Neue Ausgabe: 12 Top-Aktien für Post-Corona-Ära
23.11.2019 Andreas Deutsch

„Natürlich Aktien! Was denn sonst?!“

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DAX
Trendthema

Ralf Dörper ist erfolgreicher Musiker – und Börsenfan. Jahrzehntelang hat der 59-Jährige als Analyst bei der WestLB gearbeitet. Investiert hat er immer – zum Beispiel in EM.TV. Der Börse ist er treu geblieben, der Musik ebenfalls. Seit dem 21. November ist Dörper mit seiner Band Die Krupps auf Europatournee.  

DER AKTIONÄR: Herr Dörper, vor 35 Jahren erschien „Dr. Mabuse“ Ihrer Band Propaganda. Dieser und weitere Songs wurden in vielen Ländern zu Hits. Es regnete Goldene Schallplatten. Nur leider hatten Sie nichts davon. Wie kam das? 

Ralf Dörper: Unsere Plattenfirma hatte uns einen ziemlich unfairen Vertrag gegeben. Das war so eine Art Knebelvertrag, der der Plattenfirma Zugriff auf unsere Geldströme ermöglichte. Dieser Vertrag war auf 1960er-Jahre-Niveau – im Grunde eine Unverschämtheit. Für uns blieb kaum etwas übrig. Die Plattenbosse zahlten uns einfach nichts. Die sagten: „Ihr habt Schulden.“ 

Wie haben Sie reagiert? 

Wir haben den Vertrag juristisch prüfen lassen und entschieden uns dann, zu klagen. Wir nahmen uns einen Musikanwalt, der wirklich spitze war. Der hat übrigens auch Johnny Rotten von den Sex Pistols vertreten. Rotten wurde auch ungerecht behandelt und klagte ebenfalls gegen seine Plattenfirma.  
Wir steckten wirklich in der Bredouille, weil unsere Plattenfirma gegen uns eine Einstweilige Verfügung erwirkt hatte, was praktisch einem Berufsverbot gleichkam. Unsere Konten waren eingefroren. Wir machten uns Sorgen, ob wir uns den Prozess leisten könnten – und ob wir ihn gewinnen würden. Damals, in den 80ern, waren Deutsche in Großbritannien oft unbeliebt. Der Zweite Weltkrieg war noch immer in den Köpfen vieler Menschen. Wir sahen uns im Nachteil als deutscher Kläger in London gegen ein britisches Unternehmen.  
Zum Glück hat die Plattenfirma eingelenkt, und zwar zwei Tage vor Prozessbeginn! Wir durften den Vertrag verlassen und woanders unterschreiben. 

Um Geld zu verdienen, entschieden Sie sich für einen ungewöhnlichen Weg. 

Zu der Zeit bekam ich die Chance, ein Trainee-Programm bei der WestLB zu machen. Das Thema Aktien fand ich spannend, also kam ich in die Analysten-Abteilung.  

Börse war damals totale Nische. Wie haben Sie die Anfänge bei der WestLB erlebt? 

Man hatte es nicht einfach als Analyst. Es gab kein Internet, es gab keine Investor-­Relations-Abteilungen. Wir hatten oft große Probleme, an Informationen zu kommen. Wenn wir Fragen zu einem Unternehmen hatten, dann wendeten wir uns direkt an Vorstandsvorsitzende oder Finanzvorstände.  
Als 1988 der DAX aufgelegt wurde, nahm das Thema Börse in Deutschland so langsam Fahrt auf. Ausländische Großinvestoren sahen sich nun deutsche Konzerne an und investierten. Die Kurse stiegen.  
Wir als Analysten trugen zu der positiven Entwicklung bei, indem wir für Aufmerksamkeit sorgten. 

Was haben Sie gecovert? 

Ich bin beim Maschinenbau gelandet. Später kam Stahl dazu. Old Economy. Die Unterhaltungsbranche gab es ja noch nicht an der Börse. Vielleicht hätte ich mich dafür entschieden.  

Was wurde damals von einem Analysten erwartet? 

Ich muss dazu sagen, dass es 1987/1988 schon einige Analysten in Deutschland gab, es aber kein rechtlich geschützter Begriff war. Ich war später einer der Ersten, die eine Ausbildung nach DVFA-Kriterien gemacht haben. Die DVFA-Regeln legen klar fest, was ein Analyst können muss und was er zu leisten hat.  
Unsere Mindestaufgabe war die Bilanzanalyse. Dazu erwartete man von uns, Investmentthemen zu finden. Es flog einem nichts zu, also musste man investigativ  werden, sich etwas einfallen lassen. Dabei musste man schnell sein, sonst konnte es sehr gut passieren, dass ein Analyst von einer anderen Bank die Investmentidee vor dir veröffentlicht hat.  

Haben Sie damals auch sofort selbst investiert? 

Ja, aber die Summe hielt sich in Grenzen. Als Trainee habe ich ja nicht viel verdient und unsere Konten waren noch eingefroren. Zum Glück, muss man fast sagen, denn 1987 kam ja der Crash.  

Lief es später besser? 

Ich hatte Glück, dass ich Old-Economy-Analyst war, als der Neue Markt durchstartete. Deswegen erlaubten es mir die Compliance-Regeln, in Wachstumswerte zu investieren. Man durfte nur nicht Aktien aus dem eigenen Sektor kaufen.  
Wie es das Schicksal will, veröffentlichten mein Team und ich zu der Zeit eine Stahlstudie, die in der Branche für Aufsehen sorgte. Bei einem internationalen Ranking von Reuters landeten wir in den Top 10.  Meine Vorgesetzten fanden das natürlich gut. Trotzdem teilten sie uns mit, dass unser Bereich heruntergefahren wird. Begründung: Stahl interessiere keinen mehr. Es sei nun einmal die Zeit der Wachstumswerte gekommen. 

Welche Wachstumswerte hatten Sie im Portfolio? 

Ich habe unmittelbar nach dem IPO EM.TV gekauft, nachdem ich bei der Zeichnung leer ausgegangen war. Zunächst bewegte sich der Kurs nicht, bis Medienwerte plötzlich sexy waren. Die Aktie stieg und stieg und ich war bald weit im Plus. Mein Buchgewinn war irgendwann siebenstellig. Damals gab es noch eine sechsmonatige Spekulationsfrist. Ich musste nicht mehr lange warten, bis ich die Gewinne steuerfrei hätte einstreichen können. Gegen die Vernunft sagte ich mir: Noch nicht verkaufen, abwarten, die Aktie wird sich oben halten! Doch plötzlich wollte Bundesfinanzminister Hans Eichel mehr vom Kuchen abhaben – und verlängerte die Spekulationsfrist auf zwölf Monate.  
Dann platzte die Börsenblase – die Gewinne lösten sich Stück für Stück auf. Ein paar Millionen Mark Gewinn habe ich so mit EM.TV liegen lassen. 

Die meisten Aktien am Neuen Markt waren schnell absurd hoch bewertet. Trotzdem haben Sie als jemand, der von Berufs wegen genau auf Kennzahlen achtet, investiert. 

Das Momentum war nun einmal stark – das musste man nutzen.  

War die Börse eigentlich auch Thema bei Ihren Bandkollegen? 

Bei meiner anderen Band, den Krupps, hatten wir damals einen Gitarristen aus den USA namens Lee Altus, der fand das Thema super spannend. Der ist irgendwann nach Amerika zurück und war eine Zeitlang Day­trader.  
Viele Musiker hatten ein Faible für Aktien. Auch Joey Ramone, verstorbener Sänger der Kultband Ramones, hat eine ganze Weile intensiv an der Börse spekuliert – und das als Punkrocker. 

Herr Dörper, 2014 sind Sie bei der WestLB ausgeschieden. Sind Sie der Börse trotzdem treu geblieben? 

Natürlich. Wo soll man denn investieren, wenn man seit Jahren nirgendwo mehr Zinsen bekommt? Ich werde nächstes Jahr 60. Normalerweise sollte ich den Anleiheanteil in meinem Depot hochfahren. Doch diese alte Regel gilt meiner Meinung nach nicht mehr – auch dort bekommt man kaum Rendite mehr. 
Ich habe in einem Interview bereits gesagt, dass es dumm ist, keine Aktien zu haben. Man sollte keine Angst davor haben, dass die Aktienkurse nachgeben. Sie steigen ja auch wieder. Ich habe das in den 30 Jahren als Anleger miterlebt. Ich habe einige Crashs ertragen und deswegen ein dickes Fell. Es hat sich gelohnt. 
Meiner Einschätzung nach geht man heutzutage ein viel größeres Risiko ein, wenn man sein Geld auf dem Sparkonto hat. Da besteht die Gefahr, dass man enteignet wird und in einem Bankencrash alles verliert.  

Vielen Dank für das Interview. 

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