Die Woche in drei Sätzen
Es ist die Woche der beiden Preiszahlen mit einer Notenbank dazwischen: Am Donnerstagmorgen kommen die endgültigen deutschen Verbraucherpreise für August, am Donnerstagnachmittag entscheidet die EZB über die Zinsen und legt neue Projektionen für Wachstum und Inflation vor, am Freitagnachmittag folgt der amerikanische Verbraucherpreisindex. Der Rahmen dafür ist unbequem geworden – die Eskalation zwischen den USA und dem Iran hat Brent auf zuletzt gut 95 Dollar getrieben, in der Spitze über 97 Dollar und damit auf Wochensicht rund neun Prozent nach oben, die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen erreichte am Dienstag mit 4,80 Prozent den höchsten Stand seit Januar 2025, kam bis zum Wochenende aber wieder zurück, und der DAX schloss am Freitag bei 26.046 Punkten, nach drei Verlusttagen zwar behauptet über der Marke von 26.000 Punkten, auf Wochensicht aber mit einem Minus von rund zwei Prozent. Weil der Handel am Montag ohne die Wall Street beginnt – in den USA ist Labor Day –, liegt das Gewicht der Woche auf Mittwoch bis Freitag; den Ton setzt allerdings schon der heutige Sonntag, an dem gleich zwei Ergebnisse eintreffen: das des Ministertreffens der OPEC+ und das der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Deutschland
Aus dem DAX 40 kommen in dieser Woche keine Quartalszahlen mehr, die Berichtssaison ist abgeschlossen. Was bleibt, sind die Rückversicherer beim Rendez-Vous de Septembre in Monte Carlo: Munich Re macht heute um 14:00 Uhr den Anfang, Hannover Rück folgt am Montag um 8:00 Uhr, Swiss Re um 14:15 Uhr. Es ist der Auftakt der Januar-Erneuerung, in der die meisten Rückversicherungsverträge neu gezeichnet werden; was dort zu den Raten gesagt wird, entscheidet über die Margen des Folgejahres und ist für die Aktien wichtiger als jede Zahl aus dem laufenden Quartal – drei Stimmen in gut 24 Stunden, direkt gegeneinander zu lesen.
Den makroökonomischen Rahmen liefern am Montag die Industrieproduktion für Juli um 8:00 Uhr und die Sentix-Konjunkturerwartungen um 10:30 Uhr, die früheste Zahl, die den Ölpreisschub schon enthalten kann; am Dienstag folgt die Handelsbilanz. Am Donnerstagmorgen kommen die endgültigen Verbraucherpreise für August. Die Schnellschätzung wies 2,9 Prozent zum Vorjahr aus, die Kernrate 2,4 Prozent – die eigentliche Zeile steht darunter: Energie plus 10,5 Prozent, nach 8,3 Prozent im Juli und 3,4 Prozent im Juni. Politisch beginnt die Woche schon heute mit der Wahl in Sachsen-Anhalt, erste Zahlen um 18:00 Uhr. Sie trifft auf einen Montagshandel, dem wegen des amerikanischen Feiertags die Wall Street fehlt.
Europa
Der europäische Kalender ist dünn und lohnt genau deshalb den zweiten Blick. Inditex legt am Mittwochmorgen die Halbjahreszahlen vor und ist damit der aussagekräftigste Konsumwert der Woche; entscheidend ist nicht das abgelaufene Halbjahr, sondern der Start in das zweite und die Aussage zur Herbstkollektion. Am Dienstag laden Oerlikon und Sandoz zu Kapitalmarkttagen – der eine ein Zykliker, der seine Mittelfristziele in einem Umfeld deutlich gestiegener Kapitalkosten verteidigen muss, der andere ein defensiver Gegenpol zur ganzen Zinsdebatte. Associated British Foods liefert am Donnerstag mit dem Trading-Update zum vierten Quartal den Konsum von der günstigen Seite, dort vor allem über Primark. Und am Freitag früh meldet Fraport die Verkehrszahlen für August. Der August ist der Hauptreisemonat, aber die interessantere Zeile steht darunter: Die Frachtzahlen hängen unmittelbar am Welthandel und damit an der Zollfrage.
USA
Am Montag ruht der Handel in den USA: Labor Day. Der Mittwochabend gehört Apple: Um 19:00 Uhr beginnt das Special Event mit der Vorstellung neuer Produkte. Interessant ist diesmal weniger, was gezeigt wird, als was es kostet. Wie viel Preiserhöhung sich im Zollumfeld durchsetzen lässt, ohne Stückzahlen zu verlieren, ist die offene Frage des Quartals. Die Kursreaktion am Abend selbst ist historisch nur selten aussagekräftig gewesen; die Vorbestellzahlen der Folgewoche sind es. Der Donnerstag gehört der Software. Um 22:05 Uhr legt Oracle das erste Quartal des Geschäftsjahres 2026/27 vor. Adobe meldet das dritte Quartal am selben Tag, allerdings noch ohne genaue Uhrzeit. Die erste große Softwarezahl des Quartals ist allerdings keine der beiden: Salesforce hat bereits am 26. August vorgelegt, mit einem Umsatzplus von elf Prozent und einem laufenden Auftragsbestand von 33,5 Milliarden Dollar. Adobe ist der Stellvertreter für die Debatte darüber, ob Generative Künstliche Intelligenz das Abogeschäft angreift oder es verkauft; zu beachten ist, dass Adobe ein Quartal berichtet, das im August endet, die Vergleichbarkeit mit den Kalenderquartalen der Peers ist also begrenzt. Oracle ist der größere Brocken: Es ist der umsatzstärkste amerikanische Konzern, der in dieser Woche berichtet, und weil der Kurs längst nicht mehr am Datenbankgeschäft hängt, sondern am Ausbau der Cloud-Sparte OCI, ist es zugleich der direkteste Beleg dafür, ob sich die milliardenschweren Investitionen in Rechenzentren rechnen. Genau diese Frage treibt in einer Woche steigender Renditen mehr als jede Marge. Die Gegenprobe beim Konsumenten liefert Macy’s am selben Tag, einen Tag vor den Verbraucherpreisen.
Die Priorisierung folgt zwei Fragen: Was macht die EZB? Und welcher Termin kann die US-Zinserwartung für den 16. September noch verschieben?
EZB: Nicht der Schritt zählt, sondern die Projektionen
Am Donnerstag um 14:15 Uhr entscheidet der EZB-Rat, um 14:45 Uhr beginnt die Pressekonferenz. Getagt wird diesmal auswärts, in Berlin – am Mittwochabend sprechen Christine Lagarde beim Dinner der Deutschen Bundesbank und Joachim Nagel im Rahmen der Ratssitzung, beide um 19:00 Uhr und damit zeitgleich mit dem Apple-Event. Die Ausgangslage: Am 11. Juni hat die EZB die Zinsen erstmals seit September 2023 wieder angehoben, am 23. Juli hat sie pausiert. Seither liegen der Einlagensatz bei 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,40 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent. Eine weitere Anhebung gilt am Markt als weitgehend eingepreist; sie wäre die direkte Antwort auf den Ölpreisschub.
Genau deshalb ist der Zinsschritt das kleinere Ereignis. Der September ist einer von vier Monaten im Jahr, in denen die Fachleute der EZB neue gesamtwirtschaftliche Projektionen vorlegen. Die Junirunde wies für 2026 eine Inflationsrate von 3,0 Prozent und ein Wachstum von 0,8 Prozent aus, für 2027 eine Teuerung von 2,3 Prozent. Wird die Inflationsprognose für 2027 angehoben, ohne dass die Wachstumsprognose fällt, ist das die aggressivere der möglichen Kombinationen, und der Euro sollte fester tendieren, als der reine Zinsschritt es rechtfertigt. Fallen beide, ist es eine Stagflationsprognose, und dann wird die Pressekonferenz unangenehm.
Die entscheidende Frage an Christine Lagarde lautet deshalb nicht, ob erhöht wird, sondern warum. Ist dies eine einmalige Versicherung gegen einen Energiepreisschock, den die Notenbank als vorübergehend versteht? Oder ist es der zweite Schritt eines Zinspfads nach oben? Von der Antwort hängt ab, ob die Bankaktien den Renditeanstieg weiter in Kurse übersetzen können. Die Gegenprobe folgt sechs Tage später: Am 16. September entscheidet die Fed. Zwei Notenbanken, ein Ölschock, unterschiedliche Ausgangsniveaus.
Freitag, 14:30 Uhr: Die letzte Zahl vor der Fed
Am Freitag veröffentlicht das Bureau of Labor Statistics den Verbraucherpreisindex für August. Es ist die letzte harte Inflationszahl vor der Sitzung des Offenmarktausschusses am 15. und 16. September.
Die Messlatte liefert der Juliwert: Gesamtrate 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, Kernrate ohne Nahrungsmittel und Energie 2,5 Prozent, im Monatsvergleich ein Plus von 0,1 beziehungsweise 0,2 Prozent. Der Juli war damit noch ein milder Monat, getragen von nachgebenden Energiepreisen. Genau diese Stütze ist im August weggebrochen. Die Frage lautet deshalb nicht, ob die Gesamtrate steigt, sondern ob die Kernrate mitgeht. Bleibt sie bei 2,5 Prozent, war der Ölpreis ein Energiethema. Zieht sie an, ist er ein Inflationsthema, und die Debatte im Offenmarktausschuss verschiebt sich endgültig.
Der Kontext macht die Zahl schwerer, als sie es sonst wäre. Fed-Chef Kevin Warsh hat in Jackson Hole vor der seit fünf Jahren zu hohen Inflation gewarnt, sich auf eine Richtung aber ausdrücklich nicht festgelegt. Die Märkte haben daraufhin begonnen, eine amerikanische Zinserhöhung im September einzupreisen statt einer Senkung. Diese Erwartung ist zuletzt wieder abgebröckelt: Fed-Gouverneur Christopher Waller hat in der abgelaufenen Woche erste desinflationäre Zeichen ausgemacht und erklärt, er würde eine Zinspause im September unterstützen, sofern die Augustdaten die Fortschritte aus Juni und Juli bestätigen. Der überraschend robuste Arbeitsmarktbericht vom Freitag hat das Bild eher komplizierter gemacht als klarer. Wer die Zahl am Freitag liest, sollte deshalb zwei Dinge trennen: Die Gesamtrate macht die Schlagzeile, für die Fed zählt die Kernrate.
Die Vorstufe kommt schon am Donnerstag um 14:30 Uhr mit den Erzeugerpreisen – und damit ausgerechnet in dem Viertelstundenfenster zwischen dem Zinsentscheid der EZB um 14:15 Uhr und dem Beginn der Pressekonferenz um 14:45 Uhr. Lagarde tritt also vor die Mikrofone, während der Markt gerade die erste amerikanische Zahl verarbeitet, in der der Ölschock sichtbar wird. In den Erzeugerpreisen stehen zudem jene Dienstleistungspositionen, die direkt in die Berechnung der Preisreihe einfließen, an der die Fed ihr Ziel misst.
Es ist eine Woche mit zwei Fixpunkten und einem stillen Anfang. Sie beginnt streng genommen heute, mit Munich Re in Monte Carlo, dem Ministertreffen der OPEC+ und der Wahl in Sachsen-Anhalt. Der Montag gehört dann Europa allein, weil die Wall Street geschlossen bleibt, und was der DAX am Nachmittag macht, ist bei diesen Umsätzen kaum zu deuten. Ab Mittwochabend geht es Schlag auf Schlag: Apple, EZB, Adobe, Oracle und die Verbraucherpreise.
Die Woche liefert damit in kurzer Zeit einige wichtige konjunkturelle Impulse - Volatilität ist vorprogrammiert. Wer in diesem Umfeld die stärksten Kursbewegungen am Aktienmarkt systematisch identifizieren und gewinnbringend nutzen möchte, findet im TSI-Premium-System alles aus einer Hand.
Die laufenden Empfehlungen von DER AKTIONÄR:
Apple mit Kursziel 320 Euro und einen Stopp bei 215 Euro
Inditex mit Kursziel 70 Euro und einem Stopp bei 44 Euro
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