Einstiegschance – bei diesen 11 Top-Aktien
Foto: Rivian
20.12.2021 Wall Street Journal

Boom bei E-Trucks: Rivian plant 5-Milliarden-Dollar-Fabrik

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Rivian Automotive

Von Ben Foldy
The Wall Street Journal
Übersetzung: Thomas Steer

Das E-Auto-Start-up Rivian möchte im nächsten Jahr mit dem Bau einer zweiten Produktionsstätte im US-Bundesstaat Georgia beginnen. Damit setzt das Unternehmen darauf, dass es seinen Umsatz in den kommenden Jahren stetig steigern kann. Die fünf Milliarden Dollar hohe Investition in die Fertigung wurde am 16. Dezember bekanntgegeben. Sie folgt auf das fulminante Börsendebüt des Unternehmens im vergangenen Monat, bei dem Rivian fast 13,5 Milliarden Dollar an frischem Kapital eingesammelt hat.

Die Investition erfolgt auch zu einem Zeitpunkt, da sich der Wettbewerb auf dem Markt für Elektrofahrzeuge verschärft. Denn etablierte Autohersteller wie General Motors und Ford planen, neue E-Auto-Modelle auf den Markt zu bringen, die mit den Angeboten von Rivian konkurrieren werden.

Rivian zufolge wird die neue Fabrik eine jährliche Kapazität von 400.000 Fahrzeugen haben und 7.500 Arbeitsplätze schaffen. Der Autohersteller will dort 2024 mit der Produktion seiner nächsten Fahrzeuggeneration beginnen.

Das Unternehmen gab auch die ersten Geschäftszahlen seit seinem Börsengang bekannt. Rivian meldete für das dritte Quartal einen Umsatz von einer Million Dollar, was auf die ersten Fahrzeugverkäufe zurückzuführen ist, die im September begannen. Der Nettoverlust stieg auf 1,2 Milliarden Dollar, verglichen mit 288 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum. Grund dafür sind die höheren Kosten für die Markteinführung neuer und die Entwicklung zukünftiger Modelle.

Die Aktie von Rivian fiel am 16. Dezember nachbörslich um 11,1 Prozent.

Rivian Automotive (WKN: A3C47B)

Wie das Unternehmen mitteilte, hat es das dritte Quartal mit einem Kassenbestand in Höhe von 5,2 Milliarden Dollar abgeschlossen. Im Vorjahr waren es 3,6 Milliarden Dollar. Mit den kürzlich emittierten Schuldtiteln und den Einnahmen aus dem Börsengang, dem größten an einer US-Börse seit 2014, hätte der Kassenbestand dem Unternehmen zufolge 19,9 Milliarden Dollar betragen.

Die Anleger haben hohe Erwartungen an das Start-up mit Sitz in Irvine, Kalifornien. Die Aktie von Rivian ist seit dem Börsengang am 10. November um 39,5 Prozent gestiegen. Die Marktbewertung des Unternehmens von 97 Milliarden Dollar hat die von GM und Ford übertroffen und macht es damit zum wertvollsten US-Autohersteller hinter Tesla.

In einer Telefonkonferenz mit Analysten sagte der Gründer und CEO von Rivian, RJ Scaringe, die komplexe Markteinführung von drei Modellen inmitten einer globalen Pandemie und eines angespannten Arbeitsmarktes sei für das Unternehmen eine Herausforderung gewesen. Seit dem Start im September wurden 652 Fahrzeuge produziert. Das ursprüngliche Ziel war es, im Jahr 2021 1.200 Fahrzeuge zu bauen. Wahrscheinlich wird dieses Ziel aber um einige hundert Fahrzeuge verfehlt, so Scaringe. 

„Es ist eine wirklich komplexe Angelegenheit“, sagte er und verwies auf die Schwierigkeiten, Mitarbeitertraining und Lieferkettenprobleme unter einen Hut zu bringen.

Die Bewertung von Rivian spiegelt die Begeisterung der Wall Street für sogenannte reine Elektrofahrzeug-Start-ups wider. Solche Start-ups konzentrieren sich wie Tesla ausschließlich auf den Verkauf batteriebetriebener Fahrzeuge und sind nicht durch ein früheres Geschäft mit Benzinmotoren belastet. Traditionelle Autohersteller investieren ebenfalls Milliarden von Dollar, um mehr Elektrofahrzeuge zu bauen. Im Moment jedoch machen diese Unternehmen fast ihren gesamten Gewinn mit dem Verkauf von benzinbetriebenen Autos, SUV und Lkw.

Weltweit beschleunigen Regierungen die Umstellung auf E-Fahrzeuge durch strengere Abgasvorschriften und andere Maßnahmen (etwa Subventionen für E-Autos), die die Luftverschmutzung verringern sollen. In den USA sieht das Infrastrukturgesetz von Präsident Biden 7,5 Milliarden Dollar für Ladestationen von E-Fahrzeugen vor. Bidens umfassenderes Maßnahmenpaket würde dagegen Steuergutschriften ausweiten, um die Anschaffungskosten für ein batteriebetriebenes Auto zu senken.

Auf die Frage nach den Gründen für die schnelle Expansion sagte Rivian-CEO Scaringe, dass das Werk in Georgia für das langfristige Wachstum des Unternehmens von entscheidender Bedeutung sei. Aufgrund der langen Vorlaufzeit für den Bau müsse man schon jetzt investieren. 

„Das ist die ideale Basis für unser Wachstum“, sagte er.

Rivian verfügt bereits über eine Fabrik in Normal, Illinois, die im September mit dem Bau von E-Lkw begonnen hat. Bei voller Auslastung kann dieses Werk nach Angaben des Unternehmens 150.000 Fahrzeuge pro Jahr produzieren. Die neue Fabrik in Georgia würde die Produktion des Unternehmens erheblich steigern, jetzt da Rivian seine Produktpalette mit neuen Modellen erweitert.

Rivians Entscheidung, sein Werk in Georgia zu bauen, erfolgt zu einem Zeitpunkt, da die Investitionen in E-Mobilität zunehmend in die Südstaaten fließen und sich der Schwerpunkt der Autoindustrie dadurch weiter von Detroit weg verlagert.

Ford kündigte im September an, sieben Milliarden Dollar in neue Projekte zu investieren, die seine Umstellung auf Elektrofahrzeuge unterstützen sollen. Als Standorte für die neuen Anlagen wählte das Unternehmen Tennessee und Kentucky. Ein Teil der Ausgaben fließt in Fords erstes neues Montagewerk seit Jahrzehnten, das im Westen Tennessees gebaut werden soll, sowie in eine Fabrik zur Batterieherstellung.

Ein anderes konkurrierendes Start-up, Lucid Group, plant den Verkauf hochwertiger Elektrofahrzeuge und eröffnete dieses Jahr seine erste US-Fabrik in Arizona.

Rivian hat in den letzten drei Jahren mehr als 20 Milliarden Dollar aufgebracht. Neben seinem Börsengang hat Rivian seit Anfang 2019 rund 10,5 Milliarden Dollar privat eingeworben, indem es mehrere namhafte Investoren gewinnen konnte, zum Beispiel Ford, Cox Enterprises und den Vermögensverwalter T. Rowe Price Group.

Die Wall Street war besonders von Rivian angetan. In diesem Herbst brachte das Unternehmen sein Modell R1T, einen E-Pick-up, auf den Markt, der mit den Pick-ups der Detroiter Autokonzerne konkurrieren soll. Noch in diesem Jahr sollen zwei weitere Modelle auf den Markt kommen: ein SUV und ein Lieferwagen, der für Amazon gebaut wird, das mit 18 Prozent an Rivian beteiligt ist. Diese Modelle zielen auf einige der profitabelsten Bereiche des US-Automarktes ab und werden in Karosserieformen angeboten, die bei den Käufern beliebt sind.

Analysten beurteilen die Aussichten von Rivian im Allgemeinen positiv. Dennoch merken viele an, dass das Unternehmen bei dem Versuch einer Produktionssteigerung und dem Aufbau eines Vertriebs- und Servicenetzes mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert sein wird.

Rivian sagt, dass es noch einen weiten Weg vor sich hat, bis die bestehenden Produktionskapazitäten ausgeschöpft sind. Laut Unternehmensunterlagen rechnet Rivian nicht damit, in den nächsten zwei Jahren eine jährliche Produktionsrate von 150.000 Fahrzeugen zu erreichen.

Scaringe gründete das Start-up 2009 und ließ es jahrelang im Verborgenen arbeiten, während an dem Geschäftsplan gefeilt wurde.

Durch die Markteinführung seines vollelektrischen Pick-ups R1T hat Rivian viele seiner Konkurrenten abgehängt. Doch schon bald wird es auf dem Markt enger werden, da große Autohersteller wie GM und Ford ihre eigenen batteriebetriebenen Pick-ups auf den Markt bringen wollen.

GM will noch in diesem Monat mit der Auslieferung seines Hummer-Elektro-Lkw beginnen. Und Ford wird nach eigener Aussage nächstes Jahr anfangen, seinen F-150 Lightning auszuliefern. Auch Tesla hat Pläne und möchte seinen futuristischen Cybertruck im Jahr 2023 in großer Stückzahl produzieren.

Im Gegensatz zu Tesla, das den Verkauf von E-Fahrzeugen in den USA bereits seit mehreren Jahren dominiert, wird Rivians Erstanbietervorteil laut Analysten wahrscheinlich nur von kurzer Dauer sein.

„Hier gibt es echte Konkurrenz durch Autohersteller, die das Thema E-Mobilität und die Bedürfnisse der Verbraucher endlich verstanden haben“, sagte Jessica Caldwell, Analystin beim US-Autoinformationsdienst Edmunds.

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