Ströer
- Markus Horntrich - Chefredakteur

Short-Attacke auf Ströer: Aktie ausgestoppt

Die Ströer-Aktie brach heute massiv ein, nachdem der Hedgefonds Muddy Waters veröffentlicht hatte, eine Short-Position auf Ströer zu halten. Muddy Waters hegt sowohl an den veröffentlichten Zahlen als auch am digitalen Geschäftsmodell Zweifel. Im Zuge des Abverkaufs fiel der Aktien-Musterdepotwert unter den angegebenen Stopp bei 49 Euro und wurde entsprechend verkauft.

Stellungnahme würde helfen

Aktuell notiert der Wert sogar unter 40 Euro. Es ist davon auszugehen, dass das Ströer-Management ein Statement zu dem Research abgeben wird, sobald die kritisierten Sachverhalte analysiert wurden. Das könnte dem Wert kurzfristig wieder Auftrieb geben. Zudem dürften die Short-Seller einen Teil ihrer Position glattstellen. Anleger, die die Aktie noch haben, dürften m. E. zu höheren Kursen aus der Position kommen.

Hier die Zusammenfassung des Researchberichts aus der aktuellen Pressemitteilung von Muddy Waters:
"Aus unserer Sicht ist die Ströer SE Co. & KGaA (“Ströer”) nicht das Unternehmen, wofür es der Markt anscheinend hält. Unserer Ansicht nach liegen das organische Wachstum, der operative Cash Flow und der freie Cash Flow signifikant unter den von Ströer berichteten Angaben. Dieser Umstand stellt den Kern des Investment Case für Ströer in Frage. Wir haben darüber hinaus ernsthafte Zweifel an der Corporate Governance bei Ströer, und diese Zweifel sind untrennbar mit unserer Einschätzung zur Profitabilität und den Cash Flows des Unternehmens verknüpft.
Ströers Corporate Governance erinnert uns an chinesische Unternehmen, die wir in der Vergangenheit analysiert haben. In einem Fall hat Ströer beispielsweise mit Insidern bereits eine Einigung zum Erwerb eines Unternehmens von den Insidern getroffen, bevor diese das Unternehmen selbst erworben haben. Aufgrund der Strukturierung dieser Transaktion ist es nicht möglich, genau zu sagen, wie viel die Insider dabei verdient haben – wir gehen allerdings davon aus, dass rund 22,5 Millionen Euro auf ein nur sechs Monate zuvor getätigtes Cash-Investment von 2 Millionen Euro eine angemessene Schätzung ist. Mit den Insidern verbundene Unternehmen sind sowohl Nutzer als auch Eigentümer der Werbeflächen von Ströer OOH, was wir als unangemessen betrachten und was wiederum die Frage aufwirft, ob das Unternehmen über ausreichende interne Kontrollmechanismen verfügt.
Wir haben einen Fall identifiziert, in dem ein zuvor als Schlüssel-Akquisition bezeichnetes Unternehmen im Digitalbereich gescheitert ist, wobei sich Gesellschaft und Management aus unserer Sicht bis heute der Verantwortung entzogen haben. Daher ist es vielleicht nicht überraschend zu lesen, wie sich ein hochrangiger Manager von Ströer öffentlich zur Akquisitionsstrategie im Digitalbereich geäußert hat – unserer Meinung nach sprechen seine Äußerungen für eine ungeniert leichtfertige Einstellung zum Thema Kapitalallokation.
Insider haben zudem Aktien im Wert von mehreren hunderten Millionen Euro veräußert und ihre Transaktionen dabei allem Anschein nach nicht einmal korrekt gemeldet – damit haben sie möglicherweise gegen geltendes Recht verstoßen. Es ist unsere Überzeugung, dass der Aufsichtsrat von Ströer nicht mehr ausreichend unabhängig ist, seit das Unternehmen mit der Umsetzung seiner Digitalstrategie im Jahr 2013 begonnen hat. Dieser Umstand hat aus unserer Sicht dazu beigetragen, die Rahmenbedingungen für die vorstehenden fragwürdigen Handlungen zu schaffen sowie für weitere ernst zu nehmende Themen, über die wir in unserem Report berichten.
Wir sind der Überzeugung, dass Ströer die Zahlen für das organische Wachstum des Unternehmens in den Jahren 2014 und 2015 substanziell zu hoch angegeben hat. Wir können nicht beurteilen, ob diese unserer Meinung nach überhöhten Zahlen das Ergebnis von Inkompetenz sind oder der Versuch, Investoren in die Irre zu führen. Unserer Einschätzung nach hätte eine akkurate Berechnung des organischen Wachstums im Digitalbereich für das Jahr 2015 eine Wachstumsrate von lediglich 2,5% ergeben.
Wir passen den freien Cash Flow von Ströer für das Jahr 2015 nach unten an, und zwar um a) € 24,8 Millionen, weil wir uns außerstande sehen, gewisse Positionen in der Bilanz und den Cash Flow Statements miteinander zu vereinbaren, was uns an der Buchführung von Ströer zweifeln lässt, und b) um € 26,9 Millionen für den Erwerb von Minderheitsbeteiligungen. Wir setzen zudem den operativen Cash Flow von Ströer für das Jahr 2015 herab weil wir vermuten, dass das Unternehmen die Zahlungsziele seiner kurzfristigen Zahlungsverpflichtungen stark auf 118 Tage ausgedehnt hat, im Vergleich zu einem Drei-Jahres-Durchschnitt von nur 95 Tagen. Wir glauben, dass Ströer sein EBITDA durch sonstige betriebliche Erträge künstlich aufbläht sowie durch bestimmte kapitalisierte aktivierte Ausgaben, von denen wir annehmen, dass sie ordnungsgemäß eher als Betriebsausgaben verbucht werden müssten.
Ströers Angaben zum Cash Flow per Jahresende 2015 weisen fälschlicherweise aus, dass Ströer unterjährig keine Fremdmittel aufgenommen habe, was nicht zutrifft. Denn das Cash Flow-Statement weist lediglich die Fremdmittelaufnahme abzüglich Tilgung aus, anstatt der Brutto-Fremdmittelaufnahme. Dies scheint uns ein Verstoß gegen die IFRS-Rechnungslegungsstandards zu sein und generiert unserer Überzeugung nach den unzutreffenden Eindruck, Ströer sei imstande, sich unterjährig aus Cash Flow und Barmitteln zu finanzieren. Unserer Meinung nach hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft von Ströer damit einen klaren Fehler begangen, indem sie diese aus unserer Sicht irreführende Form der Darstellung im jährlichen Cash Flow-Statement zugelassen hat.
Das Video-Außenwerbeflächen-Geschäft von Ströer, Infoscreen, scheint in Sachen Profitabilität ein bemerkenswerter Ausreißer in der Industrie zu sein. Seit Infoscreen von Ströer umklassifiziert und neuerdings dem Digital-Geschäft zugerechnet wird, ist es integraler Bestandteil der Ströer Wachstumsstory im Digitalbereich. Wir sind überzeugt, dass Investoren Infoscreen kritisch hinterfragen sollten.
Als Ergebnis der oben genannten Feststellungen, erscheint uns der Investment Case von Ströer künstlich aufgebläht."

Short-Eindeckungen denkbar

AKTIONÄR-Leser dürften dank des Stopps bei 49 Euro einigermaßen glimpflich davongekommen sein. Wer die Aktie noch hat, sollte den weiteren Verlauf abwarten. Es ist davon auszugehen, dass sich das Management zeitnah zum veröffentlichten Research von Muddy Waters äußern wird. Zudem dürften die Short-Spekulanten ihre Positionen nach dem Kursverfall zumindest zum Teil glattstellen. Das könnte intraday höhere Kurse zur Folge haben. Bis die Sache endgültig (auch von Analystenseite) geklärt ist, dürfte, wie das Beispiel Wirecard nach der Short-Attacke zeigt, einiges an Zeit vergehen.

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  • Dennis Pagel -
    Sie haben das sehr schön gesagt, Herr Pech. "Glückliches Händchen"... Am Ende ist und bleiben Aktienkäufe mit kurz- bis mittelfristiger Perspektive eine Wette, wie auf ein Fußballspiel. Und auch dort soll selbst Bayern München schonmal völlig überraschend gegen einen Drittligisten verloren haben. Wer sich blind auf einen einzigen Berater verlässt und alles nachkauft... Vielleicht sollte man nicht nur Aktien disversifizieren, sondern auch Anlagetipps nicht immer nur von ein und demselben Menschen einholen. Wenn man sich mal anschaut, wie massiv heutzutage selbst auf schlechte Nachrichten reagiert wird, wenn diese im Prinzip genauso erwartet wurden (siehe ADVA Optical), dann muss man einfach feststellen, dass die Märkte völlig unberechenbar sind. Herr Schröder liegt genauso richtig oder falsch, wie ein Günter Netzer, der vor dem Spiel einen Tipp abgibt. Mal hat er Recht, mal liegt daneben. Und manchmal liegt er vollkommen daneben.
  • Dennis Pagel -
    Das haben Sie sehr schön gesagt, Herr Pech. "Glückliches Händchen"... Trotz allem Groll und Ärger sollte man einige Fakten nicht vergessen:
  • Wolfgang Georg Pech -
    Wir schreiben hier auf den Artikel von Ströer, aber das ist nicht mein Kritikpunkt. Ich habe auch schon Optionen verloren. Es geht um die Menge der Fehleinschätzungen von Herr Schröder in letzter Zeit, trotz sehr bullischem Markt. Sicher analysiert er gut, aber er halt nun mal leider keine glückliche Hand zur Zeit, ist wie beim Fussball, am Ende zählt das Ergebnis, und das ist nun mal eine Katastrophe. Herr Schröder, machen Sie mal 2 Wochen Urlaub in der Karibik oder so, ohne Aktien, verdient haben Sie ja sicher mehr wie wir, und danach siehts vielleicht wieder besser aus....manchmal hilft nix anderes. Gute Zeit
  • Dennis Pagel -
    So ganz verstehen kann man die Aufregung hier nicht.
  • Andreas Schulte -
    Abo gekündigt--
  • Helmut Lohr -
    Wir haben übergeordnet ein Short-Szenario. Die Staatsanleihen- und durch die Niedrigzinspolitik getriebene Immobilienblase. Die Rentenproblematik und die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Und Rekordgewinne bei den TOP-Unternehmen bei zunehmend gesättigten Märkten . Um die wichtigsten zu nennen. Auf der anderen Seite gibt es gut aufgestellte, robuste und auch weiterhin wachsende Unternehmen und keine wirklich sinnvollen Alternativen zu Aktien. Das schafft Verunsicherung und damit eine zunehmende Volatilität. Ich denke mal, das diese Situation auch für Profis schwierig ist, weil die Marktpsychologie im Vergleich mit Fundamentalanalyse und Charttechnik, kaum berechenbar ist.
  • Helmut Lohr -
    Ich zweilfle die Arbeit von Herr Schröder nicht an. Er macht Fundamentalanalyse und Chartanalyse und versucht die besten Chancen zu finden.
  • Mariya Kravchenko -
    @Helmut: Ich lese schon gerne Artikel und Empfehlungen von Aktionär und über die Jahre waren es schon einige sehr gute gewesen. Und auch das Real-Depot war im 2015 noch ganz gut dabei. Daher habe ich denen auch Vertrauen geschenkt, danach gab es Riesenpatzer mit DAX und TecDAX Call mit Total Kapitalverlust, danach gab ich dem Depot die 2. Change, um die Verluste wettzumachen, jedoch zeigte sich Herr Schröder in seinen Entscheidungen recht inkonsequent und sehr stark emotional getrieben, sodass ich letzlich das Vertrauen in seine Geschicktheit verloren hatte. Und nebenbei, hätten Sie das Depot im 2015 nachgebildet, wären Sie mehr als glücklich, war aber wohl eher der generellen trendigen Zeit zuzurechnen, aber immerhin ;-) Daher muss der Depot-Kopien Ansatz nicht immer verlustträchtig sein ;-) In Fall vom irrationalem Depot von Herrn Schröder leider schon :(
  • Mariya Kravchenko -
    @Wolfgang: hatte ich eigentlich schon getan, ist schon eine Schande für Vermögen-vernichtende Empfehlungen noch monatlich Geld zu verlangen. Kuriöserweise war das Real-Depot viel besser gefahren als es noch kostenlos war und noch im Jahr 2015, wo eher bis Mai alles wuchs und einige (SMA Solar, Adva, Hypoport) sogar überproportional. Ich bin mal gespannt, wie der Herr Schröder sich nun bei den Abonenten seines Dienstes entschuldigt. Apropos Klöckner, diesen im Gegensatz zum Depot nicht am nächsten Tag zu verkaufen wäre schon eine klugere Option gewesen, wie ich zum Glück auch machte ;-)
  • Helmut Lohr -
    Hab die zum Glück schon vorher verkauft. Bin aber heute wieder per Optionsschein eingestiegen. Für meine Anlageeintscheidungen fühle ich mich schon selbst verantwolrtlich. Ich erstelle keine Depot-Kopien. Fantasie in den Bilanzen ist abgesehen davon bei vielen Unternehmen. Irgend welche Haare in der Suppe finden sich immer.
  • Daniel Verlé -
    Das war mein lestes Abonnement auf Der Aktionaer...
  • Mike Numeratzki -
    Da knallen die Sektkorken bei Muddy Waters, wäre mal interessant wie viele hundert Millionen die heute Gewinn gemacht haben. Die dusseligen Kleinanleger verbrennen wieder ihre Kohle :(
  • Holger Behrens -
    Feine Sache einfach einen Short mit hohem Hebel kaufen eine vernichtende Analyse veröffendlichen und schon kann ich die Gewinne einstreichen.
  • Richard Brummer -
    Na ja, Herr Horntrich, hier wurden ja von Muddy Waters schon etliche fragliche Praktiken genannt. Ein Unternehmen vor einer Kaufempfehlung gründlich zu analysieren, aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, zeichnet guten Wirtschaftsjournalismus aus. Hat "Der Aktionär" nicht die journalistische Kapazität, um sich sachlich mit diesen Vorwürfen um Ströer auseinanderzusetzen? Ein Hinweis, wie bei Wirecard, einem wiederholt massiv empfohlenen Wert, noch vor einer "Short Attacke" verkauft zu haben, entbindet nicht vom Vorwurf vieler Leser Ihrer Zeitschrift, sich in der sachlich Analyse eines Unternehmens vielleicht grundlegend getäuscht zu haben.
  • Wolfgang Georg Pech -
    @ MARIYA: Das Real Depot kündigen, selbst analysieren und alle Nebenwerte, die Herr Schröder anfasst, meiden. Ich sag nur Tom Tailor, Klöckner, BB Biotech, Bertrandt, Henkel, Nordex, SMA, Adva, Ströer......ist ne Schande für den Verlag so ein Redakteur, jeder kostenlose Newsletter taugt mehr. Hab es denen am stand schon am Sa auf der Invest gesagt, er war leider nicht da. Und das war vor dem heutigen Tag.r,
  • Mariya Kravchenko -
    Es ist schon erstaunlich, wie treffsicher und mit welcher Regelmäßigkeit das Real-Depot den realen Geldwert der kostenpflichtigen Abonneten vernichtet... :(Aktuell sehe ich nicht, wie da Team um den Herrn Schröder, mir meine realen Depot-Verluste kompensieren kann..
  • Wolfgang Georg Pech -
    Könnte wetten der nächste Titel ist Biotest.....
  • Markus Horntrich -
    Das ist leider nicht ganz richtig, Herr Beck. Wirecard wurde lange vor der Short-Attacke verkauft. Wer also das Musterdepot nachbildete, war rechtzeitig außen vor.
  • Alexander Beck -
    und immer triffts die Titel, die bei DA im Musterdepot oder auf der Watchlist stehen (siehe Wirecard ...)
  • Marc Hoffmann -
    gfgfg

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