Spekulationen um einen vorzeitigen Abschied von Christine Lagarde versetzen Frankfurt in Aufregung. Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) könnte ihren Posten deutlich vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit im Oktober 2027 räumen. Ein entsprechender Bericht der Financial Times sorgt für Unruhe hinter den Kulissen. Der Grund: Ein früherer Abgang würde das Feld der potenziellen Nachfolger massiv verkleinern und den aktuellen Favoriten einen entscheidenden Vorsprung verschaffen.
In Brüssel und Frankfurt kursieren bereits die Namen der aussichtsreichsten Kandidaten. Ganz oben auf der Liste stehen Klaas Knot, der ehemalige Chef der niederländischen Zentralbank, und der Spanier Pablo Hernandez de Cos. Letzterer leitet aktuell die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Analysten, die von Bloomberg befragt wurden, sehen das Duo derzeit in der Pole-Position.
Der Zeitfaktor spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Während Kandidaten wie Bundesbank-Präsident Joachim Nagel oder EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel ebenfalls als fachlich qualifiziert gelten, haben Knot und de Cos beim Lobbying bereits einen Vorsprung. Für Nick Kounis, Ökonom bei ABN Amro, liegt Knot aktuell leicht vorne. Die Logik: Er hat bisher keinen neuen großen Posten angenommen und wäre sofort verfügbar. De Cos hingegen ist bereits in seiner neuen Rolle bei der BIZ gebunden.
Politische Taktik in Paris
Hinter dem möglichen Rückzug steckt handfeste Politik. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron möchte die Nachfolge an der EZB-Spitze offenbar regeln, bevor nationale Wahlen den Einfluss der extremen Rechten in Paris stärken könnten. Ein vorzeitiger Wechsel würde es ihm erlauben, eine liberale, pro-europäische Besetzung sicherzustellen.
In den europäischen Hauptstädten herrscht jedoch Uneinigkeit über das Tempo. Während Spanien signalisiert, eine führende Rolle im neuen EZB-Direktorium übernehmen zu wollen, mahnen andere zur Ruhe. Der österreichische Finanzminister Markus Marterbauer und sein deutscher Amtskollege Lars Klingbeil betonten zuletzt, dass man sich an die bestehenden Zeitpläne halten wolle. Offiziell gibt sich die EZB schmallippig: Lagarde sei „vollständig auf ihre Mission fokussiert“ und habe keine Entscheidung über ein vorzeitiges Ende getroffen.
Märkte bleiben gelassen
Die Finanzmärkte reagierten kaum auf die Gerüchte. Der Euro gab gegenüber dem Dollar nur minimal nach. Für Investoren ist weniger die Person an der Spitze entscheidend, sondern die Kontinuität der Geldpolitik. Die Inflation nähert sich dem Zielwert von zwei Prozent, das Wirtschaftswachstum in der Eurozone stabilisiert sich.
Andrzej Szczepaniak, Ökonom bei Nomura, erwartet keine radikalen Kursänderungen, sollte Lagarde gehen. Die EZB treffe ihre Entscheidungen im Konsens. Ob Lagarde oder ein Nachfolger am Ruder sitzt, ändere wenig an der aktuellen Zinspolitik. In diesem Jahr rechnen Marktteilnehmer ohnehin nicht mehr mit großen Sprüngen.
Das Rennen um den wichtigsten Posten in der europäischen Finanzwelt ist eröffnet, auch wenn Christine Lagarde offiziell noch fest im Sattel sitzt. Für Anleger bleibt die Lage entspannt: Die Institution ist mittlerweile so stabil aufgestellt, dass ein Personalwechsel an der Spitze keine Schockwellen an den Märkten auslöst.
Heute, 14:50