Als Satoshi Nakamoto Anfang 2009 die ersten Bitcoin erzeugte, verewigte er im sogenannten Genesis-Block eine Zeitungsschlagzeile über eine drohende zweite Rettungsaktion für britische Banken. Bitcoin und die zugrunde liegende Blockchain waren als Gegenentwurf zum traditionellen Finanzsystem gedacht: dezentral, ohne Intermediäre und unabhängig von Großbanken. Gut 17 Jahre später testet eines der größten Geldhäuser der Wall Street, wie sich genau diese Technologie für das eigene Geschäft nutzen lässt.
Die Investmentbank Morgan Stanley, die mehr als zehn Billionen Dollar an Kundenvermögen verwaltet, hat ein Digital Asset Lab eingerichtet, in dem Stablecoins, Tokenisierung und Anwendungen aus dem Bereich Decentralized Finance (DeFi) erprobt werden.
Das Labor ist Teil eines bestehenden Netzwerks von Innovationslaboren. Diese sollen es Mitarbeitern ermöglichen, neue Technologien zu testen, ohne die Kernsysteme der Bank zu gefährden, erklärte Megan Brewer, die bei Morgan Stanley den Bereich Market Innovation and Labs leitet, gegenüber Bloomberg. Pro Jahr durchlaufen bis zu 270 Projekte die Labore, die über Standorte wie New York, Glasgow und Bangalore verteilt sind. Dort müsse sich eine Technologie das Recht verdienen, im Konzern skaliert zu werden, so Brewer.
Neben Stablecoins will die Bank weitere Formen digitalen Geldes untersuchen, darunter tokenisierte Einlagen, digitale Zentralbankwährungen und tokenisierte Geldmarktfonds. Das Labor biete eine sichere, regelkonforme und abgeschottete Umgebung für diese Tests, sagte Amy Oldenburg, die das Digital-Asset-Team von Morgan Stanley leitet.
Fokus auf DeFi-Vaults
Besonderes Interesse gilt sogenannten DeFi-Vaults. Dabei handelt es sich um Vermögenspools, die per Software Kapital nach einer festgelegten Strategie auf dezentrale Märkte verteilen. Anleger zahlen meist Stablecoins ein und erhalten einen Token, der ihren Anteil abbildet; die Betreiber erheben Gebühren. Für Vermögensverwalter sind Vaults interessant, weil sie Investmentfonds ähneln, Teile von Portfoliomanagement und Verwaltung automatisieren und rund um die Uhr laufen.
Oldenburg sieht einen realistischen Weg, dass Vaults künftig eine Rolle spielen. Die Technologie sei jedoch noch zu jung, um den Rest der Plattform einem Risiko auszusetzen. Deshalb eigne sie sich für das Labor.
Das Lab ergänzt eine Reihe von Schritten, die Morgan Stanley in diesem Jahr im Kryptosektor unternommen hat. Im Februar beantragte die Bank bei der US-Bankenaufsicht OCC eine Lizenz als nationale Treuhandbank, um digitale Vermögenswerte selbst zu verwahren. Die OCC erteilte der geplanten Einheit Morgan Stanley Digital Trust inzwischen eine vorläufige, an Bedingungen geknüpfte Genehmigung.
Im April brachte die Bank mit dem Morgan Stanley Bitcoin Trust (MSBT) als erste große US-Bank einen Spot-Bitcoin-ETF unter eigenem Namen an die Börse – mit einer Jahresgebühr von 0,14 Prozent, der niedrigsten im Segment. In der ersten Woche flossen dem Fonds mehr als 100 Millionen Dollar zu. Zudem startete Morgan Stanley den Kryptohandel auf der Plattform E*Trade.
Regulatorischer Rückenwind für Tokenisierung
Die Bank bewegt sich damit in einem Umfeld, in dem Finanzinstitute ihre Investitionen in digitale Vermögenswerte ausweiten. Tokenisierung bezeichnet die Abbildung realer Vermögenswerte wie Aktien, Anleihen oder Fondsanteile auf einer Blockchain, wodurch diese schneller und rund um die Uhr gehandelt und übertragen werden könnten. Wall-Street-Häuser experimentieren seit rund einem Jahrzehnt mit der Technologie. Der Online-Broker Robinhood macht derweil jetzt Nägel mit Köpfen (DER AKTIONÄR berichtete).
Ein günstigeres regulatorisches Umfeld unter US-Präsident Donald Trump und Bestrebungen, traditionelle Finanzmärkte auf Blockchains zu verlagern, haben diese Aktivitäten zuletzt beschleunigt. Für Kunden von Morgan Stanley ändert sich durch das Labor vorerst aber nichts: Die Tests allein verschaffen Brokerage-Kunden noch keinen Zugang zu tokenisierten Einlagen oder DeFi-Vaults. Sie legen aber den Grundstein für die Einführung entsprechender Produkte.
Die Aktie von Morgan Stanley ist zuletzt von ihrem Rekordhoch im Juli zurückgekommen. Neben Gewinnmitnahmen nach dem starken Lauf seit Anfang 2025 dürfte dabei auch die wachsende Zurückhaltung bei Börsengängen eine Rolle spielen. Am Dienstag hat der Smart-Ring-Hersteller Oura das geplante IPO unter Verweis auf „unsichere Marktbedingungen“ auf Eis gelegt. Und OpenAI-Chef Sam Altman hat einen Börsengang seines Unternehmens ausgeschlossen, bis einige Sicherheitsbedenken ausgeräumt sind.
Das Geschäft mit Börsengängen ist äußerst lukrativ für die beteiligten Investmentbanken. Morgan Stanley tut aber trotzdem gut daran, Zukunftspotenziale im Kryptosektor auszuloten – zumal auch die Konkurrenz nicht schläft. Anleger, die der Empfehlung in Ausgabe 32/2026 gefolgt sind, bleiben investiert.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Bitcoin.
Der Autor hält unmittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Bitcoin.
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