20.03.2019 Michael Schröder

AKTIONÄR Top-Tipp Sixt: Mobilität made in Germany - Aussichten, Hintergründe, Wettbewerber, Ziele - darauf kommt es jetzt an!

-%
Sixt
Trendthema

Sixt geht wieder auf die Überholspur. Der Autovermieter hat die Digitalisierung seines Geschäfts vorangetrieben und will mit der neuen Mobilitätsplattform den Markt kräftig aufmischen. Die Chancen auf Erfolg stehen nicht schlecht – auch wenn der Ausblick auf das laufende Jahr auf den ersten Blick zunächst recht konservativ erscheint.

An Selbstbewusstsein hat es bei Sixt nie gemangelt. Der Pullacher Autovermieter sorgte in der Vergangenheit mit seiner meist reißerischen und leicht provokanten Werbung immer wieder für Aufsehen. 2011 hat Sixt begonnen, den milliardenschweren Autovermietmarkt in den USA zu erobern – mit Erfolg. Nun wagt das familiengeführte Unternehmen den nächsten Schritt: Sixt verschmilzt die klassische Autovermietung mit dem modernen Carsharing-Geschäft. Der neue Carsharing-Dienst ist nach dem Ausstieg aus dem „DriveNow“-Joint-Venture mit BMW und Daimler vor einem Jahr sicher kein Gamechanger.

Doch Sixt hat noch ein Ass im Ärmel: Der Konzern vermittelt ab sofort auch Fahrdienste und Taxis und will mit einer Smartphone-App nichts weniger als den kompletten Mobilitätssektor revolutionieren. Dazu wurde Ende Februar mit der Smartphone-App „ONE“ eine auf Digitalisierung und künstlicher Intelligenz aufgebaute Mobilitätsplattform gestartet. „Es ist ein guter Tag für uns, ein schlechter für den Wettbewerb“, eröffnete Vorstandschef Erich Sixt vollmundig die passende Präsentation. „Mit dem heutigen Tag kommen wir als Marktführer in Deutschland unserer Vision eines globalen Anbieters individueller Mobilität ein großes Stück näher“, so der Macher weiter.

Startschuss ist gefallen
Doch der Weg dahin ist noch weit. Die Kunden können bisher erst an zwölf deutschen Flughäfen ein Auto über ihr Smartphone buchen und es dann per App öffnen, ohne zum Schalter gehen zu müssen. Die App weist den Weg zum Fahrzeug. Der Zündschlüssel liegt im Handschuhfach. Aktuell sind mehrere Tausend Fahrzeuge über die App vernetzt. Der Anfang wurde in Berlin gemacht. Weitere Städte sollen folgen. Mit digitalen Stationen beispielsweise auf Parkflächen von Hotels oder Parkhäusern will Sixt zudem noch näher zum Kunden kommen. Der Konzern will Carsharing mittelfristig an mindestens 500 Standorten in Deutschland und an über 2.200 Standorten weltweit anbieten. Im europäischen Ausland soll das Angebot Ende des Jahres starten. Am Ende erweitern die Bayern Schritt für Schritt ihr Produktangebot für den Markt der Mobilitätsdienstleistungen, den Branchenkenner allein in Europa auf knapp 400 Milliarden Euro im Jahr 2030 schätzen. Wie viele Autos aus der knapp eine Viertelmillion Fahrzeuge umfassenden Flotte des Unternehmens genau technisch umgerüstet werden sollen, damit sie auch für das Carsharing infrage kommen, gibt Sixt derzeit nicht preis.

Der nächste Schritt
Als Marktführer in der Autovermietung in Deutschland hat Sixt eine starke Kundenbasis aufgebaut. Durch die Verschmelzung von Autovermietung und Carsharing kann der Konzern noch besser auf deren Bedürfnisse eingehen und gleichzeitig die Auslastung der Flotte verbessern – und die Profitabilität. Mit „ONE“ gehen die Verantwortlichen den nächsten strategischen Schritt. Die notwendige IT kennt Sixt seit Jahren aus der Autovermietung und hat sie für das Carsharing weiterentwickelt. Mit der Auflösung des Carsharing-Joint-Ventures mit BMW und Daimler hat sich der Konzern auch die Rechte an der Software von „DriveNow“ gesichert. Diese wird nun von über 600 IT-Spezialisten in die neue Plattform integriert. Das System kann für rund eine Milliarde Buchungsanfragen pro Tag dynamische Preise für seine Mietwagen festlegen.

Die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Rollout sind also geschaffen. Ein finanzieller Kraftakt ist laut Sixt nicht mehr notwendig. Mit der Digitalisierung des Geschäfts und der Optimierung der analogen und digitalen Schnittstellen mutiert Sixt zu einem IT-Unternehmen mit angehängter Autovermietung und verfügt so über grenzenlose Skalierungsmöglichkeiten.

Auf Wachstumskurs
Der Wachstumsmotor brummt schon jetzt. Sixt konnte im abgelaufenen Geschäftsjahr bei allen relevanten Finanzkennzahlen einen signifikanten Zuwachs erzielen und neue Rekordwerte erzielen. Im laufenden Jahr soll der operative Konzernumsatz weiter deutlich steigen. Beim Gewinn tritt der Firmenlenker dagegen etwas auf die Euphoriebremse – und erwartet nur ein stabiles Ergebnis vor Steuern. Die Gründe sind nachvollziehbar: Neben den obligatorischen Risiken für die Konjunktur belasten laut Sixt ein höheres Marketingbudget, Anlaufverluste neuer Stationen für die Autovermietung und die Investitionen in die neue Mobilitätsplattform. Doch wer Sixt kennt, der weiß, dass er in der Regel bewusst konservativ plant.

USA im Fokus
In Europa hat Sixt eigenen Angaben zufolge mit seinem auf 16 Prozent gestiegenen Marktanteil den Wettbewerber Europcar überholt worden. Seinen Marktanteil in Deutschland schätzt der Branchenprimus auf 35 Prozent. Potenzial bieten vor allem die USA. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Sixt mit 58 Stationen und knapp 400 Millionen Euro Umsatz bereits die Nummer vier hinter Enterprise (nicht börsennotiert), Avis und Hertz. Doch der Abstand der Pullacher zu dem Trio ist groß: Die US-Player kommen auf einen Marktanteil von 70 Prozent, Sixt dagegen nur auf 1,25 Prozent. Doch der Vorstand zieht in dieser Lücke auch eine Chance für kräftiges Wachstum.

Cashcow Fahrdienste
Im Rahmen der neuen Mobilitätsplattform hat der Konzern mit SIXT ride noch eine dritte Sparte aus dem Hut gezaubert. In 250 Städten kann man über Sixt-Partner mit der App aus einem Pool von 1.500 Partnern seinen eigenen Fahrdienst oder Limousinenservice bestellen. Neben dem deutschen Taxigewerbe oder Anbietern wie Cabify zählen auch Big Player wie Lyft zu den Partnern. Ob und wie Lizenzen oder Provisionen gezahlt werden, verrät Sixt nicht. Apropos Lyft: Der US-Konzern will ähnlich wie Platzhirsch Uber in Kürze an die Börse und wird bei einem Umsatz von 2,2 Milliarden Dollar und einem Nettoverlust von 911 Millionen Dollar mit satten 20 Milliarden Dollar bewertet. Bei Uber sind die Relationen noch extremer. Wagt man den Vergleich mit dem profitablen Sixt-Konzern, dann könnte man dem heimischen Mobilitätsdienstleister in Sachen Börsenwert noch einiges an Luft nach oben zusprechen.

Eine weltweite Nummer 1 auf dem Mobilitätsmarkt gibt es nicht. In den USA fahren Uber und Lyft vorneweg, in China ist das Pendant Didi Chuxing. In Europa streben unter anderen das Duo BMW/ Daimler mit einem Carsharing-Projekt sowie Sixt die Poleposition an. Anders als die Autobauer hat der Autovermieter die Startlinie aber schon hinter sich gelassen.

Die Zukunft handeln
Das digitale Zeitalter verändert das Auto grundlegend. Immer mehr Menschen sehen die eigene Mobilität rational als Dienstleistung, für die man nur zahlt, wenn man sie benötigt. In Zukunft dürften also weniger Autos verkauft werden, dafür aber immer mehr Kilometer. Dem Smartphone kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Es hat das Potenzial, den Mobilitätsmarkt auf den Kopf zu stellen. Sixt hat die Zeichen der Zeit erkannt und dürfte – statt nur als Autovermieter mit begrenztem Wachstumspotenzial – dank der App neu wahrgenommen werden, auch wenn die finanziellen Effekte der neuen Plattform bis 2020 noch begrenzt sein dürften. Kann Sixt seine in der Autovermietung erfolgreich gelebte Gewinnmaximierung auch in die App übertragen, sollte die Aktie mittelfristig in deutlich höhere Kursregionen steigen. Anleger mit Weitblick steigen ein und fahren mit. DER AKTIONÄR spekuliert im Real-Depot weiter mit Aktie und Hebel-Zertifikat auf steigende Kurse. Der Turbo-Call im Depot notiert rund 1.200 Prozent im Plus.

Hinweis nach §34 WPHG zur Begründung möglicher Interessenkonflikte: Aktien oder Derivate, die in diesem Artikel besprochen / genannt werden, befinden sich im "Real-Depot" von DER AKTIONÄR.