DAX
- Michael Schröder - Redakteur

DAX bleibt im griechischen Würgegriff: "Grexit ist besser als ein fauler Kompromiss" - wo bleibt der Befreiungsschlag?

Nach dem "NEIN" der griechischen Bevölkerung zu neuen Spar- und Reformschritten sehen zahlreiche Bankvolkswirte ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro als wahrscheinlicher an als einen Verbleib. Wie auch immer mögliche weitere Verhandlungen aussehen könnten: Daran, dass sie schwierig werden, zweifelt niemand. Damit dürfte die Volatilität bei DAX und Co kurzfristig weiter hoch bleiben.

Bei dem Referendum war am Sonntag eine überraschend deutliche Mehrheit der Griechen der Linie von Regierungschef Alexis Tsipras gefolgt und hatte sich gegen die Spar- und Reformvorschläge der internationalen Geldgeber ausgesprochen. Nach dem Referendum sei das Risiko eines Grexit deutlich gestiegen, schreibt Unicredit-Chefvolkswirt Erik Nielsen in einer Studie vom Montag. Es sei mit einem chaotischen Euro-Austritt zu rechnen, der schon in den kommenden Tagen beginnen könne. Auch die Chefvolkswirte der DekaBank, der Commerzbank und von JP Morgan halten einen Grexit für wahrscheinlich. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank und ein vergleichsweise optimistischer Vertreter seines Fachs, rechnet nicht mit Verhandlungen über ein drittes Reformpaket.

Einige Experten befürworten sogar einen Euroaustritt Griechenlands. "Ein Grexit ist besser als ein fauler Kompromiss in Grundsatzfragen, der die Währungsunion wirtschaftlich schwächt", sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Aus Sicht der Geberländer sei dieser Weg verkraftbar. Die Finanzmärkte hätten zuletzt auf die Griechenlandkrise nur wenig reagiert, der Euro habe gegenüber dem Dollar kaum abgewertet.

"Griechenland hat schon lange nicht mehr das Potential, den Bestand der Währungsunion zu gefährden", unterstrich Krämer. Gefährlicher für den Euroraum wäre es, wenn sich "die Geberländer trotz des Neins der Griechen um eine klare Position drücken." Analysten der Bremer Landesbank bezeichneten "Griechenland in der Physis der Eurozone" gar als "abgekapselten Fremdkörper".

Aber es gibt auch Stimmen, die für eine erneute Einigung plädieren. Ein Grexit könne Griechenland zu einem Hort der Instabilität an der Außengrenze Europas werden lassen, warnte Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Deshalb müsse es weitere Verhandlungen geben. Grundlage dafür könne der sogenannte Fünf-Präsidenten-Bericht sein, den die Präsidenten der fünf wichtigsten EU-Institutionen (EU-Kommission, EZB, Eurogruppe, Europäisches Parlament und Europäischer Rat) unlängst vorgelegt haben. Darin sind eine tiefere europäische Integration im Finanzsektor, eine effektivere Banken-Rekapitalisierung und der Beginn einer Kapitalmarktunion vorgesehen.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, schlägt einen "konditionierten Schuldenschnitt" vor, in dem - einem klaren Plan folgend - Schuldenerleichterungen gegen umgesetzte Reformschritte gewährt werden. Allerdings müssten dafür starke Signale vorliegen, dass es zu einer Einigung kommen könne. Der Rücktritt des griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis sei ein erster Schritt in diese Richtung.

Mit Blick auf das Prozedere eines Grexit merkt Bruno Cavalier, Chefvolkswirt von Oddo & Cie, an, dass dieser nur um den Preis einer Menge rechtlicher Akrobatik möglich sei und der Rückzug Griechenlands aus dem gemeinsamen Währungsgebiet zwischen beiden Seiten ausgehandelt sein müsse. Dies setze jedoch gerade den guten Willen voraus, der in den vergangenen Monaten so schmerzlich vermisst worden sei. Unter dem Strich werde die monetäre Scheidung auf jeden Fall ein langer und quälender Prozess. Eine Ansteckung anderer Staaten im Euroraum sieht der Ökonom indes nicht.

Wie geht es kurzfrisitg weiter? An der Reaktion der Eurogruppe dürfte fieberhaft gearbeitet werden. "Die Finanzminister der Eurogruppe werden auf einer außerordentlichen Tagung am morgigen Dienstag das weitere Vorgehen beraten. Ob und wer von griechischer Seite teilnehmen wird, ist nach dem Rücktritt des griechischen Finanzministers offen. Anschließend an das Treffen der Finanzminister werden sich die Staats- und Regierungschefs mit Griechenland beschäftigen
und wahrscheinlich den Vorschlägen der Finanzminister folgen", erklärt Kapitalmarktstratege Dirk Gojny von der Essener National-Bank.

Die Kapitalmärkte nehmen die griechische Entscheidung vergleichsweise gelassen zur Kenntnis. "Selbst die Kreditrisikoaufschläge für Staatsanleihen aus der Peripherie zu Bundesanleihen
steigen nur wenig. Eine griechische Staatspleite würde für alle Länder des Euroraums zwar zusätzliche finanziellen Belastungen bedeuten. Diese sind aber über lange Zeiträume gestreckt. Zudem kann die EZB immer noch stabilisierend z. B. via OMT-Programm eingreifen und den besonders betroffenen Ländern damit Luft verschaffen", so Gojny weiter.

Eine genaue Prognose für DAX und Co fällt weiter schwer. Sicher ist: Börsianer wünschen sich nichts sehnlicheres, als das dieses Drama in seinen letzten Akt geht und der Vorhang fällt. Danach könnten sich die Finanzmärkte wieder auf fundamentalere Faktoren konzentrieren. „Aus charttechnischer Sicht stellt sich beim DAX ein seit April intakter mittelfristig abwärts gerichteter Trendkanal dar“, heißt es bei der DZ Bank. „Bislang konnte zwar noch ein deutlicher Abstand zum letzten Bewegungstief um 10.800 Punkte gehalten werden, jedoch deuten die ersten Kurse heute Morgen sogar schon einen Durchbruch unter die Unterstützung an. Insgesamt kommt damit ein Test der 200-Tage-Linie bei aktuell 10.605 Punkten auf die Tagesordnung“, führen die Experten aus. Erst oberhalb von 11.500 Punkten (obere Begrenzung des April-Abwärtstrendkanals) bzw. 10.635 Punkten (letztes Reaktionshoch) ergebe sich die Chance, dass der DAX eine deutlichere Konsolidierungsbewegung zum Abschluss gebracht hat.

(Mit Material von dpa-AFX)

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