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Nemetschek-Vorstand: „KI kein Ersatz für unsere Lösungen“

Nemetschek-Vorstand: „KI kein Ersatz für unsere Lösungen“
Foto: ARMMY PICCA/iStockphoto
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Michael Schröder Heute, 09:10 Michael Schröder

In der Softwarebranche ging in den vergangenen Wochen die Angst um, dass KI-gestützte Agenten klassische Software mehr oder weniger ersetzen könnten. Operative Entwicklungen rückten in den Hintergrund, die Aktienkurse purzelten. Das „KI-frisst-Software“-Narrativ setzte auch der Nemetschek-Aktie sichtbar zu. Finanzvorstand Louise Öfverström hält dagegen. 

DER AKTIONÄR: Waren Sie überrascht von der „KI frisst Software“-Diskussion und den sichtbaren Auswirkungen an der Börse?

Louise Öfverström: Als Vorstand eines vertikalen Softwareunternehmen mit tiefer Domänenexpertise und Zugang zu großen Datenmengen profitieren wir derzeit durch die Entwicklung im Bereich Künstliche Intelligenz. Daher betrachten wir diese Phase als Teil eines bedeutenden technologischen Wandels, der langfristig neue Chancen und Wachstumsimpulse für die gesamte Branche eröffnen wird. Wir beschäftigen uns bei der Nemetschek Group seit vielen, vielen Jahren intensiv mit dem Potenzial – teilweise disruptiv - von KI und integrieren KI-Funktionen systematisch in unser Lösungsportfolio. Insofern überrascht uns weder die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung noch die Tatsache, dass es zu Anpassungsprozessen in der Branche kommt. Überrascht hat uns allerdings die sehr undifferenzierten Reaktionen an den Kapitalmärkten in Bezug auf Softwarewerte, die unabhängig von Geschäftsmodell, Marktposition oder operativer Entwicklung unter Druck geraten sind. 

Ist „KI frisst Software“ ein reales Risiko - oder ein überbewerteter Hype?
Persönlich kann ich mit dem Ausdruck nichts anfangen, denn es ist einfach zu kurz gegriffen. Künstliche Intelligenz ist zweifellos einer der größten technologischen Umbrüche, die wir je gesehen haben. Sie verändert, wie wir arbeiten, leben, planen und Entscheidungen treffen. Die pauschale Annahme, dass KI den gesamten Softwaresektor verdrängen wird, teilen wir nicht – vielmehr sehen wir in ihr einen starken Innovationstreiber für neue Lösungen und Geschäftsmodelle. KI und Software gehen Hand in Hand.

Aber, wie bei jeder technologischen Disruption wird es Gewinner und Verlierer geben, und das sehen wir bei der Nemetschek Group auch nicht zum ersten Mal in den über 60 Jahren, die wir in diesem Markt tätig sind. Aus unserer Sicht profitieren von KI insbesondere vertikale Softwareunternehmen, die über tiefe Domänenexpertise verfügen, eng in die Workflows ihrer Kunden integriert sind und reale, kritische Prozesse abbilden. Genau hier liegt die Stärke der Nemetschek Group und unserer Lösungen, von denen unsere über sieben Millionen Nutzer tagtäglich profitieren.

Louise Öfverström Finanzvorständin von Nemetschek
Quelle: Nemetschek
Louise Öfverström, CFO Nemetschek

Warum sollte ein KI-Agent künftig nicht das leisten, wofür Unternehmen heute Nemetschek brauchen?
KI-Agenten sind kein Ersatz für industriespezifische, vertikale Softwarelösungen. Ihren Mehrwert entfalten sie nicht isoliert, sondern erst im Zusammenspiel mit diesen Lösungen. Gerade in sicherheits-, qualitäts- und haftungsrelevanten Workflows der Bauindustrie sind regelbasierte Prozesse, tiefes regulatorisches Know-how sowie nachvollziehbare und verlässliche Ergebnisse unerlässlich. Denken Sie etwa an einen Tragwerksplaner: Wenn hier Entwurfs- oder Berechnungsfehler auftreten, kann dies erhebliche sicherheitsrelevante, rechtliche und wirtschaftliche Konsequenzen haben. In solchen Anwendungsfällen müssen Ergebnisse prüfbar, regelkonform und transparent sein - und dürfen nicht allein auf probabilistischen und generellen KI-Antworten beruhen. Die Softwarelösungen der Nemetschek Group bilden genau diese Komplexität ab und schaffen die vertrauenswürdige Grundlage, auf der KI-Agenten sinnvoll und verantwortungsvoll agieren können. KI ist damit kein Ersatz für unsere Lösungen, sondern ein integraler Bestandteil, der deren Leistungsfähigkeit gezielt erweitert und beschleunigt.

Fragen Ihre Kunden bereits nach „weniger Software, mehr KI“?
Im Gegenteil. Unsere Kunden fragen nicht nach weniger Software, sondern nach Lösungen, mit denen sie ihre tägliche Arbeit produktiver und effizienter gestalten können. Die Bauindustrie ist traditionell konservativ und risikoavers - zu Recht, denn Fehlentscheidungen können wie erwähnt erhebliche wirtschaftliche und auch rechtliche Konsequenzen haben. Es hat daher einen Grund, dass die Bauindustrie bis heute zu den am geringsten digitalisierten Branchen überhaupt zählt.

Gleichzeitig ist ein „Business as usual“ für viele Unternehmen angesichts von Fachkräftemangel, steigender Komplexität und zunehmendem Kosten- und Zeitdruck nicht mehr möglich. Das spiegelt sich auch in unseren Wachstumsraten wider. Digitalisierung wird immer wichtiger in unserer Industrie. Was wir beobachten, ist eine wachsende Nachfrage konkrete Mehrwerte: die Automatisierung repetitiver Aufgaben, eine bessere Entscheidungsunterstützung und höhere Effizienz - bei gleichzeitiger Kontrolle durch den Anwender. KI wird dabei als integraler Bestandteil der Software verstanden, nicht als deren Ersatz. Der Mensch bleibt konsequent im Zentrum der Lösung, aber mit exzellenter Unterstützung der maßgeschneiderte Softwarelösungen inkl. KI, die auf starker Domänenexpertise beruhen.

Zahlen im Überblick

Was müsste technologisch passieren, damit Ihr Geschäftsmodell strukturell unter Druck gerät?
Ein struktureller Druck würde dann entstehen, wenn wir technologisch stehen bleiben würden oder genauer gesagt, wenn wir vor ein paar Jahren stehen geblieben wären. Genau deshalb ist Innovation - und heute insbesondere mit Fokus auf integrierte KI-Lösungen - seit Jahrzehnten fest in der DNA der Nemetschek Group verankert. Unsere konsequente AI-first-Ausrichtung und die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Lösungen sind zentrale Pfeiler unserer Strategie. Das hat uns zu einer der absolut führenden Akteure in unseren Branchen gemacht und unsere Kultur ist hierauf aufgebaut.

Indem wir KI gezielt, verantwortungsvoll und tief integriert einsetzen, stellen wir sicher, dass unsere Lösungen auch künftig den höchsten Anforderungen unserer Kunden gerecht werden.

Wenn KI Standardfunktionen automatisiert, geraten Lizenzpreise unter Druck?
Das sehen wir nicht. Im Gegenteil: Durch agentenbasierte KI übernehmen unsere Lösungen künftig immer größere Teile ganzer Workflows und Teilaufgaben und schaffen damit erheblichen messbaren Mehrwert in Form von Effizienz- und Produktivitätsgewinnen bei unseren Kunden. Wir sind überzeugt, dass wir an diesem Mehrwert partizipieren werden - potenziell auch über weiterentwickelte Preismodelle wie wert-, nutzungs- oder ergebnisbasierte Ansätze. KI automatisiert vor allem einfache, repetitive Tätigkeiten und erhöht damit den Wert integrierter, anspruchsvoller Lösungen. Der Fokus verschiebt sich zunehmend von einzelnen Funktionen hin zu messbaren Ergebnissen und Produktivitätsgewinnen.

Ist KI für Nemetschek am Ende nicht sogar eine große Chance?
Ganz klar: Ja. KI ist eine sehr große Chance für die Nemetschek Group. Als vertikaler Softwareanbieter in der Bauindustrie sind wir in einer Branche tätig, die durch einen hohen manuellen Arbeitsanteil, komplexe Prozesse und einen zunehmenden Fachkräftemangel geprägt ist. Insbesondere agentenbasierte KI-Lösungen ermöglichen es uns, nicht nur den klassischen Softwaremarkt in diesem Segment zu adressieren, sondern zunehmend auch on top den bislang kaum digitalisierten menschlichen Arbeitsaufwand in der Bauindustrie. Dieser Markt ist um ein Vielfaches größer als der reine Markt für Software-Tools. Und auf Grund des bereits hohen Fachkräftemangels in der Industrie auch ein absolutes Muss für diese Industrie auf die passenden Lösungen zu setzen. KI erweitert unser Geschäftsmodell damit von der Bereitstellung einzelner Werkzeuge hin zur intelligenten Unterstützung menschlicher Arbeit entlang ganzer Tätigkeitsbereiche und Projektphasen und dies durch Tools, die wir heute bereits anbieten. Dadurch tragen wir noch stärker zu Produktivitäts- und Effizienzgewinne unserer Kunden bei - als starker Partner, dem die Kunden vertrauen.

Welche KI-Funktionen sind heute bereits produktiv bei Nemetschek im Einsatz?
Wir haben bereits heute eine Vielzahl produktiver KI-Funktionen im Einsatz. Im Design-Segment, wo wir mit unseren Lösungen Architekten und Ingenieure adressieren, beispielsweise den „AI Visualizer“, der Architekten und Planern frühzeitig schnelle und hochwertige Entwurfsvisualisierungen ermöglicht. Diese Lösungen ersetzen nicht unsere bisherigen Tools, mit denen unsere Kunden arbeiten, sondern ermöglichen ein noch effizienteres und effektiveres arbeiten. Zudem haben wir mit dem Nemetschek Agentic „AI Assistant“ einen der ersten agentenbasierten KI-Assistenten unserer Branche eingeführt, der Nutzer als eine Art Co-Pilot durch ihre Arbeitsprozesse begleitet. Auch hier ersetzt der AI-Assistant nicht die Tools, sondern macht deren Nutzung effizienter und effektiver.

Im Build-Segment, wo wir Bauunternehmen und Generalverwalter adressieren, bringen wir im zweiten Quartal eine komplett neue Generation KI-gestützter Funktionen auf den Markt, basierend unter anderem auf der Technologie unserer Akquisition Firmus AI, die eine frühzeitige Risikoerkennung in der frühen Bauphase ermöglicht. Und das ist nur ein Ausschnitt - wir entwickeln kontinuierlich und innovativ unsere Produkte und Lösungen für die Bedürfnisse unserer Kunden, das macht uns bereits im jetzigem Umfeld zu einer der ganz wenigen Spielern, die in diesem Markt führend sind. 

Nemetschek (WKN: 645290)

Müssen Sie dafür noch stärker in Forschung und Entwicklung investieren?
Die Nemetschek Group investiert seit vielen Jahren sehr substanziell in Forschung und Entwicklung - rund 20% des Umsatzes. Entscheidend ist dabei nicht nur die absolute Höhe der Ausgaben, sondern vor allem die klare strategische Fokussierung und das Know-how der Bedürfnisse unseren Kunden. Unsere Entwicklungsprioritäten haben sich bereits in den vergangenen Jahren deutlich in Richtung KI- und Cloud-Lösungen verschoben.

Gleichzeitig erzielen wir auch durch den internen Einsatz von KI bereits spürbare Effizienzgewinne, etwa in der Softwareentwicklung. Diese Effekte schaffen zusätzliche Spielräume, die wir gezielt für weitere Innovationen und den Ausbau unseres Produktportfolios nutzen.

Zum Abschluss: Wohin führt der mittelfristige Weg von Nemetschek vor dem Hintergrund der „KI frisst Software“-Debatte?
Die Nemetschek Group ist und bleibt einer der führenden Akteure in unserer Industrie. Die Nemetschek Group ist eines „der KI-Unternehmen“ die auch diesen technologischen Wandel treiben und anführen.  Wir verstehen uns längst als AI-first-Unternehmen. Das heißt aber nicht, dass KI unsere bisherigen Lösungen und enorme Kunden- und Marktstärke in dieser Domäne ersetzt. Die derzeit sehr undifferenzierten Marktreaktionen im Softwaresektor halten wir für vorübergehend; wir erwarten, dass eine deutlich stärkere Differenzierung zwischen Geschäftsmodellen sich auch hier wieder durchsetzt. Strategisch und operativ blicken wir sehr zuversichtlich nach vorne und gehen über die nächsten Jahre von einem durchschnittlichen Umsatzwachstum im mittleren Zehnprozentbereich bei unverändert hohem, und noch weiter steigenden Profitabilitätsniveau aus. Auf dieser Basis sind wir davon überzeugt, dass sich die starke operative Entwicklung der Nemetschek Group langfristig auch wieder im Aktienkurs widerspiegeln wird.

Nemetschek wächst auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Infrastrukturprogramme sollten mittel- bis langfristig unterstützend wirken, und der weltweit niedrige Digitalisierungsgrad der Baubranche bietet erhebliches Effizienzpotenzial. Erweise sich die KI-Sorgen als überzogen und bleibt der Konzern auf dem profitablem Wachstumskurs, würde das viel diskutierte KGV nach dem jüngsten Kursrutsch von 29 (2026e) im kommenden Jahr auf 23 fallen. Das durchschnittliche KGV der Aktie über die vergangenen zehn Jahre beträgt 56. Auch wenn dieses Bewertungsniveau vorerst nicht wieder erreicht wird, ist eine Gegenbewegung nach dem Rücksetzer mehr als überfällig. DER AKTIONÄR setzt im Real-Depot daher auf steigende Kurse bei Nemetschek.

Hinweis auf Interessenkonflikte: Aktien von Nemetschek befinden sich in einem Real-Depot der Börsenmedien AG.

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