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Cybersecurity: Der Null‑Sekunden‑Vorsprung

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Foto: Summit Art Creations/Shutterstock
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Michael Sentonas, President von CrowdStrike, spricht im Podcast deeptech INSIGHTS mit Sascha Röhrer über KI-Agenten, Zero-Day-Angriffe und die Frage, warum der Mensch als Verteidiger bald ausgedient haben könnte.

Die Meldungen der vergangenen Tage lesen sich wie das Drehbuch zu einem Cyber-Thriller: US-Banken sperren nicht autorisierte KI-Agenten aus Kundenkonten aus. Vergangene Woche schob die PHP Group Notfall-Updates für „PHP2Shell“ nach – für Lücken, die seit Jahrzehnten im Code schlummerten und erst durch Frontier-KI-Modelle zum funktionierenden Angriff wurden. In Frankreich brach nach einer Cyberattacke in rund 150 Intermarché-Märkten die Kühlkette zusammen, und Microsoft stopfte im Oktober über 1.400 Lücken – so viele wie nie, auch weil KI inzwischen deutlich mehr davon findet. In Deutschland gingen zuletzt bei der Stadt Eichstätt alle Server offline, auch die Kreiskliniken Kassel traf es. 

Wie ernst ist die Lage? Michael Sentonas kann das einschätzen wie wenige andere. Der President von CrowdStrike verantwortet beim Nasdaq-notierten Sicherheitsriesen Produkt, Vertrieb und Threat Intelligence, ist seit über 30 Jahren in der Cybersecurity-Branche dabei und berät Regierungen und Aufsichtsgremien. Selten spricht jemand in dieser Position so offen über die Verwundbarkeit von Unternehmen wie jetzt im Podcast deeptech INSIGHTS bei Sascha Röhrer. Sein Befund beginnt mit einem Satz, der beruhigend klingt und es nicht ist.

„Das Wettrüsten gab es schon immer“, sagt Sentonas. Demnach machen die Angreifer einen Sprung, die Verteidiger rüsten nach – bis den Angreifern wieder etwas Neues einfällt. Neu ist laut Sentonas das Tempo: Angriffe laufen mit Maschinengeschwindigkeit, während die Verteidigung häufig noch auf menschliche Reaktionen angewiesen ist. Dieses Ungleichgewicht „passt einfach vorn und hinten nicht“. Am Ende kommt es darauf an, wer KI besser nutzt: die Verteidiger oder die Angreifer. Weniger KI ist für ihn deshalb keine Antwort. Die Verteidiger brauchen die bessere KI, sicher und verantwortungsvoll eingesetzt.

Mike Sentonas
Quelle: CrowdStrike
Berät Regierungen und Aufsichtsgremien: Michael Sentonas, President von Crowd­Strike, ist seit über 30 Jahren im Cybersecurity-Business aktiv.

Gefahr von innen

Besonders beunruhigt Sentonas, was in den Unternehmen selbst lauert. Für Patch-Zyklen wie früher bleibt keine Zeit mehr; entscheidend ist, genau die Lücke zu finden, die gerade ausgenutzt wird. Dazu kommen die KI-Agenten: Sentonas verweist auf den Vorfall bei Hugging Face und rechnet damit, dass wir bald von einem massiven Datenverlust hören, bei dem ein Agent Daten abgezogen hat – versehentlich oder böswillig gesteuert. Denn viele Agenten sind überprivilegiert: Sie arbeiten mit der Identität ihres Einrichters und behalten ihre Rechte oft dauerhaft. Sicherheit muss deshalb von innen nach außen gedacht werden, mit Sichtbarkeit, Kontrolle und Governance – 20 Jahre alte Identitätskonzepte reichen dafür nicht mehr. 

Auf den Einwand, ein Mittelständler, dessen System seit 20 Jahren läuft, sei doch kaum ein Ziel, beschreibt Sentonas den „Super-GAU“: eine unentdeckte Lücke, für die es keinen Patch gibt und die bereits ausgenutzt wird. Bei Technik ohne Support gibt es niemanden mehr, den man anrufen kann – und ausgerechnet kritische Infrastruktur läuft weltweit auf jeder Menge solcher Altsysteme. Dabei verknüpfen Angreifer harmlose Lücken zu verheerenden Ketten. Bald, fürchtet Michael Sentonas, muss sich jeder Verteidiger täglich fragen: „Mit welchem Zero Day habe ich es heute wohl zu tun?“ 

„Die Antwort auf KI als Waffe wird nicht weniger KI sein.“

Michael Sentonas, President CrowdStrike

Sicherheit braucht Tempo

Also deswegen die KI-Entwicklung bremsen? Sentonas winkt ab: Open-Weight-Modelle ohne Leitplanken laufen längst bei den Angreifern, und wer alle anderen ausbremst, macht alle von Grund auf unsicher. Zumal Regulierung die Angreifer nicht schert, denn sie haben „keinen Vorstand“ und „kein Change Management“ und müssen nicht erst zum Betriebsrat. Regeln sind nötig, aber ins Hintertreffen darf man weder wirtschaftlich noch gegenüber den Angreifern geraten, so die klare Meinung des Experten.

Wie rasant sich die Lage dreht, zeigt für Sentonas das Phishing. Früher entlarvte schlechte Grammatik die Betrüger, nur gut zehn Prozent der Empfänger klickten. Seit KI die Mails perfektioniert, sind es laut einem unabhängigen Bericht knapp 60 Prozent. „Das Englisch war wahrscheinlich besser als meins“, so Sentonas mit einem Augenzwinkern. Lücken, für die Angreifer früher Wochen bis Monate brauchten, werden zudem in Minuten bis Stunden zur Waffe. 

Noch unheimlicher sind Deepfakes. Bei einem Vortrag zeigte Sentonas mit CrowdStrike-CEO George Kurtz KI-Tools, die in Echtzeit das Gesicht verändern; selbst die Stimme lässt sich anpassen. Sein Rat an Privatpersonen: Bei Anrufen der Bank auflegen und selbst zurückrufen. Heutzutage muss man „hyperwachsam“ sein. 

Der Wettlauf geht weiter

Das ist erst der Anfang, ist sich Sentonas sicher. Die Frage wird sein: Wann laufen Angriffe bald ganz ohne Vorlauf ab? Er hat dazu eine klare Prognose – nachzuhören im Podcast. Dort wagt er auch den Blick auf die kommenden 20 Jahre und erklärt, warum ihm die nächsten zwei, drei Jahre mehr Sorgen bereiten. Das komplette Gespräch gibt es in der neuen Folge von deeptech INSIGHTS, überall da, wo es Podcasts gibt. 

Der Podcast für Zukunftstechnologien

deeptech INSIGHTS - Cover / DER AKTIONÄR Podcast
Quelle: Börsenmedien AG
Sascha Röhrer: KI-Experte, Gründer, Gastgeber des „deeptech INSIGHTS“-Podcasts und Autor des Börsenbriefs deeptech REPORT.

Die Lücke ist alt, das Tempo neu

Die aktuelle PHP-Lücke zeigt im Kleinen, worum es im Interview geht. PHP läuft auf rund 70 Prozent aller Websites, die beiden Fehler steckten seit Jahren im Code. Gefunden hat sie ein Forscherteam mit KI-Werkzeugen, und schon vier Tage vor dem Patch registrierte Amazon erste Angriffsversuche. Inzwischen sind erfolgreiche Übernahmen von Servern belegt. Von den Servern, deren Version erkennbar ist, laufen rund drei Viertel auf PHP-Versionen, die offiziell nicht mehr gepflegt werden. Wer dort eine Lücke findet, trifft auf Systeme, für die niemand mehr zuständig ist – und genau das wird zum Problem. 

Für Anleger folgen daraus zwei Dinge. Sicherheitsbudgets wandern zu Lösungen, die Schwachstellen laufend finden und automatisch schließen, also im Maschinentempo arbeiten. Und die Kontrolle von Identitäten und Zugriffsrechten gewinnt an Gewicht, weil KI-Agenten in Unternehmen oft mit zu vielen Rechten laufen. Damit wird klar: Profitieren dürften Plattformanbieter, die beides aus einer Hand liefern, sowie Dienstleister, die den Mittelstand ohne eigene Sicherheitsabteilung absichern.

Daraus ergeben sich sehr spannende Renditechancen. Mehr dazu erkläre ich in meinem wöchentlichen Börsenbrief deeptech REPORT. Jetzt im Börsenmedien-Shop entdecken.

Dieser Artikel ist in DER AKTIONÄR Nr. 45/2026 erschienen, welches Sie hier als PDF gesamt herunterladen können.

Weitere Informationen zum deeptech REPORT finden Sie hier.