SGL Carbon
- Jochen Kauper - Redakteur

Die Zeitmaschine

Koehler kommt für Koehler. Mehr als 20 Jahre leitete Robert Koehler die Firma SGL Carbon. Jetzt steht seine Ablösung vor der Tür. Ende des Jahres wird Robert Koehler vom derzeitigen Aufsichtsratsmitglied Jürgen Koehler abgelöst. Die Börse hofft eine Schlankheitskur und die Rückkehr in die Gewinnzone. Helfen wir dabei der sich ausdehnende Erfolg des Werkstoffs Carbon.

Viel geleistet
Mit seinen 64 Jahren gehört Koehler mittlerweile zur älteren Garde der Manager in Deutschland. Das hinderte ihn aber keineswegs daran, neue Ideen anzuschieben, neue Geschäftsbereiche aufzubauen und SGL Carbon für die Zukunft auszurichten. Koehler hat früh die Zeichen der Zeit erkannt. Zum Beispiel hat er das Thema Leichtbau etwa für die Automobil oder die Luftfahrtindustrie voran getrieben und dafür einen eigenen Geschäftsbereich Carbon Fibers & Composites, kurz CFC, ins Leben gerufen.

Allroundwerkstoff Carbon
Durch den Einsatz von Carbon wird nicht nur das Gewicht von Flugzeugen und Autos verringert, auch können damit Solarzellen hergestellt oder die Leistungsfähigkeit von Windkraftanlagen erhöht werden. Hauptprofiteur dieser Entwicklung ist die in Wiesbaden ansässige SGL Group. Zwar tragen Produkte auf Carbonbasis derzeit erst 15 Prozent zum Konzernumsatz bei, dennoch prophezeien Experten dem Werkstoff eine herausragende Zukunft.

Zu große Euphorie

Vielleicht war Robert Koehler bei einigen Dingen etwas zu euphorisch oder einfach zu schnell. SGL Carbon hat zum Beispiel mit einer rasanten Marktentwicklung gerechnet was das Thema Leichtbau in der Automobil- oder in der Flugzeugindustrie betrifft. Sehr früh hat SGL Carbon die Kapazitäten nach oben gefahren. Jedoch entwickelte sich die Nachfrage nach dem High-Tech-Produkte nicht wie erwartet, Überkapazitäten auf dem Gesamtmarkt waren die Folge. Für Robert Koehler ein herber Rückschlag. „Es ist symptomatisch für neue Technologien. Wenn neue Technologien erfunden werden, so werden schnell Kapazitäten aufgebaut. Vergessen wird dabei jedoch häufig, dass sich die "alteingesessenen" (zum Beispiel Stahl-, Kunststoff- und Aluminiumindustrie) nicht kampflos ergibt“, verteidigt Analyst Marc Gabriel vom Bankhaus Lampe die Strategie.

Schwieriges Marktumfeld
Aber auch in den traditionellen Geschäftsfeldern lief es für SGL holprig. Gegenwind gab es zuletzt in allen Geschäftsbereichen: Bei Graphitelektroden etwa, wie sie in der Elektrostahlherstellung verwendet werden, sind die Preise wegen eines Überangebots auf dem Stahlmarkt unter Druck. Im Geschäft mit Graphitspezialitäten schwächelt die Nachfrage bei den Kunden aus der Solar-, Halbleiter- und LED-Industrie.  „Die Stahlmärkte sich im Umbruch befinden und nach der Krise 2008/09 die Preise für Graphitelektroden bedingt durch Überkapazitäten im Weltmarkt zurückgekommen sind. Aus der Aluminiumindustrie kamen kaum Impulse“, sagt Gabriel. Ergebnis: Trotz stabiler Umsätze von knapp 1,7 Milliarden Euro stürzte der Gewinn von SGL Carbon ab. Nach knapp 93 Millionen Euro im Jahr 2012 erwartet Analyst Gabriel 2013 ein Minus von 150 Millionen Euro.

Neustart
Damit soll jetzt Schluss sein. Das Sparprogramm „SGL2015“ soll die Wende bringen, um 150 Millionen Euro will SGL den Gürtel enger schnallen. Ein Werk in Kanada wurde bereits dicht gemacht. „SGL hat in den guten Jahren bis 2008 einiges an "Speck" angesetzt, was nun wieder verschlankt werden soll. Mit etwas Glück stellen sich bereits 2014 erste nennenswerte Erfolge ein“, sagt der Experte Gabriel.
Zudem setzt die Börse durch den Vorstandswechsel zum 1. Januar auf neue Impulse. „Einen Vorteil bei Kapitalanlegern dürfte Jürgen Köhler haben, da Robert Koehler bei einigen Investoren mit seiner direkten Art auch schon mal "verbrannte Erde" hinterlassen hat“, so Gabriel.

Spannende Zukunft: Carbon nimmt Fahrt auf
Jürgen Koehler kommt zu einem guten Zeitpunkt. Der Markt für Carbonfasern, das Thema Leichtbau, nimmt langsam richtig Fahrt auf und gerade Koehler kennt den Bereich aus dem Effeff, seit ein paar Jahren ist er für das Carbonfasergeschäft verantwortlich.
20 Prozent steuert das Geschäftsfeld mit den Carbonfasern zum Gesamtumsatz bei: Tendenz steigend! Zu den elitären Kunden von SGL Carbon zählt zum Beispiel Boeing. SGL ist Zulieferer für den Dreamliner. Viel wichtiger ist jedoch, dass neben der Luftfahrtindustrie die Autobauer die Zeichen der Zeit erkannt haben. Derzeit investieren die Autobauer rund um den Globus Milliarden in die Entwicklung von Elektroautos. Noch sind viele Modelle allerdings zu schwer und haben eine zu geringe Reichweite. Eine dieser Schwächen soll der Werkstoff Carbon beheben.

Vorreiter BMW
Norbert Reithofer hat die Qualitäten des Wundewerkstoffs Carbon längst erkannt. „Carbon ist 30 Prozent leichter als Aluminium und nur halb so schwer wie Stahl“, sagt SGL-Sprecher Tino Fritsch. „Zudem ist Carbon sehr fest und stabil“, ergänzt Fritsch. Einziges Manko war bislang die teure Verarbeitung, oftmals wurden nur Einzelteil oder kleine Serien hergestellt. So denn war Carbon 20-mal teurer als Stahl. Der BMW-Chef hat SGL Carbon bereits vor vier Jahren mit ins Boot geholt. Beide Konzerne gründeten ein Joint-Venture, damals mit 92 Millionen Euro ausgestattet. Wackersdorf ist einer der beiden Standorte von SGL Automotive Carbon Fibers, der Gemeinschaftsfirma von BMW und SGL Carbon. Das zweite Werk steht in Moses Lake in den USA. Dort werden so genannte Carbonfaser-Matten geformt. Insgesamt rund 3.000 Tonnen pro Jahr. Das sind immerhin knapp sieben Prozent der gesamten Weltnachfrage! Anschließend gehen die Carbofaser-Matten ins BMW-Werk Landshut, die fertigen Karosserieteile dann nach Leipzig, wo sich die Endmontage des i3 befindet. BMW hätte den i3 und den i8 ohne einen kompetenten Partner entwickeln können. SGL liefert Teile für die Karbonkarosserie der neuen Elektroautos "i3" und "i8".
„Es ist schon eine kleine Revolution, dass ein Hersteller wie BMW eine Serienfertigung mit einer kompletten Fahrgastzelle aus Carbon auf die Beine stellt“, sagt SGL-Sprecher Fritsch. In einer Zeit, in der die Autos nahezu identisch sind, austauschbar, nur noch Nuancen die Premium-Schlitten von Audi, BMW oder Daimler unterscheiden, da kommt ein Hingucker wie der i3 zur rechten Zeit.

„Sicherlich wäre ein Erfolg ein Durchbruch für die Technologie. Damit könnte Carbon auch in der Oberklasse eingesetzt werden, um so leichtere Fahrzeuge zu produzieren, womit die CO2-Bilanz verbessert werden kann“, sagt Gabriel. Carbon hat den Durchbruch geschafft, den Massenmarkt erreicht. Profitieren wird sicherlich der Autobauer BMW, in erster Linie was das Image betrifft, als Vorreiter, als Visionär. Was die Zahlen betrifft, i Umsätzen und Gewinnen ausgedrückt, wird auch der Materialspezialist, der Zulieferer SGL Carbon auf lange Sicht einer der großen Gewinner der Carbon-Offensive sein.

Netter Aktionärskreis
SGL ist in einer hervorragenden Ausgangsposition. Dank des Sparprogramms sowie der zu erwartenden guten Entwicklung im Segment der Carbonfasern, wird sich der Gewinn in den nächsten Jahren positiv entwickeln. Zudem hat die Technologie von SGL viele prominente Ankeraktionäre angelockt.
So ist die Milliardärin Susanne Klatten über Ihre Beteiligungsfirma SKion mit rund 28 Prozent beteiligt. Dass die Technologie von SGL Carbon heiß begehrt ist, zeigt die Tatsache, dass sich der Volkswagen-Konzern still und leise 9,9 Prozent der Anteile gesichert und dadurch fast einen handfesten Krach mit BMW riskiert hat. BMW hält 15,9 Prozent. Zu diesem auserlesenen Aktionärskreis gesellte sich zuletzt noch der mit der VW-Gruppe freundschaftlich verbundene Anlagenbauer Voith (9,1 Prozent). „Wir erwarten einen stabilen Aktionärskreis. Die Autokonzerne BMW und VW haben sich mit Ihrem Einstieg so positioniert, dass die umfangreichen Technologien der SGL Group in deutschen Händen bleibt. Neben der Carbonfaser gibt es zudem auch noch andere Themen (zum Beispiel Batterietechnik). Kaum auszudenken, wenn das Know-how in Asien gelandet wäre“, so Gabriel.




Gute Aussichten
„Die Ausrichtung dürfte in Zukunft stärker auf freie Mittelzuflüsse gerichtet werden, was im Interesse aller Aktionäre sein sollte“ so lautet das Fazit von Analyst Gabriel. Die Börse spielt derzeit die Trumpfkarte Carbon. SGL ist als Material-Spezialist Zulieferer für den BMW i3 und den i8. Möglicherweise werden bald noch mehr Modelle mit einer kompletten Fahrgastzelle aus Carbon gefertigt. Dennoch: Das Geschäftsfeld bei SGL ist noch klein und steuert knapp 16 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Mit dem Vorstandswechsel im Rücken, dem Sparprogramm „SGL2015“ sowie der Euphorie rund um den BMW i3 konnte sich die SGL-Aktie von den Tiefstständen lösen. Die Aktie ist eine Wette wert.


SGL Carbon
30,15 €
38,00 €
27,50 €
05.12.2013

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