Heute um 14:15 Uhr entscheidet der EZB-Rat, um 14:45 Uhr tritt Christine Lagarde vor die Presse. Die Schlagzeilen liefern 3,3 Prozent Teuerung. Die Zahl, auf die es ankommt, steht daneben – und sie fällt.
Die Verbraucherpreise im Euroraum lagen im August um 3,3 Prozent über dem Vorjahresniveau, nach 2,9 Prozent im Juli. Das ist der höchste Stand seit September 2023 und deutlich mehr als die zwei Prozent, die die EZB mittelfristig anpeilt. Am Markt ist eine Erhöhung um einen Viertelprozentpunkt vollständig eingepreist: Der Einlagensatz würde dann von 2,25 auf 2,50 Prozent und der Hauptrefinanzierungssatz von 2,40 auf 2,65 Prozent steigen. Es wäre der zweite Schritt nach oben seit dem 11. Juni, dem ersten seit September 2023; am 23. Juli hatte der Rat pausiert. Heute liegen zusätzlich neue Vorausberechnungen zu Inflation und Wachstum bis 2028 auf dem Tisch.
EZB: Die Zahl neben der Schlagzeile
Nicht die Inflation im Euroraum ist gestiegen, sondern der Preis für Energie. Energie verteuerte sich im August um 14,3 Prozent, nach 10,3 Prozent im Juli, und wiegt rund elf Prozent im Warenkorb. Vier Prozentpunkte mehr Energieteuerung mal elf Prozent Gewicht ergeben gut 0,4 Punkte – exakt der Sprung der Gesamtrate von 2,9 auf 3,3 Prozent. Der Rest des Warenkorbs hat sich nicht mitbewegt, er hat sich beruhigt: Die Kernrate ohne Energie und Nahrungsmittel sank auf 2,4 Prozent, erwartet worden waren 2,5 Prozent. Die Dienstleistungen, das Herzstück der hausgemachten Teuerung, fielen von 3,3 auf 3,0 Prozent und damit auf den tiefsten Stand seit vier Monaten.
Zum Maßstab: Im August 2022 lag die Energieteuerung bei 38,3 Prozent und die Gesamtrate bei 9,1 Prozent. Der heutige Preisschub ist gut ein Drittel davon – und er trifft auf eine Kernrate, die mit 2,4 Prozent nahe am Ziel liegt.
Leitzins: Was er nicht bremsen kann – und warum die EZB trotzdem erhöht
Ein Leitzins wirkt über den Kredit. Er verteuert die Baufinanzierung, die Maschinenrate und den Dispo und dämpft so die Nachfrage im Inland, bis die Preise nachgeben. Das ist das Bremspedal einer Volkswirtschaft. Nur steht der Preistreiber dieses Sommers nicht im Inland, sondern in einer Meerenge: Die Straße von Hormus, Nadelöhr für rund 20 Prozent der weltweiten Öltransporte, ist seit Februar faktisch gesperrt. WTI notiert aktuell um 95 Dollar, Brent hat die Marke von 100 Dollar überschritten. Gegen ein Fass Öl, das nicht verschifft wird, hilft kein Bremspedal. Der Zins verteuert dann den Kredit des Handwerkers, ohne den Tanker in Bewegung zu setzen.
Für die Erhöhung sprechen drei Zahlen. Erstens hält die Konjunktur mehr aus als gedacht: Eurostat hat das Wachstum im zweiten Quartal von 0,4 auf 0,6 Prozent nach oben revidiert, nach einem stagnierenden Jahresauftakt; Deutschland kam auf 0,3 Prozent, getragen von Ausfuhren, die 3,7 Prozent über dem Vorjahresquartal lagen. Zweitens dauert der Energieschock inzwischen sieben Monate – je länger er läuft, desto eher wandert er über Löhne und Vorleistungen in die Kernrate, und dann ist er nicht mehr nur Energie. Drittens hat die EZB die Preiswelle des Jahres 2021 als vorübergehend abgebucht und musste anschließend umso härter straffen; aus dem Direktorium hieß es zuletzt, beim heutigen Zinsniveau kehre die Inflation mittelfristig nicht zum Ziel zurück.
Depot: Wo die Zinswende ankommt
Wer die Mechanik im Depot abbilden will, findet sie an zwei Stellen. Erstens die Banken: Steigt der Einlagensatz, steigt sofort, was ein Institut für überschüssige Liquidität bei der Notenbank bekommt, während die Sparzinsen erst mit Verzögerung nachziehen. Genau in dieser Lücke entsteht Zinsmarge, und sie wirkt auf jeden Euro Einlage gleichzeitig. Ein Viertelprozentpunkt klingt nach wenig, hochgerechnet auf eine Bilanzsumme im dreistelligen Milliardenbereich ist es das nicht. Zweitens die Energieerzeuger und Händler: Ein Brent über 100 Dollar zieht die Preise für Strom und Gas mit, und wer eigene Kraftwerke, Speicher und ein großes Handelsbuch besitzt, verdient nicht nur am höheren Niveau, sondern auch an den Schwankungen dazwischen. Der Energieschock, den die EZB mit ihrem Zins nicht erreicht, landet dort als Ertrag. Beide Geschäftsmodelle werden also von genau der Konstellation getragen, an der die Geldpolitik heute scheitert.
Die EZB erhöht heute voraussichtlich den Zins gegen eine Teuerung, die sie nicht verursacht hat und mit ihren Mitteln kaum erreicht. Sie tut es trotzdem, weil das Risiko, einen sieben Monate alten Energieschock in die Löhne durchsickern zu lassen, schwerer wiegt als der Schaden einer zu straffen Geldpolitik in einer Wirtschaft, die gerade wieder langsam wächst.
Anleger spielen beide Seiten dieser Zinswende über zwei Werte, die DER AKTIONÄR weiterhin zum Kauf empfiehlt: die Deutsche Bank für die breitere Zinsmarge und RWE für das Energie- und Handelsgeschäft. Beide Empfehlungen laufen unverändert weiter.
Heute, 07:26
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