- Florian Söllner - Leitender Redakteur

Vorsicht vor dem Crowd-Hype: Start-up mit vielen Haken

Neues aus Berlin: Die Crowd-Investing-Plattform Bergfürst sorgt mit der Emission von Urbanara für Aufsehen. Doch ein Investment in das E-Commerce-Start-up ist sehr risikoreich.

So schön kann das Berliner Hinterhofleben sein. An einem grauen Herbstnachmittag sitzen zwei brünette Endzwanzigerinnen in warmem Licht auf einladenden Teppichbergen und falten edle Stoffe. In kuscheliger Wohnraumatmosphäre entsteht der Showroom des Design-Start-ups Urbanara. In Asien oder der Türkei produzierte "hochwertige“ (Urbanara-Werbung) Heimtextilien und Wohnaccessoires will Unternehmensgründer Benjamin Esser mit seinem E-Commerce-Shop an die Leute bringen. Die Durchschnittskundin (im Alter zwischen 30 und 50) kauft für 140 Euro ein. Aber die Versandhausbranche ist hart umkämpft.

Und Esser will mehr: "Ich hatte schon länger einen Traum. Eine Plattform, auf der man seine Kunden zu Mitgesellschaftern machen kann“, sagt der Jungunternehmer. Das Ziel hat er mittlerweile verwirklicht. Möglich macht es die Berliner Crowd-Funding-Plattform Bergfürst.

Mit Turnschuhen an die Börse

Bergfürst-Gründer Dr. Guido Sandler war einst Vorstand der Berliner Effektenbank und begleitete 25 Firmen an die Börse. Doch statt Banker-Budapestern sollen nun rote Trendturnschuhe an den Füßen signalisieren: Ich gehe neue Wege. Dr. Sandler setzt mit Bergfürst auf Menschen, die nicht nur Geld in Start-ups investieren. Es gehe auch darum, Marken wie Urbanara per Mundpropaganda zum Erfolg zu führen. Bei Bergfürst haben bereits über 7.450 Investoren registriert. "Leute unterstützen Projekte, für die sie brennen“, so Dr. Sandler. "Idealerweise werden Kunden zu Gesellschaftern und diese dann zu Markenbotschaftern.“

Ein Online-Start-up als Genossenschaft? Wie die linksalternative Tageszeitung taz etwa? Nein, nein, es gehe ums Geldverdienen, so Dr. Sandler. Kleinanleger können sich an jungen Firmen mit einem Finanzbedarf zwischen zwei und zehn Millionen Euro beteiligen – diese Investments standen bisher nur Profis zur Verfügung. Noch immer mangelt es aufstrebenden Start-ups an Chancen, frisches Kapital zu erhalten. Denn eine Wachstums-Börse wie die US-Nasdaq fehlt in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes. Übrig bleibt da oft nur der Verkauf an etablierte Konzerne. Bergfürst scheint daher eine gute Idee zu sein, um den Markt für Beteiligungen an jungen Firmen zu beleben. So weit die Vision. Aber mutigen Crowd-Investoren drohen erhebliche Risiken, die in Presseartikeln unter den Teppich gekehrt werden. Die wichtigsten Kritikpunkte:

Struktur

Die Crowd-Investoren erhalten nicht direkt Anteile an der operativen Urbanara GmbH, sondern nur an der Urbanara Home AG, welche sich mit 14,8 Prozent an der Urbanara Holding GmbH beteiligt. Erst diese erwirbt dann Teile an der eigentlich operativen Urbanara GmbH. Interessenkonflikte zwischen Altaktionären und den neuen Investoren sind vorprogrammiert.

Wenig Transparenz

Dieses merkwürdige Konstrukt ist für den Crowd-Investor schwer zu überblicken. Die Transparenz der hinter der Struktur angesiedelten GmbH ist gering. Wieso diese Verwirrung? Dr. Sandler erklärt es mit großen Investoren, die Berührungsängste hätten, in eine Aktiengesellschaft zu investieren.

Bergfürst-Chef Dr. Sandler hofft, dass Investoren nicht zu genau hinsehen: "Viele Leute lesen den Prospekt gar nicht. Oft muss man bei guten Ideen den Business-Plan nicht bis ins letzte Detail durchrechnen. Dann kann man einen Chip auf die Idee setzen.“ Man sollte schon genug Vorräte auf dem Konto haben, um "Spielgeld“ auf solche Ideen zu setzten.

Aktie ist zu teuer

Das Investment in Urbanara ist für Einsteiger zu riskant. Denn da ist die wahrlich ambitionierte Bewertung. Auf Basis der Emissionsspanne errechnet sich ein Wert für Urbanara von rund 20 Millionen Euro. Sehr viel für eine E-Commerce-Firma mit gerade einmal 1,3 Millionen Euro Umsatz und einem Verlust von 2,2 Millionen Euro (Zahlen von 2012). Das Eigenkapital der GmbH ist dadurch aufgezehrt und ins Minus gerutscht.

Gewaltige Pläne

Die hohe Bewertung erklärt sich nur durch einen optimistischen Blick in die Zukunft: Urbanara will den Umsatz bis 2015 auf 34,7 Millionen vervielfachen und dann in die Gewinnzone vorstoßen. Urbanara-Chef Esser zeigt sich zuversichtlich: „Zwölf Millionen Euro Umsatz in einem Jahr zu skalieren, ist mit entsprechenden Marketingmaßnahmen kein Problem. Wir schauen uns Print genau an, wir haben aber auch TV-Werbung im Plan.“ Doch selbst wenn ein Teil Emissionserlös wie geplant in Werbung investiert wird, ist dieser Wachstumsplan ambitioniert – vor allem in einem so wettbewerbsintensiven Markt wie dem Online-Shopping. Denn auch bekannte und exzellent finanzierte Firmen wie Zalando entdecken den Urbanara-Markt für sich.

Problem Handelsumsätze

Wer dennoch investieren will, muss viel Vertrauen in den Bergfürst haben. Denn das Unternehmen stellt selbst eine Art Handelsplattform für die Aktie zur Verfügung. Ob und zu welchem Spread die Anteile einen Käufer finden, ist jedoch offen.

Nicht kaufen!

Die Idee von Bergfürst, auch Privatanlegern frühzeitig Beteiligungen an Start-ups zu ermöglichen, ist interessant. Die Platzierung der Urbanara-Emission ist zunächst erfolgreich verlaufen, das Emissionsvolumen betrug drei Millionen Euro. Ob der hohe Aktienkurs von aktuell 10,94 Euro die Vorschusslorbeeren verdient, ist jedoch sehr fraglich.

Fürst in Finsternis

Urbanara ist eine schöne Welt – für Kunden. Für Aktionäre ist die Struktur hingegen wenig transparent und dunkel. Vielleicht macht es Bergfürst beim nächsten Mal besser. Bergfürst-Gründer Dr. Sandler: "Wir sind erst am Anfang. Wir haben uns Mühe gegeben, wir können aber nicht sagen, dass es schon jeder verstanden hat. Meine Erfahrung ist, mit jedem Schritt, mit dem wir weitergehen, tritt der Bergfürst aus dem Nebel.“

Dieser Artikel ist in der AKTIONÄR-Ausgabe 45/2013 erschienen und wurde aktualisiert.

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  • Volkah Rachoh -
    "...Wohnaccessoires will der braun gebrannte Unternehmensgründer Benjamin Esser mit seinem.." ... find ich ganz schön grenzwertig, soweit ich weiß ist Herr Esser gebürtiger Deutsch-Bolivianer und somit ist er nicht braun gebrannt, es ist seine Hautfarbe. Verstehe ehrlich gesagt nicht, was das soll.

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