- Alfred Maydorn - Redakteur

Leerverkäufe, Lehman, Luftmatratze

Die Verunsicherung der Anleger ist greifbar. Gerüchte dominieren den Markt und wecken unangenehme Erinnerungen. Und die Medien mischen kräftig mit.

Eine alte Börsenregel lautet: „Kaufe das Gerücht und verkaufe die Nachricht." Davon war in den letzten Wochen an der Börse herzlich wenig zu sehen. Die Märkte liefen eher nach dem Motto: „Verbreite ein Gerücht und warte auf den Kurssturz". So tauchte der Kurs der französischen Großbank Société Générale am 10. August zwischenzeitlich um über 20 Prozent ab, nachdem Gerüchte verbreitet worden waren, die Bank stünde kurz vor der Pleite.

In der vergangenen Woche traf es gleich einen ganzen Index. Urplötzlich rauschte der DAX in kürzester Zeit um über 200 Punkte in die Tiefe. Auslöser soll unter anderem die Angst vor einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit Deutschlands gewesen sein. Dazu kamen Gerüchte, es sei ein totales Verbot von Leerverkäufen geplant.

Und dann gab es noch die Angst davor, die Stadt Harrisburg in Pennsylvania stünde vor der Zahlungsunfähigkeit. Moment mal, in Harrisburg ereignete sich doch 1979 das Unglück im Kernkraftwerk Three Mile Island. Dieser Gedanke reichte aus, um bei vielen Marktteilnehmern die besorgniserregenden Eindrücke der Fukushima-Katastrophe wieder aufzufrischen und für neue Verunsicherung zu sorgen.

Letztlich war alle Aufregung umsonst: Deutschland behielt sein dreifaches „A", ein totales Leerverkaufsverbot ist nicht geplant und Harrisburg wird seine Schulden voraussichtlich pünktlich zahlen können. Und wenn nicht, dann würde das bei uns in Deutschland auch niemanden wirklich stören.

Die geradezu abenteuerlich anmutende Aufgeregtheit demonstriert die extreme Verunsicherung an den Märkten. Die Medien tragen einen nicht unerheblichen Teil zu dieser Stimmung bei. Sie versuchen das Marktgeschehen mit zum Teil hanebüchenen Ausführungen zu erklären und neigen häufig zu drastischen Übertreibungen. Kein Wunder in einer Zeit, in der mittlerweile aus jedem warmen Sommertag eine „Extrem-Hitzewelle" gemacht und jeder kleine Schneefall zum „Winterchaos" aufgebauscht wird.

Keine Frage, wir haben eine handfeste Krise an den weltweiten Finanzmärkten, aber wir sind im Unterschied zum Höhepunkt der Finanzkrise 2008 weit von einem drohenden Zusammenbruch des gesamten Systems entfernt. Aber die Erinnerungen an die Lehman-Pleite sind noch jung und werden von den Medien fortlaufend erneuert. Der Großteil der Krise spielt sich in unseren Köpfen ab. Was tun? Ganz einfach: PC runterfahren, Fernseher aus, Luftmatratze raus und ab auf den See.

Artikel kommentieren:

Um einen Kommentar zu schreiben, müssen Sie eingeloggt sein.
Sie besitzen noch kein Login? Dann registrieren Sie sich kostenfrei.

  • Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Videos zum Thema:

Der Aktionär TV