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20.12.2021 Wall Street Journal

Inflationssorgen: US-Notenbank stellt Weichen für Zinserhöhungen

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DowJones

Von Nick Timiraos
The Wall Street Journal
Übersetzung: Laura Markus


Die US-Notenbank stellte die Weichen für eine Reihe von Zinserhöhungen ab dem kommenden Frühjahr. Dieser wichtige Kurswechsel zeigt, dass die Sorge über eine möglicherweise anhaltend hohe Inflation groß ist.


Am Mittwoch veröffentlichte die Fed nach ihrer zweitägigen Sitzung ihre Prognosen. Demnach sollen die Zinsen im nächsten Jahr mindestens dreimal um 0,25 Prozentpunkte erhöht werden. Im September war etwa die Hälfte der Fed-Vertreter noch der Ansicht, dass Zinserhöhungen nicht vor 2023 gerechtfertigt wären.

Monatelang hielten die Führungskräfte der Fed an ihrer Ansicht fest, dass der höhere Preisdruck in diesem Jahr hauptsächlich auf Lieferengpässe zurückzuführen sei und von selbst nachlassen werde. Der Fed-Vorsitzende Jerome Powell ließ jedoch in den letzten Wochen erkennen, dass er von dieser Einschätzung nicht mehr so sehr überzeugt ist. Die Prognosen vom Mittwoch deuten darauf hin, dass die meisten seiner Kollegen seine Bedenken teilen.

Die Aktienmärkte schlossen höher, da die Anleger die Mitteilungen der Fed begrüßten. Der S&P 500 stieg um 1,63 Prozent, machte damit frühere Rückgänge wett und erreichte am Ende des Tages einen Rekordstand. Der Dow Jones Index stieg um 383,25 Punkte beziehungsweise 1,08 Prozent. Der Nasdaq Composite Index legte um 2,15 Prozent zu. Die Renditen von US-Staatsanleihen stiegen ebenfalls.

Wie dringlich die Lage ist, zeigt sich daran: Die Fed wird ihre Corona-Fördermaßnahmen schneller zurückfahren und das Anleihekaufprogramm bereits im März statt im Juni beenden. Das ermöglicht es der Notenbank, auf ihrer zweiten geplanten Sitzung Mitte März 2022 die Zinsen zu erhöhen. Die Fed will die Anleihekäufe beenden, bevor sie ihren kurzfristigen Leitzins von Null anhebt, um zu verhindern, dass die Inflation zu hoch bleibt.

„Es gibt keinen Grund für ein schnelleres Tapering, es sei denn, man will die Zinsen früher anheben“, erklärte Michael Gapen, US-Chefökonom bei Barclays. Er erwartet, dass die Fed die Zinsen im März erhöhen wird.

„Ich glaube es besteht das Risiko, dass sich die Inflation fortsetzt und weiter ansteigt“, meinte Powell auf einer Pressekonferenz am Mittwochnachmittag. „Das ist einer der Gründe für unseren heutigen Schritt. Wir wollen uns so positionieren, dass wir in der Lage sind, mit diesem Risiko umzugehen.“

Anfang November einigten sich die Fed-Vertreter darauf, ihre Anleihekäufe von damals 120 Milliarden Dollar pro Monat um 15 Milliarden Dollar pro Monat zu reduzieren. Im Dezember werden es dann 90 Milliarden Dollar sein. Am Mittwoch erklärte die Fed, dass sie diesen Abbau ab Januar beschleunigen werde, indem sie die Käufe um 30 Milliarden Dollar pro Monat reduziert. Somit wird sie im Januar Staatsanleihen und Hypothekenpapiere im Wert von 60 Milliarden Dollar kaufen. Im März wird das Programm dann auslaufen.

„Wenn sie einen könnten, würden sie das Ganze wohl stoppen, weil es in der Wirtschaft derzeit nicht gebraucht wird. Es fließt so viel Geld durch jede einzelne Anlageklasse“, sagte Kenneth Rosen, Immobilienökonom an der University of California.

DowJones (WKN: CG3AA2)

In ihrer Stellungnahme nach der Sitzung erklärten die Fed-Vertreter, dass ihr Ziel einer Inflationsrate von über zwei Prozent erreicht sei. Dies sei eines der beiden Hauptkriterien, die die Fed definiert hat, um eine Zinserhöhung zu rechtfertigen. Das andere Kriterium einer höchstmöglichen Beschäftigungsquote sei noch nicht erfüllt, hieß es. Laut Powell könnte dieses Ziel jedoch bald erreicht werden. „Wir nähern uns rasch der Höchstbeschäftigung“, sagte er.

Powell gab erstmals seit die Fed zu Beginn der Pandemie im März 2020 die Zinssätze fast auf Null gesenkt hatte, zu verstehen, dass sie in den nächsten Monaten eine Zinserhöhung in Erwägung ziehen könnte.

„Wir werden die Zinssätze erhöhen können, wann immer wir es für angemessen halten“, sagte er. „Und das werden wir auch tun, soweit es angemessen ist.“

Die hohe Nachfrage nach Konsumgütern, Unterbrechungen in den Lieferketten, vorübergehende Engpässe und ein Wiederanstieg des Reiseverkehrs haben die 12-Monats-Inflation auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten getrieben. Die Kern-Verbraucherpreise, die die volatilen Lebensmittel- und Energiekategorien ausschließen, stiegen im Oktober um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, so die bevorzugte Messgröße der Fed.

In den am Mittwoch veröffentlichten Wirtschaftsprognosen gehen die meisten Fed-Vertreter davon aus, dass die Kerninflation Ende dieses Jahres 4,4 Prozent erreichen wird, bevor sie im nächsten Jahr auf 2,7 Prozent und bis Ende 2024 auf 2,1 Prozent zurückgehen wird. Das übertrifft die Prognosen vom September, die für Ende nächsten Jahres einen Inflationsrückgang von 3,7 Prozent auf 2,3 Prozent vorhersagten.

„Das Problem ist nicht so sehr die derzeitige Inflation. Die Fed will sichergehen, dass sie die Situation nicht aus dem Ruder laufen lässt“, sagte Laurence Meyer, ein ehemaliger Fed-Gouverneur, der jetzt Vorsitzender des Beratungsunternehmens Monetary Policy Analytics ist.

Die Einzelhandelsumsätze stiegen im vergangenen Monat nur geringfügig, da die Kunden mit steigenden Preisen und Lieferengpässen zu kämpfen hatten, was einige dazu veranlasst hatte, ihre Geschenke früher zu kaufen. Wie das Handelsministerium am Mittwoch mitteilte, stiegen die Umsätze im US-Einzelhandel, bei Online-Händlern und in Restaurants im November saisonbereinigt um 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat, was eine Verlangsamung gegenüber dem kräftigen Anstieg von 1,8 Prozent im Oktober bedeutet.

Die am Mittwoch veröffentlichten Zinsprognosen zeigen, dass alle 18 Fed-Vertreter davon ausgehen, dass die Zinsen im nächsten Jahr steigen müssen. Nach drei Zinserhöhungen um Viertelprozentpunkte im nächsten Jahr rechneten die meisten Beamten mit mindestens drei weiteren Zinserhöhungen im Jahr 2023 und zwei weiteren 2024.

Seit April bezeichneten die Beamten die erhöhte Inflation als "vorübergehend", vor allem weil sie Engpässe in der Versorgungskette widerspiegelt, von denen die Fed-Vertreter erwarten, dass sie abklingen werden. In ihrer Erklärung vom Mittwoch verwendeten sie diesen Begriff jedoch nicht mehr, was zum Teil auf die Verwirrung über die Bedeutung des Wortes zurückzuführen ist und die größere Unsicherheit darüber widerspiegelt, wie lange es dauern könnte, bis sich die Inflation abschwächt.

Powell sagte, er sei in den letzten Monaten von einigen positiven Wirtschaftsdaten überrascht worden, die auf eine stärkere Nachfrage in der US-Wirtschaft hindeuten und nicht nur auf eigenwillige Angebotsengpässe, die auch die Preise in die Höhe getrieben haben. Ein starker Anstieg der Immobilienwerte, Aktien und anderer Vermögenswerte hat den Wohlstand vieler Amerikaner erhöht, die Nachfrage angekurbelt und es einigen ermöglicht, früher als erwartet in den Ruhestand zu gehen. Der Arbeitsmarkt wird dadurch angespannter.

Auf dem Arbeitsmarkt ist die Lage nach wie vor angespannt, vor allem weil es schwer zu sagen ist, wie viele Menschen endgültig aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. In den drei Monaten bis November ist die Arbeitslosenquote um einen Prozentpunkt auf 4,2 Prozent gesunken.

Zwar sind immer noch 3,9 Millionen Menschen weniger erwerbstätig als im Februar 2020, doch ein Teil dieser Lücke könnte auf Rentner zurückzuführen sein oder auf Personen, die sich aus verschiedenen Gründen gegen eine Erwerbstätigkeit entscheiden. Zum Beispiel aus Angst vor Corona, wegen des gestiegenen Wohlstands der Haushalte oder wegen fehlender Kinderbetreuung.

„Wir werden nicht zu der Wirtschaft zurückkehren, die wir im Februar 2020 hatten, und ich denke, das hatten wir anfangs erwartet“, sagte Powell.

Die Vertreter der Fed sind mit zwei gegensätzlichen Risiken konfrontiert. Zum einen könnten sie die Geldpolitik straffen, was die Wirtschaft verlangsamen und zu einem starken Rückgang der Inflationsrate im nächsten Jahr führen würde. Zum anderen könnte die Inflation hoch bleiben, und Haushalte und Unternehmen erwarten, dass die Preise weiter steigen, was zu einer Lohn-Preis-Spirale führen würde.

„Damit umzugehen ist wirklich schwierig", sagte William English, ein ehemaliger Wirtschaftsexperte der Fed, der jetzt Professor an der Yale School of Management ist. "Sie sind einfach in einer sehr schwierigen Situation, bei der es in beide Richtungen Risiken gibt und diese Risiken versuchen sie auszugleichen.“

Von offizieller Seite wird zunehmend vermutet, dass die drastischen fiskal- und geldpolitischen Reaktionen auf die Pandemie im vergangenen Jahr die übliche Rezessionsdynamik verändert haben. Denn dadurch wurde das Beschäftigungs- und Lohnwachstum angekurbelt, das normalerweise länger braucht, um sich nach einer Rezession zu erholen.

Als die Pandemie ausbrach, „sah es anfangs so aus, als ob sie eine weltweite Depression auslösen könnte, und deshalb haben wir so viel dagegen unternommen“, sagte Powell. „Was jetzt dabei herausgekommen ist, ist ein starkes Wachstum, eine starke Nachfrage, hohe Einkommen … Die Menschen werden in 25 Jahren beurteilen, ob wir es übertrieben haben oder nicht.

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