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07.04.2022 Wall Street Journal

Kein Weg zurück – Sanktionen gegen Russland verändern die Welt

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Von Jon Sindreu
The Wall Street Journal
Übersetzung: Laura Markus


Am Beispiel des Iran wird deutlich: Selbst, wenn die Finanzsanktionen gegen Russland aufgehoben werden, werden sich die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Westen nicht wieder normalisieren. Der Wirtschaftskrieg lässt sich fast genauso schwer rückgängig machen wie der tatsächliche Krieg.

Die EU wird als Reaktion auf die Berichte über Gräueltaten gegen die ukrainische Zivilbevölkerung neue Sanktionen gegen Russland vorschlagen. Und das, obwohl Moskaus militärische Fehler die Hoffnung auf ein mögliches Friedensabkommen geweckt haben. Egal wie es ausgeht, die Vergangenheit zeigt, dass die wirtschaftliche Eskalation langanhaltende Folgen haben wird.

Zwischen 2000 und 2015 verschärften Washington und seine Verbündeten die Sanktionen gegen den Iran und schnitten schließlich die iranischen Banken vom Swift-Nachrichtennetzwerk ab. Das US-Finanzministerium hat alle, die mit dem Land Geschäfte machten, unerbittlich bestraft und sogar „Sekundärsanktionen“ gegen nichtamerikanische Unternehmen verhängt.

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Nach 2015 wurden die Sanktionen gelockert. Die iranischen Banken hatten jedoch nach wie vor Schwierigkeiten, ihre Geschäftsbeziehungen zu Korrespondenzbanken wiederherzustellen und Zugang zum Clearing von Fremdwährungen zu erhalten. Nach Fällen wie der 9-Milliarden-Dollar-Strafe von BNP Paribas waren die westlichen Kreditgeber vorsichtig. Und wie sich herausstellte, war das eine weise Entscheidung: 2018 hat die Trump-Regierung die Sanktionen wieder in Kraft gesetzt. Dadurch sind Unternehmen wie der Flugzeugbauer Airbus in Bedrängnis geraten, der seine 2016 getroffene Vereinbarung, 100 Flugzeuge an IranAir zu verkaufen, nicht erfüllen konnte.

Die EU versucht zwar, die Beziehungen zum Iran aufrechtzuerhalten, doch die meisten ihrer Banken und Unternehmen tun das nicht. Sogar französische Automarken wie Renault und Peugeot verließen den Iran, obwohl sie dort stark investiert hatten und nicht in den USA tätig sind. Die iranischen Autohersteller bauen jetzt französische Modelle mit noch mehr eigenen Komponenten. Der Iran exportiert verstärkt nach China, und die Behörden versuchen, die gegen Banken verhängten Sanktionen durch bilaterale Abkommen und alternative Finanznetze zu umgehen.

Mit der umstrittenen Ausnahme des Rohstoffhandels haben die USA die Iran-Strategie auf Russland angewandt, indem sie die Währungsreserven der Zentralbank eingefroren und einige Banken von Swift ausgeschlossen haben. In Bereichen wie der Luft- und Raumfahrt und der Halbleiterindustrie wurde der Verkauf von Schlüsseltechnologien blockiert. Multinationale Unternehmen wie Amazon, Ford, McDonald’s und Samsung haben das Land aus Angst vor Imageverlusten und weiteren Sanktionen verlassen. Moskau will Ersatzprodukte entwickeln, unterstützt russische Fast-Food-Nachahmer und behauptet, dass die Regionalflugzeuge vom Typ Sukhoi Superjet 100 ab 2024 ohne westliche Teile hergestellt werden können.

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Viele dieser Versuche, wirtschaftlich unabhängig zu werden, werden vermutlich scheitern oder mit extremen wirtschaftlichen Verlusten verbunden sein, vor allem wegen Russlands Größe. Doch selbst unter diesen schwierigen Umständen hat ein Erdöl-Exporteur wie der Iran einige mäßige Erfolge erzielt, was den Ersatz von Importen und die Diversifizierung seiner Wirtschaft angeht. Und Russland hat wahrscheinlich kaum andere Möglichkeiten. Selbst wenn die aktuellen Embargos aufgehoben werden, ist es unwahrscheinlich, dass ausländische Unternehmen schnell wieder zurückkehren.

Sanktionen haben bisher noch noch nie zu einem Regimewechsel geführt. In seinem Buch „The Economic Weapon: The Rise of Sanctions as a Tool of Modern War“, das im Januar veröffentlicht wurde, beschreibt der Historiker Nicholas Mulder von der Cornell University, wie die USA nach dem Ersten Weltkrieg durch ihren erfolgreichen Wirtschaftskrieg gegen kleinere Länder wie die Balkanstaaten und das faschistische Spanien noch bestärkt wurden. Bei Japan und Deutschland ging das dann nach hinten los.

Der Westen hat sich entschieden, sein Währungssystem als erstes Druckmittel gegen Russland einzusetzen, anstatt den Verlust von Treibstoff zu akzeptieren. Und das hat seinen Preis. Die Sanktionen haben Moskau nicht nur einen Rettungsanker geboten, sondern auch Länder wie China vor den Risiken gewarnt, die mit dem Handel von Waren gegen Dollar- und Euro-Reserven verbunden sind.

Die derzeitige Situation ist wahrscheinlich nicht das Ende der Dominanz des US-Dollars, denn es gibt kein alternatives System, das ihn ersetzen könnte. Aber sie motiviert dazu, zu militarisieren, Rohstoffe zu horten und die Lieferketten auf geopolitische Verbündete auszurichten. Mulder betont, dass das Ende des Goldstandards in den 1930er-Jahren „den Reservestandard des Pfunds und Dollars nicht vernichtet, sondern den Handel fragmentiert hat“.

Wie auch immer der Krieg in der Ukraine ausgeht, die Anleger müssen damit rechnen, dass die Weltwirtschaft nicht mehr so eng verflochten sein wird wie früher.


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