Die Kräfte sind enorm. Doch keiner hat extreme Stromspannungen besser im Griff als ABB (WKN 919 730). "Das ist wie einen 40-Tonnen-Lastwagen in fünf Millisekunden aus voller Fahrt zum Stillstand zu bringen", erklärt ABB etwa seine „Jahrhundert-Erfindung" eines Schutzschalters, um Starkstrom für große Stromnetze im Zaum zu halten. Vor dem Durchbruch von ABB wurde in der Presse ein Siemens-Sprecher mit den Worten zitiert: "Wer als Erster so einen Schalter erfindet, wird sich damit eine goldene Nase verdienen." Denn der erste Leistungsschalter für die Hochspannungsgleichstrom-Übertragung kann erstmals die gewaltigen Kräfte von Gleichstrom sicher und schnell "unterbrechen". Das Geheimnis ist eine Kombination von Mechanik mit Leistungselektronik. Mit dem richtigen Händchen können die Gefahren der Gleichstrom-Hochspannung gering gehalten und gleichzeitig die immensen Vorteile der Technologie ausgeschöpft werden.
Power-One-Übernahme
Keine Angst, sich die Finger zu verbrennen, hat der Anbieter von Lösungen für die Energieversorgung und Automatisierungstechnik auch bei der Solartechnologie. Konkurrenten wie Bosch und Siemens ziehen sich gerade ängstlich aus der in Flammen stehenden Solarbranche zurück. ABB nicht. ABB greift beherzt zu. Die Schweizer haben Mitte April den zweitgrößten Solar-Wechselrichterhersteller der Welt, Power-One, übernommen. Ein cleverer Deal! Power-One gewinnt seit Jahren Marktanteile gegen den bisherigen Marktführer SMA Solar und dürfte sich auch künftig besser entwickeln. Denn die US-Amerikaner punkten mit einer günstigen Fertigung in China und haben im Wachstumsmarkt USA einen klaren Heimvorteil. Der Übernahmepreis von einer Milliarde Dollar ist auch durch einen Nettocash von Power-One in Höhe von 266 Millionen Dollar gut angelegt. Zumal - anders als bei der Herstellung von Solarmodulen - im technologisch anspruchsvolleren Invertermarkt westliche Anbieter die reelle Chance haben, langfristig zu den Gewinnern zu gehören. Die Produkte zur Umwandlung von Solar-Gleichstrom in Wechselstrom für das Stromnetz ergänzen sich perfekt: ABB vereint sein Portfolio von Wechselrichtern für große Solarparks mit den Power-One-Modellen für kleine Dachanlagen.
Chancen in China
Immer wichtiger wird für die Schweizer das Geschäft in Asien. Am 10. April meldete ABB den Zuschlag für einen 150-Millionen-Dollar-Auftrag aus China. Dabei werden etwa Stromrichterkondensatoren für ein Megaprojekt geliefert: die Errichtung einer 1.700 Kilometer langen Ultrahochspannungsleitung, welche von einem Wasserkraftwerk aus elf Millionen Chinesen mit Strom beliefert. Entsprechend zuversichtlich gab sich ABB am 24. Januar bei der Vorlage seiner Quartalszahlen mit Hinblick auf China: Man fühle sich dort besser. So konnten vor Ort 20 Prozent mehr Aufträge an Land gezogen und damit die Schwäche in Regionen wie Südeuropa kompensiert werden.
Aktionäre setzen auf ABB
Insgesamt haben sich die Margen bei Neubestellungen verbessert. Obwohl die Schweizer den operativen Gewinn bei 1,1 Milliarden Dollar nur konstant hielten, überzeugte im ersten Quartal 2013 das neunprozentige Umsatzplus. Analysten gefällt zudem der wieder nachlassende Preisdruck im Bereich Energiesysteme.
Unterm Strich zeigten sich die Aktionäre sehr zufrieden und schickten das Dividendenpapier deutlich ins Plus. Damit hat die ABB-Aktie die Outperformance gegenüber dem Siemens-Papier ausgebaut. Gründe sind der stimmige Produktmix und das höhere Gewinnwachstum.
Fantasie Netzausbau
Vor allem beim wichtigen Geschäft des Netzausbaus im Zuge der Energiewende scheint ABB besser für die Zukunft gerüstet als Konkurrenten wie Siemens. „Wir sind die Einzigen, die die drei zentralen Bestandteile im Hochspannungsgleichstrom-Übertragungsbereich anbieten können, nämlich Umrichter, Kabel und Halbleiter", so ABB-Vorstand Ulrich Spiesshofer gegenüber dem AKTIONÄR.
Nicht nur in Deutschland sind künftig immense Investitionen zu erwarten, um etwa die Windkraft ohne großen Leistungsverlust von Sylt nach München zu transportieren. Der Schlüssel dafür ist die Verwendung von Gleichstrom- statt wie bisher Wechselstromhochspannungsnetzen.
Auch für niedrigere Spannungen hat ABB neue Lösungen im Gepäck. So wurde jetzt ein Niederspannungsleistungsschalter mit Energiemanagement-Funktionen vorgestellt. Der Clou: Der Schalter spart Strom, indem er automatisch Geräte abschaltet, die gerade nicht benötigt werden.

ABB ins Depot
Das clevere Management und der effiziente Transport von Energie werden immer wichtiger. Der Technologiekonzern ABB bringt alle Voraussetzungen mit, davon direkt zu profitieren. Auch die Bewertung der Aktie ist angesichts einer laufenden Dividendenrendite von drei Prozent attraktiv. Es bleibt spannend.
Dieser Artikel ist in der AKTIONÄR-Ausgabe 19/2013 erschienen.