollte irgendwann flatexDEGIRO als europäischer Marktführer mit starkem Wachstum und starken Margen nicht auch ein Kandidat für den DAX40 sein?

Zur Person

Frank Niehage ist in Deutsch­land zugelassener Rechts­anwalt und verfügt nach Stationen bei Credit Suisse, der Bank Sarasin und Managing Director bei Goldman Sachs über umfang­reiche Kenntnisse des Bankwesens sowohl im Privat­- als auch im Geschäfts­kundensegment. Seit 2014 arbeitet er als Vorstandsvor­sitzender der flatexDEGIRO AG an der Eroberung des europäischen Broker­-Marktes.

Dieses Interview ist in DER AKTIONÄR Jahrbuch 2021 erschienen, welches Sie hier als digitales E-Paper herunterladen können.

Hinweis auf Interessenkonflikte:

Herr Bernd Förtsch, Verleger und Eigentümer der Börsenmedien AG, hält mittelbar eine wesentliche Beteiligung an der flatexDEGIRO AG, die unter den Marken flatex und degiro Online-Brokerage betreibt.