- DER AKTIONÄR

Mythos Diversifikation

„Legen Sie nicht alle Eier in einen Korb“ – diese scheinbar unumstößliche In-vestmentweisheit haben Sie bestimmt schon mehr als einmal gehört oder gele-sen. Aber wie wichtig ist sie wirklich?

Sie werden kaum einen Artikel zum Thema „Diversifikation“ lesen und kaum ein Beratungsgespräch mit einem Wealth Manager erleben, in dem nicht bedeu-tungsvoll auf die klassische Portfoliotheorie, die Harry M. Markowitz in den 1950er–Jahren entwickelt hat, verwiesen wird.

Dessen zentrale These war, dass durch eine geschickte Zusammenstellung unterschiedlich riskanter Wertpapiere das Gesamtrisiko einer Investition verringert werde. Je geringer die Korrelation zwischen den Wertpapieren sei, desto geringer sei die Standardabweichung im Gesamtportfolio. Der Diversifikationseffekt und damit die Risikoreduktion hängen dabei vor allem davon ab, dass in Wertpapiere investiert wird, bei denen die Korrelation zwischen den Renditen der einzelnen Vermögensgegenstände möglichst gering ist.

Gedankenexperiment Zeitreise

Wann und unter welchen Voraussetzungen ist es sinnvoll, dass Sie Ihre Anlagen möglichst breit streuen? Hierzu ein Gedankenexperiment: Wenn Sie heute eine Zeitreise zehn Jahre zurück in die Vergangenheit machen und dann investieren könnten, würden Sie bestimmt nicht diversifizieren. Sie wüssten ja, welche Anlage sich zehn Jahre später am besten entwickelt haben würde, und würden Ihr gesamtes Geld in diese eine Anlage stecken. Hätte sich beispiels-weise Gold über zehn Jahre am besten entwickelt, würden Sie als Zeitreisender so viel Gold wie nur möglich kaufen – und sonst nichts. Hätte sich die Aktie von Google über zehn Jahre hinweg am besten entwickelt, würden Sie auf keinen Fall einen Aktienfonds kaufen, der in möglichst viele einzelne Aktien investiert, sondern würden all Ihr Geld allein in die Google-Aktie stecken.

Diversifikation ist also stets ein Eingeständnis von Unsicherheit und Unwissen-heit: Weil wir nicht wissen, wie sich die Zukunft entwickelt, streuen wir unser Geld lieber über unterschiedliche Anlagen, um damit das Risiko zu mindern, dass wir auf das falsche Pferd setzen.

Jede Investition bedeutet eine Zukunftsprognose, ob Sie sich nun dessen bewusst sind oder nicht. Denn wenn Sie in Anlage A investieren und Anlage B meiden, heißt dies ja, dass Sie erwarten, die erste Anlage werde sich künftig besser entwickeln als die zweite. Ob Ihre Prognose richtig oder falsch ist, er-weist sich erst in der Zukunft.

Nicht alle Eier in einen Korb?

Wenn ich „nicht alle Eier in einen Korb“ lege, kann ich es vermeiden, die aller-schlechtesten Investitionen zu tätigen, aber gleichzeitig begebe ich mich auch der Chance, die besten Investitionen zu machen. Vertreter der Theorie der „effi-zienten Kapitalmärkte“ behaupten, es sei für einen Anleger gar nicht über län-gere Zeit möglich, eine Überrendite durch Investments in einzelne gute Anlagen zu erzielen, da alle relevanten Informationen am Markt bekannt und „ein-gepreist“ seien.

Eine Information an sich ist wenig wert, sondern entscheidend ist, wie ich diese Information verarbeite, mit welchen anderen Informationen ich sie verknüpfe und welche Folgerungen ich aus dieser Verknüpfung ableite. Nicht derjenige muss der bessere Anleger sein, der über mehr Informationen verfügt, sondern derjenige, der aus den Informationen die richtigen Folgerungen ableitet.

Ein Beispiel: Es werden neue Arbeitslosenzahlen gemeldet, die höher ausfallen als erwartet. Für die einen ist das eine schlechte Nachricht, weil sie davon ausgehen, dass sich die Konjunktur eintrüben wird und die Gewinne der Unternehmen zurückgehen werden. Für den anderen ist es eine gute Nachricht, weil er daraus ableitet, dass die Zentralbank die Zinsen weiter senken könnte, was wiederum zu steigenden Aktienkursen führt.

Prognosen für die Zukunft ergeben sich eben nicht absolut zwangsläufig aus der Zusammenstellung von Informationen, denn andernfalls würden alle Men-schen, denen man die gleichen Informationen gibt, die gleiche Prognose treffen. Das ist jedoch ganz offensichtlich nicht der Fall: Ein Großteil der Transaktionen kommt nur dadurch zustande, dass zwei Marktteilnehmer, die die gleichen Informationen haben, diese Informationen verschieden interpretieren. Der Käufer einer Aktie oder einer Immobilie erwartet, dass sie sich positiv entwi-ckeln wird, der Verkäufer erwartet, dass dies nicht der Fall sein wird. Nur einer von beiden kann Recht behalten.

Warren Buffett über Diversifikation

Daraus ergibt sich: Je ineffizienter ein Markt ist und je mehr Sie von diesem Markt verstehen und je besser Ihre Fähigkeit ist, künftige Entwicklungen vorauszusehen, desto weniger sind Sie darauf angewiesen zu diversifizieren. „Diversifikation ist eine Vorsichtsmaßnahme gegen Ignoranz. Sie ist nicht nötig für die, die wissen, was sie tun“, hat Warren Buffett gesagt.

Man kann das auch freundlicher formulieren: Wenn ich es mir nicht zutraue, beispielsweise die besten Aktien oder Immobilien selbst herauszusuchen, dann investiere ich in einen möglichst breit diversifizierten Aktien- oder Immobilien-fonds. Das Eingeständnis von „Nicht-Wissen“ ist ja kein Ausdruck von Dumm-heit, sondern von Klugheit, denn wer weiß, dass er nichts weiß, ist auf jeden Fall dem überlegen, der sich Wissen anmaßt über Dinge, von denen er ei-gentlich nichts versteht.

Die Folgerung für Sie lautet: Unternehmen Sie eine kritische und selbstkritische Prüfung.

1. Wie transparent ist der Markt, um den es sich handelt? Beispielsweise ist der Aktienmarkt für Werte aus dem DAX transparenter als der Wohnimmobilien-markt in Ihrer Stadt. Die Chance, in weniger transparenten Märkten höhere Renditen zu erzielen, ist im Durchschnitt höher, vorausgesetzt, Sie können die zweite Frage uneingeschränkt bejahen.
2. Wie viel verstehe ich von dem betreffenden Markt? Sie können auch in einem transparenten Markt mehr verdienen als andere, wenn Sie es besser verstehen, die für alle Marktteilnehmer zugänglichen Informationen zu analysieren, und wenn Sie es verstehen, in einer Anlage nicht nur das zu sehen, was sie heute ist, sondern auch das, was sie einmal werden könnte.

Der Autor dieses Artikels ist Rainer Zitelmann. Er ist auch Autor des Buches „Reich werden und bleiben: Ihr Wegweiser zur finanziellen Freiheit“, FinanzBuch Verlag 2015, 256 Seiten, 24,99 Euro.

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  • Annette Krause -
    Für mich ist Diversifikation eine sehr sinnvolle Strategie. Ich halte nichts davon mein Geld in riskante Einzelaktien zu investieren. Ich möchte mein Geld auf lange Sicht anlegen und eine solide Rendite erwirtschaften, wobei das Risiko überschaubar sein sollte. Die Theorie von Gerd Kommer finde ich sehr interessant. Ein Weltportfolio ermöglicht eine breite Streuung und die geringen Kosten bei ETFs schmälern die effektive Rendite kaum. Eine internationale Diversifizierung bietet langfristig planbaren Erfolg, Ginmon hat dazu einen interessanten Artikel veröffentlicht --> http://blog.ginmon.de/wissenschaftlich-investieren-am-kapitalmarkt/

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