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- Michael Schröder - Redakteur

DAX im Grexit-Fieber: Wann ist das Thema endlich vom Tisch und was kommt danach?

Seit fünf Jahren hält Griechenland Europa in Atem. Die Fragen, die die Börse quälen: Sind die Griechen pleite? Müssen sie raus aus dem Euro? Zerfällt dann die ganze Währungsunion? Doch das leidige Kapitel könnte bald vorbei sein.


DER AKTIONÄR fragte nach bei Dirk Gojny, Kapitalmarktstratege bei der Essener National-Bank.

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DER AKTIONÄR: Herr Gojny, wie wahrscheinlich ist ein zeitnaher Grexit?
Dirk Gojny:
Inzwischen ist es unberechenbar geworden, ob der Grexit kommt oder nicht. Die europäische Politik betont zwar weiterhin, man möchte das Land im Euroraum halten. Doch ob sich das tatsächlich verwirklichen lässt, hängt vor allem von Griechenland und der Flexibilität der dortigen Regierung ab. Schließlich haben die "Institutionen" die Bedingungen für die Fortführung der Stützung und damit der Auszahlung der verbliebenen Tranche aus dem Stützungspaket definiert. Zugleich hat die europäische Politik stets Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Auch wenn sich nur sehr schwer abschätzen, wann die griechische Kasse endgültig leer ist, dürfte es mit der Fälligkeit der IWF-Kredittranchen sehr eng für das Land werden.

Was passiert dann mit dem Euro?
Kurzfristig sollte ein Grexit den Euro stärken, da vermeintlich ein Belastungsfaktor für den ganzen Euroraum weg ist. Allerdings würde ein Grexit neue Probleme aufwerfen, denn neben den zu erwartenden Belastungen aus den Kredit- und Anleiheausfällen, die ESM/EFSF, einzelne Euroländer und auch die EZB treffen würden, müssten wohl doch neue finanzielle Mittel bereitgestellt werden, damit das Land überlebensfähig bleibt. Es ist nämlich kaum denkbar, dass die europäische Staatengemeinschaft ein langjähriges Mitglied fallen lassen wird. Daher kann es nach der kurzfristigen Stärkung des Währungsraums / Euros durchaus wieder zu einer Schwäche kommen.

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr für andere europäische Staaten?
Solange die besonders fragilen Länder ihren Konsolidierungs- und Reformkurs beibehalten, sind die Ansteckungsrisiken sehr überschaubar. Die Brandschutzmauern, die in den letzten beiden Jahren errichtet worden sind, dürften einiges abfedern können. Außerdem werden die europäischen Partner ggf. sicher einspringen, falls sich doch größere Probleme abzeichnen sollten. Voraussetzung ist jedoch immer die Einhaltung der getroffenen Vereinbarungen. Das begrenzt zugleich den Handlungsspielraum der Geldgeber gegenüber Griechenland. Gibt man nämlich der griechischen Regierung in zentralen Fragen nach, dürfte die inzwischen erstarkte eher linksgerichtete Opposition in Spanien und Portugal, aber auch Irland an Gewicht gewinnen. Da Wahlen anstehen, würden entsprechende Verschiebungen in den Mehrheitsverhältnissen sicher problematisch und damit letztlich doch, destabilisierend wirken.

Wie reagiert die Börse, wenn der Grexit kommt – kurz- und mittelfristig?
Das Verhaltensmuster dürfte ähnlich sein wie beim Euro.

Und wie geht es weiter, wenn in Sachen Griechenland vorerst alles beim Alten bleibt?
Bei "alles beim Alten" wird es selbst dann nicht bleiben, wenn Griechenland Mitglied des Euroraums bleibt, weil sich die griechische Administration weit auf die Geldgeber hat zubewegen müssen und erste Gesetze aus dem Reformpaket umgesetzt haben müsste. Alternativ könnte es auch zu einer "typischen Eurolandlösung" kommen: Verlängerung der Gültigkeit des aktuellen Hilfsprogramms auf Ende 2015, einige Zugeständnisse aus Griechenland und Freigabe eines kleinen Teils der noch vorhandenen 7,2 Milliarden Euro. Dadurch würde die endgültige Lösung der Griechenlandfrage einfach weiter nach hinten geschoben und wieder etwas Zeit gewonnen, bis zur Fortsetzung des Dramas jedenfalls.

Worauf müssen Sich Anleger im laufenden Jahr sonst noch einstellen?
Die Leitzinswende in den USA sowie die dortige konjunkturelle Stärke ab dem laufenden Quartal wird Thema bleiben. Es ist davon auszugehen, dass die Fed, wie einzelne US-Notenbanker es ja immer wieder betonen, die Leitzinswende im laufenden Jahr einleiten wird. Dabei ist auf die Auswirkungen auf die Schwellenländer zu achten. Der Euroraum dürfte konjunkturell noch das eine oder andere mal positiv überraschen, und die Ängste vor einem frühzeitigen Ende des QE-Programms der EZB dürften sich trotz stabilisierender Inflationserwartungen als viel zu übertrieben herausstellen. Außerdem wird man sich dem Thema "Liquidität an den Kapitalmärkten" verstärkt widmen müssen, da die anhaltende Regulierung des Finanzsektors möglicherweise gravierende Auswirkungen auf die Bereitstellung von Liquidität haben kann, so dass die Kapitalmärkte insgesamt illiquider werden können. Das wiederum dürfte die Schwankungsintensität unterschiedlicher Asset Klassen erhöhen.

Zum Abschluss: Wie sollten Anleger in Zeiten wie diesen agieren?
Für all diejenigen, die davon ausgehen, dass das Griechenland-Drama doch noch zu einem positiven Ende gebracht wird, so dass das Land im Euroraum durch die Erfüllung von zahlreichen Auflagen verbleiben wird, bieten sich Aktienengagements im Euroraum an. Ansonsten heißt es zumindest derzeit abwarten und bei stärkeren Korrekturbewegungen sukzessive Aktienpositionen vorzugsweise in Europa aufzubauen und dann doch Stopps absichern. Außerdem dürften gerade über die nächsten Sommermonate Minimum Volatility Strategien von Interesse sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

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