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Xing-Chef Groß-Selbeck im Interview: "Ich muss nicht mehr in Kalifornien anrufen"

Leon Müller

Die Hamburger Xing AG zählt zu den wachstumsstärksten und profitabelsten Internetunternehmen in Deutschland. Im Interview mit dem AKTIONÄR äußert sich Vorstandschef Dr. Stefan Groß-Selbeck zu Zukunftsplänen, der Einführung von OpenSocial-Applikationen und einer möglichen Wende in der Dividendenpolitik.

Die Hamburger Xing AG zählt zu den wachstumsstärksten und profitabelsten Internetunternehmen in Deutschland. Im Interview mit dem AKTIONÄR äußert sich Vorstandschef Dr. Stefan Groß-Selbeck zu Zukunftsplänen, der Einführung von OpenSocial-Applikationen und einer möglichen Wende in der Dividendenpolitik.

Xing - Betreiber des gleichnamigen Business-Netzwerks - hat zuletzt überzeugende Erstquartalszahlen vorgelegt. Der Umsatz stieg um 43,3 Prozent auf 10,8 Millionen Euro, der Gewinn erreichte fast 1,7 Millionen Euro. Wie der Hamburger Konzern vergangene Woche mitteilte, konnten im Berichtszeitraum 51.000 zusätzliche zahlende Mitglieder gewonnen werden. Insgesamt nutzen damit 601.000 Premium-Mitglieder Xing, was einem Wachstum von 43,1 Prozent innerhalb der letzten zwölf Monate entspricht. Auch die Gesamtmitgliederzahl ist seit Jahresbeginn um rund eine halbe Million auf aktuell mehr als 7,5 Millionen deutlich gestiegen.

DER AKTIONÄR sprach mit Vorstandschef Dr. Stefan Groß-Selbeck über Zukunftspläne, die Einführung von OpenSocial-Applikationen und eine mögliche Wende in der Dividendenpolitik.

DER AKTIONÄR: Herr Groß-Selbeck, Sie sind nun seit vier Monaten bei Xing. Wie fühlen Sie sich?

Dr. Stefan Groß-Selbeck schätzt die Nähe zu seinen Mitarbeitern: "Wenn ich mit den Entwicklern sprechen will, muss ich nicht in Kalifornien anrufen, sondern nur ein Stockwerk nach oben gehen."

Dr. Stefan Groß-Selbeck: Sehr gut! Die Zeit ist wie im Flug vergangen und ich habe viel dazulernen können, was den Erfolg von Xing ausmacht. Ich habe die ersten Wochen vor allem damit verbracht, meine neuen Kollegen kennenzulernen, mit unseren Kunden zu sprechen, tiefer in unser Geschäft einzusteigen und gemeinsam mit meinem Team die strategische Ausrichtung für die nächsten Quartale festzulegen.

Inwieweit kommen Ihnen Ihre Erfahrungen aus Ihrer früheren Funktion als Deutschlandchef von Ebay zugute?

Ebay ist heute ein reiferes Unternehmen als Xing. Als ich 2002 bei Ebay anfing, machte die Company weltweit weniger Umsatz, als heute alleine in Deutschland.

Xing ist ein erfolgreiches  Unternehmen, das sich in einem noch relativ jungen Markt dank eines skalierbaren Geschäftsmodells noch enorme Wachstumspotenziale erschließen kann. Unser Kerngeschäft wächst und ist hochprofitabel. Mit zunehmender Größe steht das Unternehmen aber natürlich auch vor immer neuen Herausforderungen, dieses Wachstum auch zu managen. Das ist eine sehr viel versprechende Ausgangssituation.

Hat sich Ihre Arbeitsweise geändert?

Die ist relativ gleich geblieben. Wenn ich aber mit den Entwicklern sprechen will, muss ich nicht in Kalifornien anrufen, sondern nur ein Stockwerk nach oben gehen. So kann ich Kundenwünsche natürlich viel einfacher in die Weiterentwicklung unserer Plattform einbringen.

In der kurzen Zeit ist vieles passiert. Xing präsentiert sich in einem neuen Layout. Mit „Xing News" und „Xing-Mitglieder fragen" haben Sie zwei OpenSocial-Applikationen freigeschaltet. Wie ist das Feedback unter Xing-Mitgliedern?

Die neuen Features werden bereits sehr intensiv ausprobiert und genutzt, was sich erfreulich auf die für uns sehr wichtige Kenngröße der Mitgliederaktivität auswirkt. Darüber hinaus sind noch viele neue Angebote in Vorbereitung, die das Netzwerken auf unserer Plattform noch vielseitiger und effektiver machen. Spezielle Angebote für Recruiter sollen Xing für diese sehr interessante Zielgruppe noch attraktiver machen.

Seitdem wir zum Jahresbeginn unsere strategische Ausrichtung definiert haben, hat sich unsere Innovationsgeschwindigkeit deutlich beschleunigt. Allein in den ersten vier Monaten haben wir Funktionen wie „Mitglieder die Sie kennen sollten", „Xing Mitglieder fragen" und „Xing News" gestartet. Darüber hinaus wurde auch unser Header komplett neu gestaltet. Sie sehen also, dass wir noch viel stärker als bisher den Mehrwert für unsere Mitglieder in den Vordergrund stellen.

Es heißt, in den kommenden Wochen würden auch verschiedene Apps von Drittanbietern bei Xing andocken. Worauf dürfen Mitglieder hoffen?

Mit der Einführung der Standard-Programmierschnittstelle OpenSocial werden ganz neue Applikationen möglich und wir öffnen uns damit auch für Drittentwickler. Jeder Software-Anbieter kann Applikationen entwickeln und wir werden die Partner auswählen, von denen wir uns einen Innovationsschub und auch einen Mehrwert für unsere Mitglieder erwarten.

Welche Rolle spielt bei der OpenSocial-Initiative die im Dezember vergangenen Jahres übernommene New Yorker socialmedian?

Bei „Xing News "handelt es sich um ein erstes konkretes Beispiel, bei dem wir die Technologie von socialmedian auf unserer Plattform einsetzen. Nachrichten, die aus zahlreichen Quellen stammen, werden durch das eigene Xing-Kontaktnetz „gefiltert". Mitglieder können in einer ersten BETA Phase diese News weiterleiten, diskutieren oder kommentieren.

Was bringen OpenSocial-Applikationen?

Neue Features fördern die Aktivität der Mitglieder und aktivere Mitglieder laden häufiger neue Kontakte auf die Plattform ein. Mit den neuen Applikationen wollen wir das virale Wachstum stärker als bisher vorantreiben. 

Spüren Sie eigentlich die Anwesenheit von LinkedIn? Der US-Anbieter hat ja zu Jahresbeginn zum Großangriff geblasen.

LinkedIn ist natürlich ein Wettbewerber, den wir ernst nehmen. Aber in Deutschland haben wir mit rund drei Millionen Mitgliedern die mit Abstand größte Business Community, die zudem auch weltweit einzigartig aktiv ist. Xing wächst im deutschsprachigen Raum auch nachdem LinkedIn seine Seite ins Deutsche übersetzt hat weiter sehr erfreulich. Wir wollen uns aber auch in unseren Heimatmärken nicht auf unserem Vorsprung ausruhen und sehen in Deutschland mehr als ausreichend Marktpotenzial, um unsere Mitgliederzahlen in den nächsten Jahren zu verdoppeln.

In einem Zeitungsinterview haben Sie geäußert, dass die Auslandsexpansion vorerst keine Priorität besitze. Ein Strategiewechsel?

Wachstum im Ausland ist und bleibt ein wichtiger Pfeiler unserer Strategie. Wir investieren dort weiterhin. Was wir anpassen, ist die Strategie. In Zukunft liegt der Fokus auf Kontinentaleuropa und hier insbesondere auf Spanien, Italien und der Türkei. Hier wollen wir organisch wachsen. Natürlich sehen wir uns auch weiterhin opportunistisch mögliche Akquisitionen an - wenn sie Sinn machen.

Ihr Unternehmen verfügt über hohe liquide Mittel. Nachdem Sie Auslandsakquisitionen aktuell nicht planen, stellt sich die Frage, was mit den Mitteln geschehen wird.

Wir sind natürlich sehr froh, dass wir neben einem sehr Cashflow-starkem operativen Geschäft auch über ein sehr solides finanzielles Polster verfügen. Dadurch sind wir jederzeit handlungsfähig und können unsere Finanzierungskraft nutzen, um unser Geschäft weiter auszubauen. Dafür sind natürlich viele Optionen denkbar und wir werden über konkrete Schritte berichten, sobald sie spruchreif sind.

Wäre eine Dividende eine solche Option?

Auch das ist durchaus denkbar. Wir haben in den vergangenen Quartalen gezeigt, dass die Xing AG über ein sehr Cash­flow-starkes Geschäftsmodell verfügt. Bisher waren wir allerdings  nicht dividendenfähig. Sollten sich in Zukunft keine wertsteigernden Investitionsmöglichkeiten für die vorhandenen Mittel ergeben, können wir uns natürlich vorstellen, Teile der vorhandenen Mittel unseren Aktionären über Dividendenausschüttungen oder andere geeignete Maßnahmen wie beispielsweise Aktienrückkäufe wieder zufließen zu lassen.

Am 16. Januar 2009 hat Ihr Unternehmen ein 112.832 Aktien umfassendes Aktienrückkaufprogramm abgeschlossen. Was wird mit diesen Anteilen geschehen?

Vorstand und Aufsichtsrat haben über die genaue Verwendung der erworbenen Aktien noch nicht beschlossen, um weiterhin die größtmögliche Flexibilität zu gewährleisten.

Abschließend noch eine Frage zu Ihren Erwartungen. Womit dürfen Ihre Aktionäre im Jahresverlauf noch rechnen?

Wir wollen den bisher eingeschlagenen Wachstumskurs auch in den kommenden Jahren fortsetzen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit unserer neuen strategischen Ausrichtung Erfolg haben werden. Denn in den kommenden Monaten werden wir noch stärker als zuvor die Bedürfnisse unserer Mitglieder in den Vordergrund stellen und die Xing Plattform somit noch wertvoller für jedes einzelne Mitglied machen. Wir werden unsere Innovationsgeschwindigkeit weiter erhöhen und das weltweite Mitgliederwachstum weiter forcieren.

Allein in den ersten Monaten des neuen Geschäftsjahres haben wir zahlreiche richtungsweisende Funktionalitäten, wie beispielsweise OpenSocial für unsere Mitglieder eingeführt. Aber auch die Fokussierung auf neue Zielgruppen wie beispielsweise Recruiter und Personalentscheider wird uns neue Wege der Monetarisierung auf Xing ermöglichen. Davon werden auch unsere Aktionäre profitieren.    

 

 

Kauf mit Kursziel 40,00 Euro

Xing bleibt ein Top-Pick des AKTIONÄRs im Internet-Bereich. Die Innovationen dürften das Geschäft weiter beflügeln. Die Aktie ist mit einem 2009er-KGV von 14 für einen Marktführer günstig bewertet. Das Kursziel beträgt 40,00 Euro. Der Stoppkurs sollte bei 21,00 Euro platziert werden.

 

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