Hier wird Geschichte geschrieben. Nicht verpassen!
22.06.2020 Dr. Dennis Riedl

Corona-Boden: Steht das März-Tief nun endgültig?

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DowJones

Eine zentrale Frage für Anleger ist aktuell natürlich, ob der finale Börsenboden infolge der Coronapandemie bereits gesehen wurde – oder man noch beziehungsweise wieder Vorsicht beim Investieren walten lassen sollte. Eine technische Betrachtung der Erholungsbewegungen.

8255,65 Punkte: Das ist bisherige „Corona-Tief“ (auf Xetra-Basis) am 16. März inmitten der Krise in Deutschland. Der seinerzeit vorgestellte Corona-Trendwende-Indikator (www.aktienreports.de) hatte diesen beruhend auf den täglichen Infektionszahlen mit etwas Verzögerung vorhergesagt. Doch er sagte nichts darüber aus, ob nach einer Zeit der Entspannung (wie in den letzten drei Monaten) die Märkte nochmals nach unten wegbrechen. Doch dummerweise sind stets genau die zentralen Börsenfragen meist auch am schwierigsten zu beantworten. Und die Börse folgt hier wie immer einem Eigenleben. Klar ist, dass sie der hoffentlich kommenden, wirtschaftlichen Erholung vorausgelaufen ist – das ist soweit eine „ganz normale“ Entwicklung. Für diesen Artikel wird nun der Ansatz gewählt, vergangene Börsenböden zu analysieren. Es soll herausgefunden werden, ob sich an deren Strukturen etwas über den aktuellen, potenziellen Boden lernen lässt. 

Psychologie hinter Börsenböden?

Aus psychologischer Sicht wäre es durchaus denkbar, dass ein echter (nachhaltiger) Börsenboden bestimmte, wiederkehrende Merkmale aufweist. Anhand dieser könnten geschickte Anleger ihn also auch als solchen identifizieren. Das ist ein weites, spannendes Feld. Ein Puzzlestück davon werden wir nun untersuchen. Um an dieses Thema jedoch überhaupt heranzukommen, muss man erst einmal einige Konkretisierungen vornehmen. Zum Beispiel: Wann soll eine „Korrektur“ eigentlich als solche eingestuft werden? Muss es um einen bestimmten Prozentsatz nach unten gegangen sein, womöglich innerhalb eines gewissen Zeitfensters? Und wann lässt man einen Boden als solchen gelten: Wie viel Zeit muss vergangen sein oder wie weit der Aktienmarkt seither angestiegen sein, um von einem Boden zu sprechen? Die zu treffenden Kriterien sind dabei weitgehend beliebig festlegbar. Sie sollten aber zumindest klar beschrieben werden. Zur Vorbereitung wird es also notwendigerweise ganz kurz etwas technisch.

Technische Vorbereitungen

Folgende Konkretisierungen werden vorgenommen: Als ein potenzieller Boden wird ein Aktienmarkt eingestuft, der niedriger notiert als an allen anderen Tagen im vorausgehenden Jahr („12-Monats-Tief“) und zudem auch geringer als zwei Wochen danach. Nach diesen zwei Wochen ist also ein jeder Boden sichtbar – und darauf aufbauend lassen sich künftige Performances messen. Die Korrektur ist demzufolge die Bewegung unmittelbar vor dem Boden. Sie kann also ganz unterschiedlich stark ausgefallen sein. Der potenzielle Boden kann sich nun als langfristiger Boden erweisen, idealerweise indem der Aktienmarkt nie wieder zu diesem Kurs zurückkommt. Oder er wird erneut unterschritten: Nach obiger Festlegung also frühestens nach zwei Wochen plus einem Tag. Auf dieser Grundlage betrachten wir nun einmal die Börsenböden in der Geschichte des Dow Jones Index.

Wie lange läuft eine Erholungsbewegung?

Insgesamt 98 Böden sind im Dow Jones auf diese Weise seit dem Jahr 1896 auszumachen, der letzte erzielt am 23. März (Corona-Tief beim Dow Jones). Nun wird gemessen, wie viele Wochen die Erholungen reichten, ehe zumindest eine zehnprozentige Korrektur eingesetzt hat (im Dow Jones bislang nicht erfolgt!). In der Tabelle werden hier drei Fälle unterschieden: 1) Es kam zu einem Unterschreiten oder einer mindestens 10-Prozent-Korrektur innerhalb der ersten drei Monate (13 Wochen), 2) Es kam hierzu zwischen dem 4. und 6. Monat (14-26 Wochen) oder der Dow Jones schaffte es, länger als sechs Monate (26 Wochen) ohne eine solche Korrektur auszukommen. Wir bewegen uns also mit dem aktuellen Fall gerade noch in Szenario 1 (bislang 12 Wochen ohne 10-Prozent-Korrektur).

Boden-Analyse: Auswertung

38 der 98 potenziellen Böden haben die erste Erholungsphase nicht ohne scharfe Korrektur überlebt. 41 Exemplare kommen tatsächlich mindestens sechs Monate ohne eine solche aus. Die Performance-Angabe in der Tabelle (3. Spalte) zeigt nun an, wie es in der jeweiligen Konstellation in den darauffolgenden drei Monaten mit dem Aktienmarkt durchschnittlich weitergegangen ist. Die Tendenz (leider ist es nicht mehr) geht dahin, dass es für die nähere Zukunft umso förderlicher ist, je länger der Aktienmarkt ohne nennenswerte Rücksetzer auskommt. Die durchschnittlichen Renditen liegen mit 2,3 bis 3,6 Prozent allerdings sehr nah beisammen.

Die Unterschiede wären überhaupt nicht der Rede wert, wenn sich die drei Gruppen nicht gleichzeitig und deutlich hinsichtlich ihrer 3-Monats-Volatilität unterscheiden würden (Spalte 4). In Gruppe 1 bekommt man die schlechteste Renditeerwartung mit der größten Schwankung, in Gruppe 3 die höchste Renditeerwartung mit der geringsten Schwankung. Im letzteren Fall führt das sogar zu einem sehr akzeptablen Sharpe Ratio von 0,53. Die Trefferquote (im Sinne eines steigenden Markts in den nächsten drei Monaten) steigt dabei von für Börsenverhältnisse miserablen 50 Prozent auf sehr solide 73 Prozent.  

Ein vielleicht interessantes Detail: Im laufenden Jahr würde der Übergang in Szenario 3 zeitlich genau dem Beginn des historisch starken Winterhalbjahrs an der Börse entsprechen.

Keine „Weltformel“, aber …

Die kleine Analyse legt nahe, dass es tatsächlich Merkmale gibt, mithilfe derer sich schwache und starke Böden voneinander unterscheiden lassen. Grundaussage: Je länger ein Boden hält und ohne nennenswerte Korrekturen auskommt, umso besser wird das künftige(!) Chance-Risiko-Verhältnis für den Anleger.

Mit dem gezeigten Ansatz lässt sich allerdings nicht unmittelbar am Tief erkennen, in welche Gruppe sich der aktuell betrachtete Boden einordnen wird. Und eine 100- Prozent-Trefferquote wird man ohnehin nie erreichen. An der Börse lassen sich eben die Gewinnwahrscheinlichkeiten nur etwas mehr auf die eigene Seite ziehen. Die obigen Erkenntnisse vermögen hierfür ein Puzzlestück zu liefern – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dieser Artikel ist in DER AKTIONÄR Nr. 26/2020 erschienen, welches Sie hier als PDF gesamt herunterladen können.