- Dr. Marco Bargel, Chefvolkswirt Postbank

Währungsgemeinschaft lässt Griechenland nicht fallen

Die dramatische Entwicklung der Haushaltssituation in Griechenland hat nicht nur am Rentenmarkt zu signifikanten Kursbewegungen geführt, sondern auch den Euro und die Aktienmärkte belastet.

Der Umgang mit dem "Defizitsünder" birgt Sprengstoff für die gesamte EWU. Konkret geht es dabei um die Frage, ob die Gemeinschaft bzw. andere Mitgliedsländer Griechenland im Falle einer drohenden Zahlungsunfähigkeit helfen sollen (sogenanntes "Bail Out"). Der Markt ist hiervon offensichtlich nicht zu 100 Prozent überzeugt. So hat sich der Renditeaufschlag griechischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen im 5-Jahresbereich auf bis zu 360 Basispunkte ausgeweitet. Dies ist der höchste Wert seit Beginn der dritten Stufe der Währungsunion im Jahr 1999. Teilweise wird sogar spekuliert, inwieweit einzelne Länder aus der Währungsunion austreten könnten.

Der Austritt eines Mitgliedsstaates aus der EWU ist äußerst unwahrscheinlich. Zum einen wären die vermeintlichen Vorteile für das austretende Land sehr fraglich. Zwar könnte sich ein Land durch die Wiedergewinnung der Währungshoheit, die auch die Möglichkeit einer Abwertung der eigenen Währung beinhalten würde, einen temporären Wettbewerbsvorteil verschaffen. Diesem Vorteil würden aber massive Nachteile gegenüberstehen. So dürften die Finanzierungskosten für das betreffende Land auf dem internationalen Kapitalmarkt bei einem Austritt geradezu explodieren. Zudem würden die Auslandsschulden des Landes durch eine unvermeidliche Abwertung der eigenen Währung auf einen Schlag aufgewertet. Die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls würde dramatisch steigen und den Zugang zum internationalen Kapitalmarkt auf absehbare Zeit erschweren. Aber auch aus Sicht der anderen Mitgliedsstaaten wäre der Austritt eines Landes aus der EWU unerwünscht. Denn ein Scheitern der gesamten Währungsunion würde in diesem Fall wahrscheinlicher. In der Öffentlichkeit und an den Märkten würde sehr schnell über den Austritt weiterer Staaten spekuliert werden. Es käme dabei zu einer starken Differenzierung der Risikoprämien bei Anleihen, die sehr wahrscheinlich noch weit über das Niveau vor Beginn der Euro-Einführung hinausginge. Damit würde aber ein wesentlicher Vorteil der Währungsunion verlorengehen, was den Zusammenhalt der Mitgliedsstaaten untereinander deutlich schwächen würde.

Das Alternativszenario eines Zahlungsausfalls des griechischen Staates bei Fortbestehen der Währungsunion ist ebenso unwahrscheinlich, da die systemischen Risiken eines solchen Szenarios nicht kalkulierbar sind. Denkbar wäre in einem solchen Fall eine ähnliche Entwicklung wie im Bankensektor nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers im September 2008. Beim Default eines Staates könnten sehr schnell weitere Mitgliedsländer in Zahlungsschwierigkeiten geraten, da die vom Markt erwarteten Risikoprämien auch bei anderen "Problemfällen" deutlich ansteigen dürften. Aufgrund ihres hohen Haushaltsdefizit bzw. ihres hohen Verschuldungsstandes könnten zumindest Portugal, Irland und Spanien ins Visier der Anleger geraten. Um Zahlungsausfälle weiterer Staaten und ein Scheitern der EWU zu verhindern, müssten die Mitgliedsländer dann letztendlich alle betroffenen Staaten auffangen. Die Kosten hierfür würden ein Vielfaches der Summe betragen, die für eine Rettung des griechischen Staates aufgewendet werden müsste. Allerdings würde eine aus unserer Sicht sehr wahrscheinliche Rettungsaktion für Griechenland auch nicht völlig schmerzfrei verlaufen. Um die Glaubwürdigkeit der Eurozone als Stabilitätsgemeinschaft nicht aufs Spiel zu setzen, müssten Hilfsgelder an sehr strenge Auflagen zur Konsolidierung des griechischen Haushaltes geknüpft werden. Dass dies politisch nicht einfach durchzusetzen ist, zeigen die Demonstrationen und Unruhen in Griechenland in den vergangenen Wochen.

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