03.05.2020 Dr. Dennis Riedl

Eine kleine Geschichte der Bullen- und Bärenmärkte des S&P500

-%
S&P 500

Der amerikanische Leitindex hat seit seinem Tief am 23. März satte 29 Prozent an Wert hinzugewonnen. Nach der klassischen Beschreibung hat er damit die kürzeste Bärenmarktphase seiner Geschichte abgeschlossen. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die bisherigen Bullen- und Bärenmärkte der letzten knapp 100 Jahre – und prüft, ob sich hieraus auch eine Prognose für den „neuen Bullenmarkt“ ableiten lässt.

Nach klassischer Definition: S&P500 längst wieder ein Bulle

„Verliert ein Index in einem Bullenmarkt 20 Prozent an Wert, geht er in einen Bärenmarkt über. Gewinnt er in diesem wiederum 20 Prozent ausgehend von seinem Tief, tritt er in einen neuen Bullenmarkt ein“: Das ist die klassische (wenn auch recht willkürliche) Definition, um an der Börse zwischen aufwärts und abwärts gerichteten Phasen zu unterscheiden. Der letzte Bullenmarkt lief nach dieser simplen Einordnung vom 23. März 2009 bis zum 12. März 2020, ehe das Coronavirus ihm kürzlich den tödlichen Schlag versetze. Der sich anschließende Bärenmarkt war dann jedoch nicht jener völlige Zusammenbruch, den viele nach der elfjährigen Superhausse erwartet haben. Nach dem dynamischen 34-Prozent-Verlust schaffte er bereits zum 8. April wieder einen 20-Prozent-Anstieg seit seinem Tief. Hier die Liste der bisherigen Bärenmärkte des S&P500 seit 1970. In der gesamten Zeitperiode seit 1928 gab es insgesamt 26.

Bärenmärkte im S&P500 seit 1970.

Wie lange halten sich Bullen- und Bärenmärkte typischerweise?

Interessant: Keiner der Bärenmärkte dauerte länger als ein Kalenderjahr. Doch nun sind wir ja bereits formal zurück unter den Bullen: Eine zentrale Frage ist dann natürlich, wie lange man nun mit dem neuen Bullenmarkt „rechnen“ kann. Lässt sich hierzu überhaupt eine sinnvolle Aussage treffen? Dazu ein Blick auf die bisherigen Bullenmärkte der letzten 50 Jahre:

Bullenmärkte im S&P500 seit 1970.

Große Spannen in jeglicher Hinsicht

Die Dauer der Bullenmärkte reichte von 2,5 Monaten bis zu 11 Jahren – eine gewaltige Zeitspanne. Die Bullenmärkte zeigten (nach dem initialen 20 Prozent-Anstieg) maximale Kursgewinne zwischen 0 Prozent (1920) und rund 200 Prozent (2009 bis 2020). Diese Spanne ist ebenfalls riesig.

Konsequenz: Würde der aktuelle Bullenmarkt schon bald wieder in sich zusammenfallen, wäre es der mit Abstand kürzeste in der Geschichte. Allerdings haben wir gerade bereits den kürzesten Bärenmarkt der Geschichte erlebt – so viel also zur möglichen Vorhersagekraft dieses Ansatzes. Insgesamt ist es aber vor allem die geringe Fallzahl in Kombination mit der riesigen Streuung der Ergebnisse, die zu dem Schluss führen: Die klassische Definition von Bullen- und Bärenmärkten ist im Rückspiegel zwar wunderbar zur Beschreibung langer Hausse- und Baissephasen geeignet. Zur Vorhersage der künftigen Börsenrichtung kann sie jedoch leider keinen statistischen Vorteil für Anleger beitragen.

Buchtipp: Narrative Wirtschaft

„Tech-Aktien steigen immer!“ „Immobilien­preise fallen nie!“ Stimmt das wirklich? Ob wahr oder nicht, solche Narrative, oder einfacher gesagt Geschichten, beeinflussen das Verhalten von Menschen und somit auch die Wirtschaft massiv. Wie entstehen Narrative? Wie gehen sie viral, wie gewinnen sie an Einfluss, wann verlieren sie diesen wieder? Welche Auswirkungen haben sie? Und, last, but not least: Wie lassen sich mit ihnen ökonomische Zusammenhänge und Entwicklungen besser verstehen und vorhersagen? Diese Fragen untersucht Wirtschafts-Nobelpreisträger Robert J. Shiller in seinem vielleicht wichtigsten Buch.

Autoren: Shiller, Robert J.
Seitenanzahl: 480
Erscheinungstermin: 16.03.2020
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-86470-666-0