29.01.2016 Martin Weiß

Blackberry: Was bin ich?

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Trendthema

Kennen Sie Robert Lembke? Der Altmeister deutscher Fernsehunterhaltung moderierte in den 1980er-Jahren die populäre Quizsendung „Was bin ich?“, in der ein Rateteam mehr oder weniger ausgefallene Berufe erraten musste. Gelang das innerhalb einer festgelegten Spanne von zehn Fragen nicht, durfte der Gast ein Sparschwein mit 50 D-Mark – fünf D-Mark gab es für jede falsch beantwortete Frage – mit nach Hause nehmen. „Was bin ich?“ ist längst in der Mottenkiste deutscher TV-Unterhaltung verschwunden. Die Frage an sich hat aber nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Zu gerne würde man schließlich wissen, was Blackberry tatsächlich ist: a) der Anbieter einer Mobile-Plattform? b) ein Softwareunternehmen? oder c) ein Smartphonehersteller? Die richtige Antwort lautet: a, b und ein bisschen c.

Doch der Reihe nach. Die von Vorstandschef John Chen 2014 eingeleitete strategische Neuausrichtung hin zum Anbieter von sicheren Mobility- Softwarelösungen verlief vielen Investoren bislang nicht schnell genug und belastete über weite Teile des Börsenjahres 2015 den Aktienkurs. Nach einer Seitwärtsbewegung um die Marke von zehn Dollar schmierte das Papier bis Anfang Oktober um 40 Prozent im Wert ab und bestätigte damit all jene, die Blackberry ohnehin abgeschrieben hatten. Kaum jemand erwartete zuletzt noch etwas von Blackberry, schon gar nicht das PRIV. Mit dem neuen Smartphone, das erstmals nicht auf der eigenen Plattform, sondern auf Android basiert, ist dem Konzern ein Überraschungscoup gelungen. Bei Wal- Mart und der Elektronikkette BestBuy war das mit einer physischen Ausziehtastatur ausgestattete PRIV nach dem Verkaufsstart Anfang November jedenfalls zügig ausverkauft. Dass Chen bei der jüngsten Pressekonferenz Details zu den verkauften Stückzahlen des PRIV trotzdem schuldig blieb und stattdessen die Gesamtverkäufe nannte (700.000 Einheiten), gehört zu seiner Strategie, die Konkurrenten im Unklaren zu lassen. Blackberry bedient mit seinen Produkten noch immer 25 Millionen Kunden. Für den Fall, dass „nur“ 20 Prozent auf das PRIV aufspringen, entspricht dies einem Umsatzpotenzial von 3,5 Milliarden Dollar. Träumerei? Tester bescheinigen dem Smartphone gute bis sehr gute Eigenschaften. Dass das PRIV mit einer Slider-Tastatur daherkommt und – dank Android – den Nutzern das Tor zu Googles App-Universum öffnet, spricht ebenfalls für die Hardware. Und Chen verspricht: „2016 wird ein preisgünstigeres Modell verfügbar sein.“

Damit dürfte sich das positive Momentum in der Geschäftsentwicklung 2016 fortsetzen. Zuletzt meldete Blackberry Quartalserlöse von 557 Millionen Dollar. Der Wert lag unter dem des Vorjahres, trotzdem zeigten sich die Investoren beeindruckt. Erstmals seit dem Konzernumbau gelang den Kanadiern nämlich ein sequenzieller Umsatzzuwachs. Darüber hinaus erhöhten sich die Erlöse in der Software- und Service- Sparte um 183 Prozent auf 162 Millionen Dollar. Die Entwicklung zeigt: Chens Plan, Blackberrys Kerngeschäft um das Thema sichere Softwarelösungen für mobile Plattformen auszubauen, nimmt Gestalt auf. Der Stratege weiß: Blackberrys Zukunft liegt nicht in Smartphones. 700.000 verkaufte Einheiten pro Quartal sind ordentlich. Apple aber verkauft 700.000 iPhones am Tag.

John Chen verfolgt ein anderes Ziel: Er will mit Blackberry in den milliardenschweren Markt für autonomes Fahren. Der Konzern ist über seine Tochter QNX bereits der wichtigste Zulieferer für die Autoindustrie, wenn es um Infotainment-Systeme geht. Dazu zählen unter anderem das virtuelle Cockpit im Audi TT oder ConnectedDrive im BMW. Mit Ford zog QNX Ende 2014 einen weiteren Topkunden an Land. Der Autobauer nutzt die QNXPlattform für sein Sync-3-System und katapultiert die Kanadier damit in eine eigene Liga. „Unsere Software befindet sich weltweit in 60 Millionen Fahrzeugen“, freut sich Chen. Experten schätzten, dass der Vorsprung des Unternehmens in dieser Sparte auf Jahre hinaus nicht einzuholen ist. Damit das so bleibt, fädelte Chen zuletzt einen Deal mit Luxoft ein. Gemeinsam mit dem Spezialisten für semi-autonome-Fahrzeugsysteme entwickelt QNX eine Art Plug-and-play-Lösung, mit deren Hilfe Autobauer entsprechende Fahrzeughilfen zukünftig problemlos verbauen können. „Es ist offensichtlich, dass wir bei der nächsten Automobilgeneration dabei sein wollen“, gibt Chen das Ziel vor. Seine Lieblings-Kooperationspartner verriet er in dem Interview ebenfalls: Tesla, Apple und Google.

Die Story um Blackberry dürfte im Börsenjahr 2016 an Fahrt gewinnen. Mit dem PRIV ist dem Konzern ein Überraschungserfolg gelungen, an den Chen mit weiteren Modellen unbedingt anknüpfen will. Die Softwaresparte mit Mobility-Lösungen für Unternehmen und dem Infotainment- Spezialisten QNX ist ein zusätzliches Highlight, das hohes Wachstumspotenzial bietet. Die Aktie ist bereits angesprungen, bietet aber noch viel Luft nach oben.