- Florian Söllner - Leitender Redakteur

Facebook: Nicht von dieser Welt

Facebook erreicht mit 50 Milliarden Dollar eine neue Bewertungsdimension. Doch nicht nur das KGV, auch die Perspektiven sind gewaltig.

"Also dann, Gertrud - wir sehen uns ja später bei Facebook." Wie bitte? Tatsächlich verabredeten sich diese Woche neben mir im Supermarkt zwei ältere Damen zu einem virtuellen Treffen. Und Gertrud und Gisela sind gern gesehen in der größten Community der Welt. Schließlich ist jeder Nutzer über 80 Dollar wert. Genau so viel hat nun umgerechnet Goldman Sachs für Facebook bezahlt. Insgesamt war die Summe von 50 Milliarden Dollar Bewertungsgrundlage für den 450-Millionen-Dollar-Einstieg. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem der Facebook-Investor Thomas Heilmann seine Aktien wegen der "aktuell irren Bewertung" versilbert hat.

Cleverer Deal

Handelt Goldman Sachs irrational? Ich denke nicht. Erstens die Konstruktion des Deals: Die Banker haben einen Großteil des 0,8 Prozent-Anteils bereits an vermögende Kunden weitergereicht. Das Interesse daran war so groß, dass die Zeichnungsfrist vorzeitig beendet wurde. Außerdem: Geht Facebook 2012 an die Börse - neue Unterlagen deuten darauf hin -, dürfte die Bank die Emission organisieren und damit alleine an Provisionen den Einsatz wettmachen.

Zweitens die Bewertung: Die Neunmonatsumsätze lagen bei 1,2 Milliarden Dollar, der Überschuss bei 355 Millionen Dollar und das 2010er-KGV beträgt wohl rund 100 - bei Wachstumsraten von knapp 100 Prozent. Sehr teuer. Doch bevor man abwinkt, ein kleines Gedankenspiel. Wie viel wäre in der realen Welt ein Treffpunkt wert, auf welchem sich regelmäßig 600 Millionen Menschen tummeln? Man könnte mit diesen Massen unfassbare 8.700 Allianz-Arenen füllen. Ein Marktplatzbetreiber würde mit der Vermietung von Standflächen für Geschäfte, Spielhallen oder Werbeflächen ein reicher Mann - wenn er denn die Logistik eines solch gewaltigen Areals stemmen könnte.

Deutsche Alternative

Und genau dies ist der Clou von Portalen wie Facebook: Für Gertrud müssen keine Parkplätze oder Gebäude gebaut werden - für die Schaffung einer virtuellen Welt genügen ein paar Server. Gewaltige Skaleneffekte sind vorprogrammiert. Ich glaube, dass Facebook in diese Bewertung hineinwachsen und das IPO ein Erfolg werden kann. Zumal die Durchdringung des Portals eine Hausfrauen-Hausse à la "Gisela, vergiss nicht den Prosecco - wir haben Facebook-Aktien zugeteilt bekommen" wahrscheinlich macht. Auch die Goldman-Sachs-Kunden freuen sich über die Aktien. Doch ihr Grinsen wäre weniger breit, wüssten sie, dass es in Deutschland eine ähnliche Community (siehe aktuellle AKTIONÄR-Ausgabe Seite 20) für ein KGV von 20 zu kaufen gibt.

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