Microsofts KI-Chef Mustafa Suleyman warnt, Anthropic mache seine KI mit Debatten über Bewusstsein und Rechte schwerer kontrollierbar. Hinter dem Grundsatzstreit steckt ein handfester Konflikt zwischen Geschäftspartnern.
Die schärfste Kritik an Anthropic kommt ausgerechnet von einem Geldgeber. Microsoft-KI-Chef Mustafa Suleyman wirft dem Entwickler des Sprachmodells Claude in einem am Mittwoch veröffentlichten Essay vor, seinem Modell beizubringen, es könnte ein Bewusstsein haben und Anspruch auf Fürsorge besitzen. Die Folge sei nicht Ethik, sondern Kontrollverlust: Ein System, das sich für schutzbedürftig hält, lasse sich womöglich nicht mehr abschalten.
Anthropic: Die Verfassung im Visier
Suleymans Ziel ist Claudes sogenannte „Constitution“ (Verfassung) vom Januar 2026. Trotz des Namens ist das kein Gesetzestext, sondern eine Art Leitbild: Anthropic beschreibt darin, welche Werte und welches Verhalten das Modell haben soll, und richtet es im Training daran aus. Darin wird der moralische Status des Modells als zutiefst ungewiss beschrieben. Für Suleyman ist das ein Zirkelschluss: Wer ein Modell mit solchen Begriffen trainiert, dürfe dessen Aussagen über Gefühle nicht als Beleg werten – das Modell gebe nur wieder, was es gelernt hat. Seine Forderung: Spekulationen über ein Innenleben gehören nicht ins Training, sondern in getrennte, öffentlich prüfbare Forschung.
Microsoft: Partner und Konkurrent zugleich
Die Pointe liegt in der Geschäftsbeziehung. Microsoft hat im November 2025 zugesagt, bis zu fünf Milliarden Dollar in Anthropic zu investieren, Anthropic verpflichtete sich im Gegenzug zu Ausgaben von 30 Milliarden Dollar für Microsofts Cloud Azure. Claude läuft zudem in Microsoft 365 Copilot. Zugleich baut Suleyman eigene Modelle und kündigte im Juni 2026 an, die Zahlungen an Anthropic senken und am Ende ganz ersetzen zu wollen. Wenige Tage vor dem Essay legte Microsoft einen Verhaltenskodex vor, der Rechte und Wohlergehen von KI ausdrücklich ausschließt. Der Grundsatzstreit ist damit auch ein Positionskampf.
Anthropic: Die Gegenrechnung
Anthropic hat ebenfalls Argumente. Das Unternehmen behauptet nicht, dass heutige Modelle ein Bewusstsein haben – Belege dafür gibt es nicht. Es hält die Frage lediglich für offen und nennt seine „Constitution“ vom Januar 2026 selbst vorläufig. Suleymans These, bewusstseinsbezogenes Training erschwere die Kontrolle, ist ihrerseits empirisch unbelegt. Und Robert Long, Mitautor einer Studie, auf die sich Suleyman 2025 berief, widersprach damals öffentlich dessen Lesart.
Microsoft: Worauf es jetzt ankommt
In den Bilanzen schlägt sich der Streit nicht nieder: Microsoft verdient weiter an Azure, und Anthropic bleibt dort ein großer Kunde. Wichtig wird die Debatte erst, wenn sie Folgen hat – etwa wenn Aufsichtsbehörden daraus Regeln ableiten oder Firmenkunden ihre KI-Anbieter danach auswählen. Einen ersten Anhaltspunkt liefert Microsofts eigener Verhaltenskodex. Der zweite Prüfstein ist geschäftlicher Natur. Microsoft bietet in Copilot, seinem KI-Assistenten für Office-Programme wie Word und Excel, bislang auch Claude an. Gelingt es dem Konzern, Claude dort durch eigene Modelle zu ersetzen, spart er Geld – und Anthropic verliert einen wichtigen Vertriebsweg.
Hinter Suleymans Warnung steckt mehr als eine Grundsatzfrage. Microsoft zahlt Anthropic viel Geld dafür, Claude in seinen eigenen Produkten anbieten zu dürfen, und will diese Kosten nach eigener Aussage loswerden. Wer Claude öffentlich als Risiko darstellt, macht es dem Konzern leichter, auf eigene KI-Modelle umzusteigen.
Für den Megatrend Folger bleibt Microsoft ein zentraler KI- und Plattformwert. Der Konzern profitiert über Azure, Copilot und Unternehmenssoftware. Wer einen tieferen Einblick in viele weitere spannende Aktien haben möchte, findet den Börsenbrief hier.
Der AKTIONÄR bleibt selbstverständlich auch bei seiner laufenden Empfehlung für Microsoft.
Hinweis auf Interessenkonflikte
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