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08.12.2019 Nikolas Kessler

Charles Schwab & TD Ameritrade: Gemeinsam hoch hinaus

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Charles Schwab

Die Konsolidierung unter den US-Brokern geht in die nächste Phase: Charles Schwab will den Rivalen TD Ameritrade übernehmen. Bei den Anlegern kommt die Idee bislang hervorragend an.

Unter den US-Online-Brokern herrscht seit Jahren ein erbitterter Konkurrenzkampf, der bislang vor allem mit immer niedrigeren Handelsgebühren ausgetragen wurde. Dass die großen Anbieter im Oktober das Ende dieser Gebühren eingeläutet haben, hat zwar den Preiskrieg beendet – doch stattdessen rollt nun die Konsolidierungswelle an: Ende November hat Charles Schwab ein offizielles Übernahmeangebot für den großen Rivalen TD Ameritrade abgegeben – und damit tagelange Spekulationen bestätigt.

Der Broker mit Hauptsitz in San Francisco bietet rund 26 Milliarden Dollar (23,6 Milliarden Euro) in eigenen Aktien für TD Ameritrade. Auf Basis der Schlusskurse vom 20. November – bevor erste Fusionsgerüchte aufkamen – entspricht das einer Übernahmeprämie von rund 17 Prozent.

Geschickt eingefädelt

Erst Anfang Oktober hatte Charles Schwab als einer der ersten großen US-Onlinebroker die Gebühren für den Aktien- und ETF-Handel gestrichen – und damit die Konkurrenz unter Zugzwang gesetzt. Ein kluger Schachzug, schließlich machten die Handelsgebühren bei Schwab im Jahr 2018 nur noch acht Prozent am Gesamtumsatz aus, deutlich weniger als bei TD Ameritrade, E-Traders und Co (siehe Ausgabe 45/2019).

Entsprechend schnell hat sich die Schwab-Aktie vom ersten Kursschock erholt, während die Papiere der Konkurrenz deutlich länger unter Druck blieben. Dass Charles Schwab genau in dieser Phase nach dem Rivalen schnappt, ist sicher kein Zufall.

Angesichts der wachsenden Konkurrenz in der Branche wurde bereits seit Längerem mit größeren Übernahmen gerechnet. Erst im Oktober hatte Charles-Schwab-CEO Walt Bettinger eine Branchenkonsolidierung in Aussicht gestellt. „Es geht um Größe und Volumen.“

Beides würde durch die Übernahme von TD Ameritrade massiv ansteigen: Der Rivale bringt rund fünf Milliarden Dollar Jahresumsatz, zwölf Millionen Kunden-Accounts und Assets im Volumen von 1,3 Billionen Dollar mit.

Gemeinsam kommen Charles Schwab und TD Ameritrade aktuell auf einen Börsenwert von über 90 Milliarden Dollar und verwalten Kundengelder im Volumen von insgesamt rund fünf Billionen US-Dollar. Zum Vergleich: Blackrock, der weltgrößte Vermögensverwalter, kommt auf knapp sieben Billionen US-Dollar Assets under Management (AUM).

Ein Fall für die Aufsicht?

Angesichts dieser Größenordnungen dürfte der Deal allerdings auch die Kartellbehörden aufhorchen lassen. Im Privatkundengeschäft rechnen Branchenexperten mit wenig Gegenwind – Bedenken gibt es eher hinsichtlich des Geschäfts mit registrierten Anlageberatern, die ebenfalls zu den Kunden von Charles Schwab und TD Ameritrade gehören. Gemeinsam verwalten beide Unternehmen rund 2,1 Billionen Dollar an Assets von unabhängigen Finanzberatern, was nach Berechnungen des Analyse­instituts Cerulli Associates rund 51 Prozent des gesamten US-Markts entspricht.

Schwab-CEO Bettinger blickt möglichen Kartellrechtsuntersuchungen jedoch gelassen entgegen: „Wir haben zahlreiche Konkurrenten, von denen viele größer sind als wir heute und viel größer als das kombinierte Unternehmen“, sagte er gegenüber Analysten. Ein Wink in Richtung Fidelity und Vanguard, aber auch Richtung Bank of America und Morgan Stanley.

Fest steht aber: Wenn die Übernahme durchgewunken wird, entsteht ein neues Schwergewicht in der Finanzbranche, das nicht nur die anderen Onlinebroker in den Schatten stellt, sondern auch der einen oder anderen US-Großbank auf die Pelle rücken kann.

Denn beide Unternehmen wickeln längst nicht mehr nur die Orders ihrer Kunden ab, sondern bieten auch eigene Finanzprodukte sowie Vermögensverwaltung samt Robo-Advisors an. Hinzu kommen Heerscharen an unabhängigen Finanzberatern, welche die Dienste der Onlinebroker nutzen.

Großes Synergiepotenzial

Läuft alles nach Plan, dann soll die Übernahme in der zweiten Jahreshälfte 2020 abgeschlossen sein. Für die anschließende Integration sind 18 bis 36 Monate angesetzt. Angesichts des großen Synergiepotenzials erhofft sich Charles Schwab im dritten Jahr nach Abschluss der Übernahme einen Anstieg des EPS um 10 bis 15 Prozent sowie Kostensenkungen von 1,8 bis 2,0 Milliarden Dollar, was rund 18 bis 20 Prozent der gemeinsamen Kostenbasis entspräche.

Das enorme Potenzial für die künftige Geschäftsentwicklung kommt auch bei den Aktionären gut an: Die Schwab-Aktie ist nach Bekanntwerden der Übernahmepläne um bis zu 15 Prozent nach oben gesprungen und hält sich seitdem recht stabil auf hohem Niveau.

Charles Schwab (WKN: 874171)

Wer der Erstempfehlung des AKTIONÄR in Ausgabe 45/2019 gefolgt ist, kann sich heute bereits über 20 Prozent Kursplus freuen und lässt die Gewinne mit angepasstem Ziel und Stopp laufen. Angesichts der Wachstumsaussichten und technischen Kaufsignale können aber auch Neueinsteiger noch zugreifen.

Dieser Artikel ist zuerst in AKTIONÄR-Ausgabe 49/2019 erschienen.