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29.01.2021 Leon Müller

WallStreetBets: Zwingt der GameStop-Hype nicht nur Hedgefonds, sondern auch Robinhood und Trade Republic in die Knie?

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Das traditionelle Finanzsystem, die Wall Street wie man sie seit Jahren und Jahrzehnten kennt –  all das steht derzeit auf dem Kopf. Seit sich Anleger in Foren und Messenger Diensten austauschen und gezielt einzelne Aktien kaufen, hat die Volatilität erheblich zugenommen. Discount-Broker wie Robinhood in den USA und Trade Republic in Deutschland, drohen nun ausgerechnet ihre Kern-Kundschaft zu verprellen. Recherchen des AKTIONÄR zufolge könnte es jetzt für die sogenannten Neo-Broker eng werden. Die Kunden sind verägert, die Aufsichtsbehörden sensibilisiert.

Die Aktie von GameStop dümpelte Anfang Januar noch knapp unter der 18-Dollar-Marke. Doch was dann geschah, haben auch erfahrene Finanzprofis bislang nicht erlebt: In den vergangenen zwei Wochen stieg der GameStop-Kurs um insgesamt etwa 2.000 Prozent. Angetrieben von Investoren auf der Onlineplattform Reddit, die sich im Forum "WallStreetBets" organisierten, wurde der Kurs in scheinbar unendliche Höhen getrieben. Mit konzertierten Käufen zwangen die Kleinanleger Hedgefonds, ihre Wetten auf einen Kursverfall der Aktien aufzulösen. Was dann die Aktien in die Höhe trieb und den Fonds etliche Milliarden kostete.

"Broker-App sieht aus wie ein buntes Interface von Candy Crush"

Scott Galloway, Professor an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der New York University, wählt einen drastischen Vergleich: Die neuen Online-Handelsplattformen wie der bei den Reddit-Usern mehrheitlich genutzte Online-Broker Robinhood seien die neuesten Crack-Dealer, denen es darum gehe, bei den Kunden ständig die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin auszulösen. Sie setzten alles daran, um mit Game-Elementen ständig neue Deals anzuschieben: "Konfetti fällt, um Transaktionen zu feiern. Die Broker-App sieht aus wie ein buntes Interface von Candy Crush."

Bisher beispielloser Vorgang

Auch bei der Spekulation mit der GameStop-Aktie sah zunächst alles nach einer tollen Party aus: Doch als am Donnerstag sogar kurzzeitig bis zu 500 Dollar für eine GameStop-Aktie geboten wurden, zog Robinhood in einem beispiellosen Vorgang die Reißleine und blockierte weitere Käufe in der App. Der Kurs brach zeitweise bis auf 126 Dollar ein und schloss letztlich bei 194 Dollar. Der Handel mit den Papieren war bereits an den Vortagen zeitweise erheblich gestört, weil nicht nur Robinhood, sondern auch etliche andere Online-Broker von E-Trade und TD Ameritrade bis hin zu den Plattformen der großen Vermögensverwalter Charles Schwab und Fidelity den großen Andrang nicht mehr bewältigen konnten.

Robinhood findet in Trade Republic Nachahmer

Auch der deutsche Online-Broker Trade Republic stellte am Donnerstagabend ein Stopp-Schild auf. Die Aktien GameStop, der Kinokette AMC, von BlackBerry und Nokia sowie der Firmen Express Inc. und Bed Bath & Beyond Inc. seien "anscheinend aktuell Gegenstand von heftigen, koordinierten Kursspekulationen", schrieb der Berliner Neo-Broker an seine Kunden. "Wegen der damit verbundenen Risiken für Dich nehmen wir bis auf weiteres keine neuen Aufträge zum Kauf dieser Aktien an." Inzwischen hob Trade Republic das Kaufverbot wieder auf. Noch am Donnerstag brach auf Social Media Plattformen wie Twitter ein gewaltiger Shitstorm über den Berliner Neo-Broker herein.

Nächste Kaufwelle rollte noch vorbörslich

Robinhood hatte am Vorabend nach einem Sturm der Entrüstung von Anlegern angekündigt, die Handelsbeschränkungen für die heißgelaufenen Aktien von GameStop und Co. wieder zu lockern. Am Freitag zog der Kurs des Computerspielhändlers daraufhin wieder an - im vorbörslichen US-Handel zeitweise um rund 100 Prozent. Er blieb aber vom Höchststand weit entfernt.

Die Wirtschaft soll für alle funktionieren, nicht nur für die Wall Street

In den USA hatte die Entscheidung von Robinhood, nur noch den Verkauf der GameStop-Aktie zuzulassen, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Am Donnerstag schaltete sich sogar die oberste US-Politik in den Konflikt ein. Der künftige Vorsitzende des Bankenausschusses im US-Senat, Sherrod Brown, kündigte eine Anhörung "zum aktuellen Zustand des Aktienmarkts" an. Es sei an der Zeit für die Börsenaufsicht SEC und den Kongress dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft für alle funktioniere, nicht nur für die Wall Street. "Die Leute an der Wall Street scheren sich nur um die Regeln, wenn sie diejenigen sind, denen es wehtut", hieß es in Browns Statement.

Noch größer war der Frust bei Anlegern, die sich durch Robinhoods Beschränkungen auf ihrer Gewinnstrecke ausgebremst sahen. "Die nehmen das Geld von den Armen und geben es den Reichen", empörte sich beispielsweise Charlie Hancox von der Aktivisten-Plattform Inveez. Wie andere User warf er Robinhood-Chef Vlad Tenev vor, ihnen im Machtkampf mit den Hedgefonds in den Rücken gefallen zu sein.

Citron Research gibt Geschäft auf

Mit Citron Research, einem der Hedgefonds, der bei der Wette gegen GameStop die Segel strich und seinen Einsatz fast komplett einbüßte, kündigte der erste bekannte Shortseller am Freitag eine große Strategiewende an. Nach 20 Jahren will Citron Research seine "Short Reports" genannten Analysen einstellen, die Schwächen von Firmen aufzeigen sollen, gegen die der Fonds meist spekuliert. Sein Unternehmen wolle nicht länger zum Establishment gehören, es habe schließlich einst selbst als Außenseiter an der Wall Street begonnen, sagte Citron-Chef Andrew Left.

Robinhood wendet dank Milliardenspritze Pleite ab

Tenev bestritt in einem Interview mit Bloomberg TV, dass sein Unternehmen von den Playern an der Wall Street unter Druck gesetzt wurde. Robinhood habe selbst nicht genügend freies Kapital gehabt, um die Käufe der heiß gehandelten Aktien mit den notwendigen Einlagen abzusichern. Nach einem Bericht der New York Times musste Robinhood kurzfristig über eine Milliarde Dollar bei seinen Investoren auftreiben, um liquide zu bleiben. "Der Kauf-Stopp war eine technische und betriebliche Entscheidung", beteuerte Tenev. Mit dieser Antwort wollen sich die Betroffenen aber nicht zufrieden geben. Zwei frustrierte Robinhood-Kunden reichten Klagen gegen den Neo-Broker in New York und Chicago ein.

Trade Republic bleibt Antworten schuldig

In Deutschland bleibt der Berliner Neo-Broker Trade Republic, der Schätzungen zufolge bis zu 500.000 Kunden haben könnte, Antworten auf die Gründe für den Kauf-Stopp schuldig. In schwülstigem Start-up-Marketing-Sprech windet sich der Anbieter, der als Wertpapierhandelsbank von Bundesbank und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beaufsichtigt wird, aus der Verantwortung. In einem am Freitag an seine Kunden versendeten Schreiben heißt es: "Hintergrund waren Massenbewegungen in einigen wenigen Aktien, welche ungesehene Belastungsgrenzen bei Handelsplatzpartnern zur Folge hatten. Um die Stabilität des Handels für den Großteil des Marktes zu gewährleisten haben wir uns dazu entschlossen, Kauf-Orders bestimmter Aktien vorerst nicht mehr anzunehmen."

Anleger erleiden hohe Verluste aufgrund technischer Störung

Der Run auf Aktien von GameStop, Blackberry & Co zwang die offenbar anfälligen Systeme von Trade Republic stundenlang in die Knie. Der Neo-Broker stand für eine Stellungnahme bisher nicht zur Verfügung und ließ eine entsprechende Frist verstreichen. Kunden des Neo-Brokers schildern, sie hätten bereits an den Tagen zuvor immer wieder mit Schwierigkeiten im Handel und bei der Erreichbarkeit der App (Trade Republic bietet keinen Handel über Desktop-PCs/Laptops an) zu kämpfen gehabt.

LS Exchange bestätigt massive Probleme

Auf Anfrage des AKTIONÄR erklärt Lang & Schwarz: "Am Donnerstag den 28. Januar 2021 war der Handel an der LS-Exchange durch eine technische Störung bei einem Dienstleister der LS-Exchange nur eingeschränkt möglich. Die Einschränkung bezog sich auf den Limithandel, dieser war zeitweise (von 7:30 Uhr – 16:55 Uhr) nur eingeschränkt möglich. Der RQF-Handel an der LS-Exchange war uneingeschränkt möglich. Über den eingeschränkten Handel ist auf der Homepage der LS-Exchange informiert worden. Lang & Schwarz ist seinen Anforderungen als Market Maker vollumfänglich gerecht geworden. Wir bitten dennoch die Störung zu entschuldigen." Aufgrund der Schwierigkeiten wurden Kunden von Trade Republic auf den Handelsplatz Tradegate verwiesen. Schilderungen von Kunden ist zu entnehmen, dass dieses Ausweichen oftmals nicht möglich war, weil Order aufgrund technischer Probleme nicht platziert werden konnten. Statt Transaktionsbestätigungen zu erhalten, bekamen die Trade-Republic-Nutzer nur eine Fehlermeldung zu sehen.

Statt die Bestätigung über die erfolgreiche Ausführung einer Verkaufsorder zu erhalten, erschien bei vielen Trade Republic Nutzern nur eine Fehlermeldung.

Die Ereignisse am Donnerstag, insbesondere das einseitige Verbot von Käufen, könnte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht auf den Plan rufen. Es wirkt als sei Trade Republic unüberlegt dem Beispiel Robinhood gefolgt. Ein Brancheninsider sagte gegenüber dem AKTIONÄR, die Entscheidung sei nicht nachvollziehbar und dürfte innerhalb des Brokers zu personellen Konsequenzen führen. Ansonsten laufe Trade Republic Gefahr seine Partner zu verprellen. Im schlimmsten Fall hat Trade Republic sich für die Nachahmung entschieden, weil sonst drastische Konsequenzen gedroht hätten. US-Neo-Broker Robinhood wusste sich nur durch eine Milliardenschwere Kapitalspritze zu helfen, um den regulären Handel wieder aufzunehmen. Zahlreiche Kunden von Trade Republic kündigten im Gespräch mit dem AKTIONÄR an, ihre Konten bei Trade Republic nun zu schließen. Ein Nutzer, der seine GameStop-Position nicht schließen konnte, sagt: "Mir geht es eher ums Prinzip als ernstgemeinte Schadensersatzforderungen. Ich habe halt das Vertrauen zu Trade Republic verloren..."

Mit Material von dpa-AFX