Die US-Börsen kamen am Dienstag mit Rückenwind aus dem verlängerten Wochenende zurück. Getrieben von der ungebremsten KI-Euphorie stürmten der S&P 500 und der Nasdaq 100 auf neue Rekorde. Dabei hätte es eigentlich genügend Gründe zur Vorsicht gegeben: neue US-Angriffe im Iran, anhaltende Spannungen rund um die Straße von Hormus und steigende Ölpreise. Doch die Tech--Rally überstrahlt momentan jedes geopolitische Risiko. Nachbörslich bringen die Quartalszahlen von Modine, Zscaler und Semtech noch kräftige Kursbewegungen.
Zum Handelsschluss stand der marktbreite S&P 500 bei 7.519 Punkten und somit 0,61 Prozent höher als am Freitag. Der Tech-Index Nasdaq 100 gewann heute sogar 1,76 Prozent und nahm erstmals in seiner Geschichte die Hürde von 30.000 Punkten. Der Dow Jones konnte dagegen nicht mit der Tech-Rally Schritt halten und gab um 0,23 Prozent auf 50.462 Zähler nach.
Ölpreis steigt wieder Richtung 100 Dollar: Wie lange hält der Optimismus?
Obwohl sich der weiterhin schwelende Konflikt zwischen den USA und dem Iran heute an der Wall Street nicht bemerkbar machte, tritt Marktstratege Ian Lyngen von BMO Capital Markets auf die Euphoriebremse: Zwar setzten die Anleger aktuell klar auf eine diplomatische Lösung im Nahost-Konflikt, doch die Gespräche zwischen Washington und Teheran hätten in den vergangenen Monaten bereits mehrfach Rückschläge erlitten. Wirklich Entwarnung geben könne man deshalb erst, wenn konkrete Fortschritte auf dem Tisch lägen.
Während US-Präsident Donald Trump am Pfingstmontag noch von "vielversprechenden" Gesprächen mit dem Iran über ein Ende des Kriegs sprach, warnte er zugleich, dass die USA militärisch offensiver vorgehen könnten, falls die Verhandlungen scheitern sollten. In der Nacht zum Dienstag führten die USA nach eigenen Angaben "Verteidigungsschläge" im Süden Irans durch. Ziele seien unter anderem Raketenstellungen sowie iranische Boote gewesen, die Minen im Persischen Golf platzieren wollten, erklärte Tim Hawkins, Sprecher des US-Zentralkommandos.
Entsprechend machten die Ölpreise heute ihre Verluste des Vortages teilweise wieder wett. Die Nordsee-Sorte Brent stieg um 3,6 Prozent auf 99,58 Dollar. Ron Albahary, Investmentchef von LNW, bezeichnet die Basis der US-Wirtschaft deshalb derzeit als "vergleichsweise fragil" – der Inflationsdruck halte weiter an.
Neue Konjunkturdaten sorgten hingegen für etwas Zuversicht. Trotz der gestiegenen Energiepreise zeigt sich die Konsumlaune der US-Verbraucher robuster als erwartet. Der vom Conference Board erhobene Index für das Verbrauchervertrauen sank im Mai zwar leicht von 93,8 auf 93,1 Punkte. Volkswirte hatten im Vorfeld mit einem stärkeren Rückgang gerechnet. Nichtsdestotrotz bewegt sich die Stimmung damit im Vergleich zum Vorjahr auf einem niedrigen Niveau. Die Sorgen vor einer konjunkturellen Abkühlung bleiben daher bestehen.
Fantasie rund um KI und Weltraum beflügelt
Taktgeber waren am Dienstag wieder einmal die Chip-Aktien. Die Analysten überschlagen sich derzeit regelrecht mit neuen Kurszielen für KI-Gewinner à la Micron Technology oder Marvell Technology. So verdreifachte die UBS ihr Kursziel für den Speicherchip-Spezialisten Micron auf 1.625 Dollar und katapultierte das Unternehmen damit in den exklusiven Billionen-Dollar-Club (DER AKTIONÄR berichtete). Mit einem Tagesgewinn von 22 Prozent setzte sich der Titel heute sowohl im S&P 500 als auch Nasdaq 100 an die Spitze. Seagate, Western Digital und andere Speicherchip-Werte zeigen ebenfalls grüne Vorzeichen. Auch Marvell stand nach der Hochstufung durch die HSBC inklusive Kurszielanhebung von 85 auf 300 Dollar heute hoch im Kurs. Die Aktie notierte zum Handelsschluss rund sechs Prozent höher bei 208,26 Dollar.
Im schwachen Dow Jones gehörte die AKTIONÄR-Empfehlung Honeywell mit einem Plus von 1,7 Prozent zu den wenigen positiven Ausreißern. Die Quantencomputing-Tochter Quantinuum hat angekündigt, bei ihrem geplanten Börsengang eine Bewertung von bis zu 12,7 Milliarden Dollar anzustreben. Anleger setzen darauf, dass Honeywell als größter Anteilseigner massiv vom zunehmenden Quantencomputing-Hype profitiert.
Parallel zieht der Space-Sektor immer mehr Anleger in seinen Bann. Der bevorstehende Mega-Börsengang von Elon Musks SpaceX sorgt dafür, dass Anleger zunehmend auch auf potenzielle Mitprofiteure setzen. Weltraumaktien wie AST SpaceMobile, Redwire und Firefly Aerospace verzeichneten heute zweistellige Kursgewinne. Außerdem hat SpaceX von der US Space Force einen Auftrag über 2,29 Milliarden Dollar erhalten. Elon Musks Unternehmen soll bis Ende 2027 ein weltweites Satellitennetz für die sichere und schnelle Kommunikation militärischer Systeme aufbauen – unter anderem zur Raketenabwehr im Rahmen von Trumps „Golden Dome“-Initiative.
Quartalszahlen im Fokus
Einen zweistelligen Kursgewinn verbuchte auch Modine. Der Spezialist für Kühlsysteme gab am Vormittag einen milliardenschweren Großauftrag bekannt. Zwischen 2027 und 2029 wird Modine demnach einen wichtigen Data-Center-Kunden mit der Airedale-Technologie beliefern (DER AKTIONÄR berichtete).
Nachbörslich veröffentlichte das Unternehmen zudem frische Quartalszahlen. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 erzielte Modine einen Umsatz in Höhe von 954 Millionen Dollar, was einem Wachstum um nahezu 50 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal entspricht. Mit einem EBIT in Höhe von 126 Millionen Dollar bewegte sich die operative Marge exakt auf Vorjahresniveau. Der Gewinn je Aktie kletterte von 1,09 Dollar auf 1,43 Dollar. Die Ergebnisse lagen allesamt über den Analystenschätzungen. Zudem verwies das Unternehmen auf eine starke Auftragslage und enge Kundenbeziehungen und stellte somit erneut seine herausragende Position im boomenden Markt für Cooling-Technologien unter Beweis.
Die Aktien des Cloud-Sicherheitsunternehmens Zscaler brechen nachbörslich um rund 20 Prozent ein. Grund dafür ist ein enttäuschender Ausblick: Für das laufende Quartal stellte Zscaler einen Umsatz zwischen 875 und 878 Millionen Dollar in Aussicht und bleibt damit hinter den von Analysten erwarteten 879 Millionen Dollar zurück. Der bereinigte Quartalsgewinn in Höhe von 1,08 Dollar je Aktie hingegen übertraf die Prognosen. Auch der Umsatz lag mit 850 Millionen Dollar klar über der Erwartung von 835 Millionen Dollar.
Ein freundlicheres Bild zeigt sich bei Semtech. Die Aktie stieg nach US-Börsenschluss mehr als fünf Prozent. Der Halbleiterproduzent hat im ersten Quartal sowohl mit dem Umsatz in Höhe von 291 Millionen Dollar als auch mit dem bereinigten Gewinn je Aktie in Höhe von 0,51 Dollar die Erwartungen der Analysten übertroffen. Der Ausblick auf die Ergebnisse für das laufende Quartal fiel ebenfalls besser aus als erwartet.
Bereits vor dem Start des US-Handels überzeugte der israelische Rüstungs- und Luftfahrtkonzern Elbit Systems mit einem Umsatzplus von 15 Prozent auf 2,19 Milliarden Dollar, einem Gewinnsprung um satte 50 Prozent sowie einem Rekordauftragsbestand in Höhe von 30,2 Milliarden Dollar. Die Aktie gewann daraufhin kräftig und steht kurz vor der Rückeroberung der 50-Tage-Linie.
Bei Autozone hingegen drückte die leicht verfehlte Umsatzerwartung auf die Stimmung. Der Erlös belief sich im abgelaufenen Quartal auf 4,84 Milliarden Dollar statt der von Analysten angepeilten 4,87 Milliarden Dollar. Der Gewinn je Aktie lag mit 38,07 Dollar hingegen klar über der Schätzung. Das Papier verlor bis zum Ende der heutigen Handelssitzung dennoch neun Prozent.
Hinweis auf Interessenkonflikte:
Aktien der Modine befinden sich in einem Real-Depot der Börsenmedien AG.
Heute, 22:55