725 Milliarden Dollar wollen die vier größten Technologiekonzerne in diesem Jahr investieren. Eine neue Analyse zeigt: Die Landkarte dieses Booms ist längst keine Technologiekarte mehr, sondern eine Stromkarte. Das verschiebt, wer daran verdient.
In Richland Parish in Louisiana wuchsen bis vor Kurzem Sojabohnen. Heute baut Meta dort den Campus Hyperion, ausgelegt auf fünf Gigawatt; der Versorger Entergy errichtet dafür drei Gaskraftwerke für rund drei Milliarden Dollar. Auf den gängigen Rechenzentrumskarten fällt der Ort nicht auf. Auf der Karte, die zählt, ist er einer der wichtigsten Punkte des Landes.
Standortzählung: Die bekannte Karte führt in die Irre
Eine Analyse des Institute of International Finance auf County-Ebene löst den Widerspruch auf. Virginias „Data Center Alley“, das Silicon Valley und der Nordosten beherbergen die meisten Einrichtungen, aber die kleinsten: oft nur ein bis fünf Megawatt, meist Colocation-Flächen für Dritte. Die Campus, die den Boom tragen, stehen im Nordwesten, Südwesten, Südosten und Mittleren Westen – und spielen in einer anderen Liga.
Entscheidend ist laut IIF die Stromerzeugungskapazität eines Countys. Nicht Kapital, nicht Bauland, nicht Fachkräfte begrenzen den Ausbau, sondern die Anschlussleistung. Bei PJM Interconnection, dem größten Stromnetzbetreiber der USA, zu dessen Gebiet auch Nordvirginia gehört, wurde im Juli in der Kapazitätsauktion für 2028/2029 – dort kauft PJM gesicherte Leistung für die Zukunft ein – der Preisdeckel von 325 Dollar je Megawatt-Tag erreicht. Und selbst dann fehlten rund 6.800 Megawatt zur Zuverlässigkeitsanforderung. In der Warteschlange stecken rund 300 Gigawatt geplanter Erzeugung. Ans Netz gingen im Vorjahr drei Gigawatt.
Investitionswelle: 725 Milliarden Dollar treffen auf ein Netz in Zeitlupe
Darauf läuft die größte Investitionswelle der Unternehmensgeschichte zu. Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta haben für dieses Jahr rund 725 Milliarden Dollar angekündigt, nach 410 Milliarden Dollar im Vorjahr, und beschreiben ihre Lage als Angebots-, nicht als Nachfrageproblem. Hier liegt die Schere: Ein Rechenzentrum steht in zwei bis drei Jahren, eine Höchstspannungsleitung braucht acht bis zwölf Jahre.
Für Anleger verschiebt das den Blick von den Mietern zu den Lieferanten der Leistung. Bei Gasturbinen ist die Fertigung faktisch ausverkauft: GE Vernova rechnet für dieses Jahr mit einem Auftragsbestand samt Slot-Reservierungen von mindestens 110 Gigawatt. Ähnlich eng ist es bei Transformatoren. Dazu kommen Versorger mit planbarer Erzeugung: Im Frühjahr waren 13 Projekte bekannt, die Rechenzentren an Kernkraft koppeln, zusammen über 9,8 Gigawatt.
Politik: Der Standort wird zum Wahlkampfthema
Nebenbei entzaubert die Analyse das Steuerargument: 38 Bundesstaaten bieten Anreize, ein Zusammenhang mit den Investitionsströmen zeigt sich kaum. Stattdessen dreht die Stimmung: In 28 Bundesstaaten liegen Kürzungsentwürfe vor, New York hat ein Moratorium beschlossen, Maine einen Baustopp. Vor den Zwischenwahlen im November ist längst Wahlkampfstoff, wer die Netzkosten trägt.
Drei Einwände bleiben. Auftragsbestände sind keine Gewinne. Der Preisdeckel bei PJM zeigt, dass Knappheitspreise politisch begrenzbar sind. Und derselbe Druck kann die Versorger treffen, wenn Regulierer Großverbrauchern die Netzkosten zuweisen.
Der KI-Ausbau folgt dem Strom, nicht dem Steuerrabatt. Damit wandert Wertschöpfung von den Betreibern zu Erzeugern, Netzbauern und Ausrüstern. Zu beobachten sind unterzeichnete Netzanschluss- und Stromlieferverträge, Liefertermine bei Turbinen und Transformatoren und die nächste Kapazitätsauktion. Angekündigte Investitionssummen sind die schwächste Kennziffer dieses Zyklus, Megawatt am Netz die härteste.
DER AKTIONÄR bleibt zuversichtlich gestimmt für GE Vernova. Das Kursziel liegt bei 1.250 Euro, der Stopp bei 675 Euro.
Heute, 09:33
Bei Google bevorzugen