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- Jochen Kauper - Redakteur

Marktexperte Herrmann: "Wahre Schnäppchen gibt es kaum noch an den Börsen"

Geht es nach Marco Herrmann von der Fiduka Depotverwaltung sind nach zwei überdurchschnittlich guten Börsenjahren Aktien nicht mehr günstig bewertet. Für weiter steigende Kurse müssten die Unternehmensgewinne zulegen. Im Interview mit DER AKTIONÄR spricht Marco Herrmann über Bedrohungen für den Aktienmarkt und aussichtsreiche Investments.

DER AKTIONÄR: Herr Herrmann, welche Aktien sind jetzt attraktiv und warum?
MARCO HERRMANN: Wahre Schnäppchen gibt es kaum noch an den Börsen. Hängt eine Aktie deutlich hinter anderen zurück oder ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis ausgesprochen niedrig, gibt es meist einen Grund. In Anbetracht des moderaten Wirtschaftwachstums bevorzugen wir eher defensive Branchen. Viele dieser Unternehmen haben aufgrund ihres hohen Umsatzanteils in den Schwellenländern heftige Währungsverluste zu verdauen. Ein Effekt, der aber nachlassen wird. Bereinigt um Sondereffekte waren die Berichte zum Beispiel von Nestle und L’Oreal durchaus ansehnlich. Auch Pharma- und Medizintechnikunternehmen beurteilen wir als aussichtsreich. Bayer hat sogar die Umsatzprognose für ihre wichtigsten Medikamente angehoben. Durchaus ansprechend fanden wir auch die Geschäftszahlen der deutschen Versicherer Allianz und Münchener Rück. Wachstum und Dividende bietet auch Qualcomm, die mit ihren Chips am Smartphone-Boom profitieren. Wieder interessant sind auch Ölwerte geworden. Deren Manager haben endlich kapiert, das Wachstum profitabel sein muss und streichen ihr Investitionsausgaben zusammen.

Welche Aktien beziehungsweise Branchen sind schon zu gut gelaufen und sollten gemieden werden?
Die Berichtssaison der Unternehmen über den Geschäftsverlauf im Schlussquartal 2013 hat viele Anleger enttäuscht und zu Anpassungen bei den Gewinnschätzungen für das laufende Jahr gesorgt. Zum Teil dienen Wechselkursveränderungen als Erklärung, was bei der Stärke des Euro nachvollziehbar ist. Hierüber kann man hinweg sehen, da sich im Laufe des Jahres Basiseffekte ergeben sollten. Zurückhaltender sollten Investoren bei nachlassender Nachfragedynamik oder gar bei fallenden Produktpreisen sein. Beides konnte man teilweise in den Branchen Telekommunikation und Chemie feststellen. Deshalb wären wir hier vorsichtig. Dies gilt auch für Banken. Die kräftige Kurserholung der Bankaktien hat die Bewertung wieder auf ein faires Niveau angehoben. Die Banken der Eurozone notieren im Schnitt aktuell bei einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,8. Für weitere Kurssteigerungen wäre eine höhere Eigenkapitalrendite als die gegenwärtigen 8 Prozent notwendig. Doch die zunehmende Regulierung der Finanzinstitute, die auch zur Reduzierung der Ertragskraft führt, bei gleichzeitig höheren Eigenkapitalanforderungen, sorgt für Gegenwind.

Wo sehen Sie Risiken, die der Börse wirklich gefährlich werden könnten?
Nach zwei überdurchschnittlich guten Börsenjahren sind Aktien nicht mehr günstig. Für weiter steigende Kurse müssten die Unternehmensgewinne zulegen. Die Berichterstattung der Unternehmen in den letzten Wochen hat leider mehr Schatten als Licht hervor gebracht. Setzt sich dieser Trend fort, ist eine Kurskorrektur am Aktienmarkt von 10 Prozent durchaus möglich.
Rund 75 Prozent des Wachstums der Weltwirtschaft kommt aus den Schwellenländern, in denen es zurzeit kräftig kriselt. Wichtigstes Land ist China, das noch mit rund 7 Prozent wächst. Schwächt sich auch hier die Konjunktur ab, bläst den Börsen ordentlich Gegenwind ins Gesicht. Gefahr besteht auch durch eine Verringerung der aktuell hohen Liquidität durch die Notenbanken. Die amerikanische Notenbank wird voraussichtlich in diesem Jahr ihr Anleihenaufkaufprogramm beenden. Zum Teil kann dies die höhere Liquidität der japanischen BOJ ausgleichen, aber ob dieses Kapital wirklich im großen Stil exportiert wird ist fraglich. Den Börsen könnte also der Treibstoff ausgehen, wenn nicht die EZB bald mit neuen unkonventionellen Maßnahmen ihre Bilanz ausweitet oder die Unternehmensgewinne kräftiger zulegen.
In der heutigen Zeit ist die Politik der größte Risikofaktor. Die selbstgefällige und nur auf die nächste Wahl schielende politische Klasse neigt zu unnützen aber populären Maßnahmen. Notwendige langfristig wirkende strukturelle Veränderungen, die die hohen Staatsschulden reduzieren und der lahmenden Wirtschaft wieder auf die Beine helfen könnten, werden nicht angegangen. Die hohe Arbeitslosigkeit, vor allem bei den Jugendlichen, birgt sozialen Sprengstoff. Extremistische Parteien erhalten so Zulauf. Am Ende könnte eine Umverteilung von reich zu arm stehen.
Wie Sie sehen, es gibt viele Risiken. Aber Risiken gab es schon immer und dennoch konnten sich Aktien per Saldo gut entwickeln

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