+++ Kursraketen mit 100-Prozent-Chance +++

Bernd Förtsch über BioNTech: „Ich will wissen, was Sache ist“

Bernd Förtsch über BioNTech: „Ich will wissen, was Sache ist“
Foto: Thomas Lohnes / Freier Fotograf / Getty Images
BioNTech SE -%
Andreas Deutsch Heute, 13:03 Andreas Deutsch

BioNTech | A2PSR2

Ein Impfstoff gegen COVID-19 machte die Wissenschaftler Özlem Türeci und Uğur Şahin zu Helden und BioNTech zur ersten Adresse unter Europas Biotech-Firmen. Doch der Frust unter den Anlegern wird immer größer – auch bei AKTIONÄR-Herausgeber und BioNTech-Aktionär Bernd Förtsch.  

BionTech_S32_04

Es ist der 9. November 2020, die Pandemie dauert bereits über ein halbes Jahr. Von der kämpferischen Stimmung in den ersten Wochen ist nichts mehr übriggeblieben – die Menschen warten sehnsüchtig auf einen Ausweg. Da kommt die Meldung, auf die alle gewartet haben: Der BioNTech-Impfstoff ist viel effektiver als erwartet, er bietet einen Schutz von mehr als 90 Prozent. Das ist deutlich mehr als von vielen Experten prognostiziert.

Die BioNTech-Gründer Uğur Şahin und seine Frau Özlem Türeci haben nun endgültig Heldenstatus erreicht. Vor den Arztpraxen und den Impfzentren bilden sich Warteschlangen – weltweit lassen sich Milliarden Menschen gegen das Coronavirus immunisieren. Im August 2021 besucht die Bundeskanzlerin das Marburger Impfstoffwerk – das Foto von der Begrüßung per Ellenbogen druckt jede Zeitung. Der Bundespräsident ehrt Şahin und Türeci mit dem Bundesverdienstkreuz. Die BioNTech-Aktie klettert immer weiter, bis die Marktkapitalisierung schließlich 100 Milliarden Dollar erreicht.

Auch DER AKTIONÄR ist begeistert, nicht nur vom Corona-Impfstoff, sondern vom Potenzial von mRNA und von der BioNTech-Pipeline. Doch längst ist Ernüchterung eingekehrt. Die BioNTech-Aktie ist um 80 Prozent gecrasht, positive News gibt es selten. Im März der Paukenschlag: Şahin und Türeci werden BioNTech verlassen und ein neues Unternehmen gründen. Die Börse ist verwirrt und hat jede Menge Fragen. BioNTech muss nun liefern. 

BionTech_S32_02
Uğur Şahin und seine Frau präsentieren stolz das Bundesverdienstkreuz. Die Ehrung erhielten sie 2021 für ihre Leistung im Kampf gegen die Pandemie.

DER AKTIONÄR: Herr Förtsch, Sie haben 40 Jahre Börsenerfahrung. Haben Sie so einen Fall wie BioNTech schon mal erlebt?

BERND FÖRTSCH: Da fällt mir auf die Schnelle keiner ein. Diese Vorgänge sind schon verwunderlich. Nicht nur der Weggang der Gründer, sondern auch die praktisch nicht vorhandene Kommunikation über die Pläne sorgen nicht nur bei mir für – milde formuliert – Erstaunen.

BioNTech soll Rechte und mRNA-Technologien in das neue Unternehmen einbringen und erhält dafür eine Minderheitsbeteiligung, Lizenzgebühren sowie Meilensteinzahlungen bei Erreichen bestimmter Entwicklungsziele. Die Details sind offen.

Entscheidend ist die Kostenfrage: Zu welchen Konditionen findet die Transaktion statt? Hinzu kommt die Frage, welche Vermögenswerte von A nach B übertragen werden – und wer deren Bewertung vornimmt. Der Begriff „arm’s length“ ist in diesem Zusammenhang bereits mehrfach gefallen. Doch wer bezahlt was und an wen?

Sie sind schon seit längerer Zeit in BioNTech investiert. Nun haben Sie an das Unternehmen 14 Fragen geschickt. Wie hat BioNTech reagiert?

Anfang der Woche habe ich vom Unternehmen eine E-Mail erhalten, die mich allerdings immer noch im Dunkeln stehen lässt. Ich habe die Medien bewusst zunächst außen vor gelassen. Ziel war es, dass BioNTech mir – und damit den Aktionären und der Öffentlichkeit – mitteilt, was Sache ist. Was nicht nur ich, sondern alle BioNTech-Aktionäre benötigen, sind Antworten zu Details. Was wird denn nun aus dem einst hochgelobten Unternehmen, wenn die beiden genialen Gründer und Chefs nicht mehr an Bord sind und andere Ziele verfolgen? Dafür ziehen sie ja auch noch Personal von BioNTech ab. Was wird insgesamt von BioNTech an das neue Unternehmen abgegeben? Gibt man das Tafelsilber her? Gibt man das Potenzial auf? Gibt man die Zukunft aus der Hand?

Gibt man bei BioNTech die Zukunft aus der Hand?

Bernd Förtsch, Herausgeber und Verleger von DER AKTIONÄR

Bislang ist der Aufschrei ausgeblieben. Wie kommt’s?

Womöglich deswegen, weil sich Uğur Şahin und Özlem Türeci in der Pandemie verdient gemacht haben. Ich will diese Erfolge nicht schmälern. Trotzdem haben sie als Vorstand eines börsennotierten Unternehmens eine Verpflichtung ihren Aktionären gegenüber. Es geht hier um Kommunikation und Transparenz.

Die sind bei BioNTech aber schon länger ausbaufähig. Es gibt ja noch mehr Fragen, zum Beispiel, was die Firma mit dem enormen Cashbestand von rund 17 Milliarden Euro vorhat – abgesehen vom Rückkauf eigener Aktien für bis zu eine Milliarde Dollar.

Richtig. BioNTech ist ein Tanker, der von den Kapitänen aufgegeben wird. Über die Beweggründe und die Pläne schweigen sich die Beteiligten aus. So etwas kann man sich vielleicht erlauben, wenn man hundert Prozent an einem Unternehmen hält oder zumindest eine Dreiviertelmehrheit. Aber in diesem Fall muss man in der Lage sein, auf Fragen zu antworten – oder zumindest den Willen zeigen, in einen Dialog zu treten. Der Aktienkultur in Deutschland tut das ebenfalls ganz bestimmt nicht gut. 

BionTech_S32_03
Über die AT Impf GmbH kontrollieren die Gründer der Pharma-Firma Hexal, die Strüngmann-Zwillinge, knapp 40 Prozent der Anteile an BioNTech. Mitbegründer Şahin ist über die Medine GmbH beteiligt.

BioNTech hat noch keinen neuen Chef vorgestellt. Sollte es ein erfahrener Krisenmanager sein?

Bei Unternehmen, in denen solche Vorgänge stattfinden wie derzeit bei BioNTech, folgen erfahrungsgemäß Entlassungen und Restrukturierungen. Und genau das ist es, was hier passiert – eine Restrukturierung. Die Vorstände verlassen das Unternehmen. Der neue Vorstand ist offenbar noch nicht vollständig im Bilde. Wie man in der Presse liest, herrscht im gesamten Unternehmen gerade eine enorme Unsicherheit.

Was versprechen Sie sich davon – abgesehen von mehr Transparenz und Aufklärung über die Hintergründe?

In meinem Anschreiben an das Unternehmen steht klar, dass sämtliche Aktionäre gleichberechtigt informiert werden müssen, ob per Ad-hoc-Meldung oder auf anderem Weg. Meine Grundüberzeugung ist: Alle Aktionäre sollen gleichermaßen an Gewinnen und Verlusten teilhaben, egal ob jemand 50 oder 1.000 Aktien hält. Es geht mir um das Prinzip: Alle sitzen im selben Boot, und alle haben dasselbe moralische Recht auf dieselbe Information, zur gleichen Zeit.

Am Ende läuft es auf eine einzige Frage hinaus: Ist der Deal gut für BioNTech?

BionTech_S32_05
Der Stern, der zur Coronazeit aufging, ist längst verglüht: Ausgehend vom Rekordhoch bei 464 Dollar hat die BioNTech-Aktie 80 Prozent an Wert verloren, während die Börse eine rauschende Party feiert.

Wichtige Antworten dringend gewünscht

Bernd Förtsch hat den BioNTech-Gründern Özlem Türeci und Uğur Şahin diese 14 Fragen gestellt. 

Bewertung und Fairness

1. Wurde eine unabhängige Fairness Opinion durch eine nicht mit BioNTech SE verbundene Investmentbank erstellt? Wenn ja — wann wird diese den Aktionären zugänglich gemacht? Wenn nein — warum nicht, angesichts der Materialität und des offensichtlichen Interessenkonflikts?

2. Welche Bewertungsmethodik wurde für die zu übertragenden Assets angewandt (DCF, Comparable Transactions, rNPV)? Wie vergleicht sich die interne Bewertung mit den oben genannten Markt-Benchmarks?*

3. BioNTech hat im Februar 2025 Biotheus für bis zu 950 Millionen US-Dollar erworben — für ein einzelnes klinisches Programm. BioNTech hat 2025 CureVac für 1,25 Milliarden Dollar übernommen — deren Standorte jetzt geschlossen werden. Wie rechtfertigt sich eine Bewertung der jetzt transferierten Assets (CAR-T-Plattform inklusive BNT211 mit EMA PRIME-Designation, RiboMab-Plattform, gesamte Frühphasenforschung, rund 300 Forscher), die nicht ein Vielfaches dieser Einzeltransaktionen beträgt?

Governance und Interessenkonflikt

4. Wurde ein unabhängiger Sonderausschuss (Special Committee) des Aufsichtsrats gebildet, dessen Mitglieder weder mit Dr. Şahin/Dr. Türeci noch mit den Strüngmann-Brüdern in einer geschäftlichen oder persönlichen Verbindung stehen?

5. Dr. Şahin ist CEO von BioNTech (Verkäuferseite) und gleichzeitig Gründer und künftiger Eigentümer der neuen Gesellschaft (Käuferseite). Dr. Türeci steht in derselben Doppelrolle. Wie wird unter diesen Bedingungen ein „arm’s length“-Verhandlungsergebnis sichergestellt?

6. Warum wird das Binding Agreement vor der Bestellung eines neuen CEO angestrebt? Plant BioNTech, dem künftigen CEO ein Vetorecht, eine Nachprüfungsmöglichkeit oder eine Ausstiegsklausel einzuräumen?

Transaktionsstruktur

7. Wie hoch ist die geplante Minderheitsbeteiligung von BioNTech am neuen Unternehmen exakt (Prozentsatz)? Welche Verwässerungsschutz- und Anti-Dilution-Mechanismen bestehen?

8. Wie setzt sich die Gegenleistung zusammen — Barzahlung, Beteiligung, Meilensteinzahlungen, Lizenzgebühren? Welche konkreten Milestone-Schwellen und Royalty-Sätze sind vorgesehen?

9. Zu welchen Konditionen kann BioNTech die RiboMab-Technologie für spätere Entwicklungsphasen zurücklizenzieren (Strike-Price, Trigger-Events, Royalty-Sätze)? Besteht das Risiko, dass diese Rücklizenz in der Praxis wertlos bleibt, weil BioNTech nach Abgang der Gründer und des Forschungsteams die Technologie nicht eigenständig weiterentwickeln kann?

Personaltransfer und Know-how

10. Wie viele Mitarbeiter wechseln in welchen Funktionsbereichen (Forschung, Entwicklung, Produktion) in das neue Unternehmen? Welche Nicht-Wettbewerbsklauseln gelten für die Gründer und das neue Unternehmen?

11. Wie wird sichergestellt, dass nicht das gesamte institutionelle Wissen in den transferierten Technologiebereichen (CAR-T, RiboMab, Frühphasenforschung) das Unternehmen verlässt und BioNTech in diesen Feldern handlungsunfähig zurückbleibt?

Insider-Transaktionen und Aktionärsrechte

12. Am 13. Mai 2026 wurden Form-4-Filings bei der SEC eingereicht, die Veränderungen im Aktienbesitz von Insidern dokumentieren. Waren die Verhandlungen über die Vermögensübertragung zu diesem Zeitpunkt bereits im Gange? Wenn ja — auf Grundlage welcher MNPI-Compliance-Freigabe erfolgten diese Transaktionen?

13. Wird den Aktionären eine Abstimmung über die Vermögensübertragung ermöglicht — insbesondere ein „majority of the minority“-Vote? Wenn nein — auf welcher rechtlichen Grundlage wird eine Transaktion dieser Größenordnung als Geschäft der laufenden Verwaltung behandelt?

14. Wann werden die vollständigen Transaktionsbedingungen im Rahmen eines Abhängigkeitsberichts gemäß AktG §§ 311–318 oder eines vergleichbaren Instruments offengelegt?

*Auf Basis vergleichbarer M&A-Transaktionen wie Gilead/Kite, Celgene/Juno, Gilead/Arcellx, GSK/CureVac, Roche/Poseida sowie BioNTech/Biotheus und CureVac ergibt sich ein fairer Marktwert der zu transferierenden Assets von zwei bis sieben Milliarden Dollar.

Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: BioNTech.

Behandelte Werte

Name Wert Veränderung
Heute in %
BioNTech - €

Aktuelle Ausgabe

SpaceX-Effekt und Ölpreisrutsch: Neue Chancen für Anleger

Nr. 26/26 8,90 €
Paypal Sofortkauf Im Shop kaufen Sie erhalten einen Download-Link per E-Mail. Außerdem können Sie gekaufte E-Paper in Ihrem Konto herunterladen.

Buchtipp: Chaos Kings

Die Welt wird immer extremer: Pandemien, Klimawandel, politische Radikalisierung, religiöser Fundamentalismus – all diese Entwicklungen bedrohen Billionen an Vermögenswerten. Doch es gibt eine Gruppe von Investoren, die in dieser Umgebung erst richtig gedeiht: die Chaos Kings.
Einer der berühmtesten Vertreter dieser Gruppe: Hedgefonds-Manager Mark Spitznagel und sein Universa-Fonds. Scott Patterson hatte exklusiven Zugang zu den Universa-Strategen und beschreibt, wie Spitznagel mithilfe von Nassim Nicholas Taleb sein Anlagekonzept entwickelte, wie es funktioniert und welche Gegenentwürfe es gibt. Dieses fesselnde und aufschlussreiche Buch ist ein Muss für jeden, der wissen möchte, wie einige der heutigen Investoren Katastrophen in Profit umwandeln.

Chaos Kings

Autoren: Patterson, Scott
Seitenanzahl: 400
Erscheinungstermin: 16.05.2024
Format: Klappenbroschur
ISBN: 978-3-86470-947-0

Preis: 29,90 €