- Martin Weiß - stellv. Chefredakteur

Eine Frage der Perspektive

Das historisch niedrige Zinsumfeld treibt die Sparer in die Verzweiflung – und die Marketingabteilungen der Banken zur Höchstleistung.

Wissen Sie eigentlich, woran sich das aktuelle Zinsniveau ablesen lässt? Ganz einfach, an der Menge der Phrasen, welche die Banken dreschen, um ihren Kunden ihre "Rendite"-Produkte unterzujubeln. Dabei gilt folgender Zusammenhang: Je mickriger der Zins für Tages- und Festgeld, desto massiver der Einsatz von Worthülsen.

Ein Beispiel: Die Sparkasse gewährt ihren Kunden auf Tagesgeld derzeit einen Zinssatz von 1,1 Prozent pro Jahr. Wow! Immerhin entspricht der Wert der Hälfte der im Dezember 2010 gemessenen Inflationsrate in der Eurozone. Wer dennoch 5.000 Euro anlegt, darf sich nach zwölf Monaten über 55 Euro Ertrag ärgern.

Weil die Verantwortlichen genau wissen, welches "Spitzenangebot" sie da unterbreiten, greift die Kreativabteilung des Geldhauses tief in die verbale Trickkiste, um die 1,1 Prozent zumindest klangtechnisch aufzuhübschen. Sie scheut dabei auch nicht davor zurück, Selbstverständliches wie kostenlose Kontoführung, Sicherheit und tägliche Verfügbarkeit herauszustellen. Die Verwendung des Adjektivs "attraktiv" ist im günstigsten Fall dreist zu nennen, eigentlich aber wegen vorsätzlicher Irreführung eine Sache für den Staatsanwalt. Ginge es den Banken, wie so oft behauptet, tatsächlich um Kundenzufriedenheit und Vermögensaufbau, müsste einem auf der Internetseite der Slogan "Nicht abschließen!" geradezu entgegenschreien.

Aber wie so oft ist des einen Leid des anderen Freud und während sich die einen über niedrige Zinsen ärgern, freuen sich die anderen über das daraus resultierende günstige Marktumfeld und die Gewinne am Aktienmarkt. Der DAX hat in den ersten eineinhalb Handelswochen bereits 2,3 Prozent im Wert zugelegt und das trotz eines kräftigen Rücksetzers gleich zum Jahresbeginn. Im TecDAX lautet das Plus bislang auf 3,4 Prozent, wobei Einzeltitel wie Aixtron, Dialog Semiconductor oder Kontron die 10-Prozent-Marke deutlich hinter sich gelassen haben. Weil die Zutatenliste in Deutschland passt – niedrige Zinsen, Wirtschaftswachstum, sinkende Arbeitslosigkeit –, stehen die Chancen gut, dass sich der Aufschwung am Aktienmarkt auch 2011 weiter fortsetzen wird.

Wenn man es also positiv sehen will, sind niedrige Zinsen sogar gut. Und das hilft einem dann wieder über die Wort­hülsen der Banken hinweg.

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