Lanxess
- Stefan Limmer - Redakteur

Wieder im Tritt

Eine Ära geht zu Ende. Fast zehn Jahre leitete Axel Heitmann die Geschicke des Kölner Spezialchemiekonzerns Lanxess. Am Anfang als Ausgliederung von Bayer gegründet und in der Branche als „Bayers Resterampe“ verspottet, schaffte Lanxess mit Heitmann an der Spitze dann im Herbst 2012 den Aufstieg in den DAX.
Nun verlässt der promovierte Chemiker den Konzern Ende Februar, damit wird er nicht einmal mehr die Bilanz für das Geschäftsjahr 2013 Ende März vorlegen. Die Trennung findet überraschend, nach Unternehmensangaben aber einvernehmlich statt.

Zurück in die Zukunft

Lanxess
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17.02.2014

Seine Nachfolge übernimmt Matthias Zachert, der spätestens Mitte Mai vom Darmstädter Chemie- und Pharmaunternehmen Merck nach Köln kommt. Für Zachert ist der Wechsel zu Lanxess die Rückkehr an eine alte Wirkungsstätte. Bereits seit der Gründung 2004 bis zum Jahr 2011 war er bei dem Spezialchemiekonzern – wie auch derzeit bei Merck – als Finanzvorstand tätig. „Man hat nicht immer die Möglichkeit, in die Alleinverantwortung zu treten, und das bei einem Unternehmen, das man kennt“, kommentierte Zachert seine neue Aufgabe.

Geteilter Meinung

Trotz all der Erfolge, die Heitmann mit Lanxess in den letzten zehn Jahren feierte, kriselte es zuletzt. Zwischen Vorstand und Aufsichtsrat soll es laut Medienberichten Unstimmigkeiten über die Ausrichtung des Konzerns gegeben haben. Die Abhängigkeit vom Auto- und Reifengeschäft, das zuletzt fast 40 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachte, war dem Aufsichtsrat zu groß. Eine breitere Aufstellung des Konzerns, etwa durch Übernahmen, war Heitmann zuletzt nicht gelungen. Im Gegenteil: Heitmann hatte in den vergangenen Jahren zusätzliche Produktionskapazitäten für Kautschuk, einem der wichtigsten Rohstoffe für Reifen, aufgebaut.
Die Quittung für die starke Konzen­tration erhielt Lanxess dann im vergangenen Jahr. Der schwache Automarkt in Europa und stark gefallene Kautschukpreise, die der Konzern an seine Kunden weitergeben musste, ließen Lanxess im vergangenen Jahr tief in die roten Zahlen schlittern.

In der Krise

Das operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) war im dritten Quartal im Jahresvergleich um fast 35 Prozent auf 166 Millionen Euro abgesackt. Der Umsatz ging trotz höherer Absatzmengen um fünf Prozent auf 2,05 Milliarden Euro zurück. Der Gewinn stürzte wegen höherer Abschreibungen und Kosten für das Sparprogramm des Konzerns um fast 90 Prozent auf elf Millionen Euro ab.

Zu spätes Gegensteuern

Im September des vergangenen Jahres kurbelte Heitmann ein striktes Sparprogramm an. Bis Ende 2015 erhofft man sich, so 100 Millionen Euro einzusparen. Um die Kosten zu senken, setzt der Konzern auch den Rotstift beim Personal an. Weltweit sollen 1.000 der knapp 18.000 Stellen abgebaut werden. Das Gegensteuern kam aus Sicht vieler Marktbeobachter jedoch zu spät.
Für das Gesamtjahr 2013 dürfte das Ergebnis miserabel aussehen. Der operative Ertrag soll laut Analysten um über 40 Prozent auf rund 734 Millionen gesunken sein, der Nettogewinn sogar um rund 75 Prozent auf 121,6 Millionen Euro. 2012 standen beim DAX-Konzern noch ein EBIDTA von 1,2 Milliarden und ein Gewinn von 515 Millionen Euro zu Buche.

Neue Ausrichtung

„Lanxess steht vor großen Herausforderungen, beispielsweise hinsichtlich Marktkapazitäten und Geschäftsportfolio“, so Aufsichtsratchef Rolf Stromberg. Hier kommt dann Matthias Zachert ins Spiel. Bei seinem Noch-Arbeitgeber strukturierte er mit großem Erfolg um. Zachert führte bei Merck das „Fit for 2018“-Programm ein und ihm wurde zuletzt sogar die Nachfolge von Merck-Chef Karl-Ludwig Kley zugetraut, dessen Vertrag aber erst 2016 ausläuft. Zachert ist Finanzfachmann, stellte seine Saniererqualitäten bereits bei der Großbäckerei Kamps unter Beweis und gilt als brillanter Kommunikator, der auch auf die Interessen der Investoren Rücksicht nimmt.  Für die Lanxess-Aktionäre ein Silberstreif am Horizont, zählte die Lanxess-Aktie im Jahr 2013 in einem starken Gesamtmarktumfeld mit einem Minus von fast 30 Prozent doch zu einer der schlechtesten Aktien im DAX.

Der Konzern dürfte unter der neuen Führung künftig noch deutlich stärker auf die Kostenbremse treten – schon alleine deshalb, weil die Nettoverschuldung des Konzerns zuletzt kontinuierlich bis auf über 1,7 Milliarden Euro anstieg.  Wie sehr die Hoffnungen der Marktteilnehmer und Analysten an die Personalie Zachert gekoppelt sind, zeigte sich nach Bekanntgabe des Wechsels. Die Papiere von Lanxess legten einen gewaltigen Kurssprung aufs Parkett und verteuerten sich auf einen Schlag um fast zehn Prozent. Etliche Analysten überarbeiteten ihre Studien und schraubten die Kursziele für Lanxess nach oben. Die Leidtragenden des Stühlerückens in den Vorstandsetagen waren an diesem Tag die Aktionäre von Merck. Die Pharma-Aktie rauschte in den Keller. 

Die Vorschusslorbeeren, die Zachert eingeheimst hat, sind enorm, aber nicht unberechtigt. Für einen reibungslosen Start bei Lanxess spricht nicht nur die Tatsache, dass Zachert das Unternehmen bereits aus seiner Zeit als Finanzvorstand kennt, sondern auch, dass die Chemiebranche sich nach einem äußert mageren Jahr 2013 wieder im Aufwind befindet. Deutschlands drittgrößter Industriezweig blickt mit vorsichtigem Optimismus auf das gerade begonnene Jahr. „Im kommenden Jahr wird es für die deutsche Industrie aufwärts gehen, aber nur langsam, so der Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Der Umsatz der Chemiebranche dürfte im Vergleich zum Vorjahr voraussichtlich um 1,5 Prozent auf 191 Milliarden Euro steigen. Davon sollte Lanxess profitieren. Zudem mehren sich die Anzeichen, dass die europäische Autoindustrie die Talsohle der Absatzkrise überwunden hat. Im Dezember des abgelaufenen Jahres sind die Neuzulassungen auf Monatssicht zum vierten Mal in Folge gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat lag das Plus bei über 13 Prozent. Dies war der größte monatliche Anstieg seit Dezember 2009.

Bessere Aussichten

Die Analysten rechnen daher für das laufende Geschäftsjahr wieder mit deutlich besseren Zahlen. Der Umsatz dürfte 2014 laut Schätzungen von 8,3 auf über 8,7 Milliarden Euro steigen. Auch der Nettoertrag soll sich wieder deutlich auf über 271 Millionen Euro erholen. Die größte Herausforderung für den neuen Vorstand besteht darin, auf mittelfristige Sicht die Abhängigkeit vom Reifen- und Autogeschäft zu verringern und den Ausbau anderer Sparten zu forcieren. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben. Als Produzent von Vorprodukten für die Agrarbrache und die Pharmaindustrie verfügt der Konzern bereits über ein gutes Fundament zur Diversifizierung. Die Experten der Commerzbank gehen davon aus, dass Zachert, um schnelle Ergebnisse zu erzielen, vorerst weiter an der Kostenschraube drehen wird. Mittelfristig dürfte er ihrer Meinung nach auf den Rückbau von unprofitablen Geschäftsfeldern setzen und die Auslastung der bestehenden Produktionskapazitäten besser kontrollieren.

Auf Erfolgskurs

Keine Frage, die Performance der DAX-Aktie und die jüngsten Ergebnisse des Konzerns sind alles andere als optimal. Mit der Verpflichtung von Matthias Zachert als neuen Firmenlenker ist aber ein cleverer Schachzug gelungen. Auch 2004 machte Lanxess eine schwierige Phase durch. Dünne Renditen und eine hohe Verschuldung lasteten nach der Abspaltung von Bayer auf dem neuen Unternehmen. Damals trug Zachert mit mehreren Restrukturierungsprogrammen dazu bei, den Verschuldungsgrad zu reduzieren und Lanxess schließlich auf Wachstumskurs zu bringen. Das sollte ihm erneut gelingen. Kaufen!

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| Thorsten Küfner | 0 Kommentare

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