- Markus Horntrich - Chefredakteur

Schäubles Nullnummer

Liebe Leser, ich habe ein sensationelles Angebot für Sie: Ich plane eine private Anleiheemission. Ich biete privat MH-Protect-Schatzbriefe mit Null-Prozent-Kupon zum Kurs von 100,48 Prozent zur Zeichnung an. Das Volumen wird sich auf vier Milliarden Euro belaufen, die Laufzeit wird zehn Jahre betragen. Ich verspreche auch, dass ich die Anleihen in zehn Jahren zum Kurs von 100 Prozent wieder zurückzahlen werde. Zeichnungsaufträge nehme ich unter m.horntrich@boersenmedien.de an. Ich werde die vier Milliarden auch nicht anrühren, sondern sie in bar, fein säuberlich gestapelt und versichert in einem Tresor aufbewahren.

Sie haben Zweifel, dass jemand ein solches Angebot annehmen könnte? Null Zinsen und dann noch freiwillig mehr verleihen, als man zurückbekommt? Ich persönlich rechne mit einer deutlichen Überzeichnung. Kühne Rechner unter Ihnen werden nun schnell feststellen: „Die Ratte will uns um 19,2 Millionen Euro erleichtern.“ Sparen Sie sich bitte den Anruf beim Verbraucherschutz oder der Finanzaufsicht. Ich habe nichts anderes vor als das, was Finanzminister Wolfgang Schäuble jüngst im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland durchgezogen hat. Mit der jüngsten Emission von zehnjährigen Bundesanleihen verdient der Staat mit Schuldenmachen erstmals Geld. Circa 19,2 Millionen Euro. Die Nachfrage nach den Bundesanleihen übertraf sogar das angebotene Volumen um das 1,2-Fache.

Nun werden Sie womöglich meine Bonität gegenüber der des deutschen Staates anzweifeln. Da kann ich mithalten: Wie schon versprochen, die vier Milliarden werde ich nicht anrühren, Ehrenwort. Wolfgang Schäuble kann das sicherlich nicht behaupten. Man darf davon ausgehen, dass die Kohle längst verplant – man kann wohl auch sagen verprasst – wurde.

Im Gegensatz zum Finanzminister werde ich Sie in zehn Jahren auch nicht erneut anpumpen, um einen neuen Kredit bei Ihnen aufzunehmen, um damit den alten abzulösen. Ich werde Ihnen auch keine Steuern aus den Rippen leiern, damit ich Ihnen Ihr Geld zurückzahlen kann. Wegen mir müssen Sie nicht bis zum Steuerzahlergedenktag, der dieses Jahr am 12. Juli war, ausschließlich für den Fiskus arbeiten. Wolfgang Schäuble beziehungsweise derjenige, der 2026 Finanzminister sein wird, wird das mit Sicherheit tun.

Nun ist es an Ihnen. Welches Angebot klingt besser? Ich wünsche Ihnen eine ereignisreiche Woche mit dem nötigen Scharfsinn für Ihre Geldgeschäfte.

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