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"Europäische Aktien bieten einen hohen Diskont"

Werner Sperber

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Andrew King, BNP Paribas Investment Partners, erklärt im Gespräch mit dem AKTIONÄR, warum er europäische Aktien kauft. Zudem nennt er aussichtsreiche Regionen und chancenreiche Sektoren für langfristig orientierte Anleger. Max Schott, Smart-Invest GmbH, und Marc Craquelin, Financiére de l’Echiquier, erkennen ebenfalls Einstiegsmöglichkeiten.

Die enorme Verschuldung europäischer Staaten sowie der USA und die damit einhergehenden Sparmaßnahmen versetzen die Börsen in Panik. Marc Craquelin, für die Investmentauswahl zuständiger Vorstand der französischen Fondsgesellschaft Financiére de l'Echiquier, erklärt allerdings: "Was sich an den Aktienmärkten derzeit abspielt, entspricht nicht dem wahren Gesundheitszustand der Unternehmen. Das durchschnittliche Kurs-Buchwert-Verhältnis im EuroSTOXX 50 liegt mit 1,01 auf einem historischen Tiefststand. Das trifft auch auf Unternehmen zu, die weder wirtschaftliche noch finanzielle Schwierigkeiten haben. Alle fürchten sich vor einer Rezession. Die Stimmung an den Märkten gleicht derzeit eher einer Depression als nur einer Verlangsamung."

Ähnlich sehen das auch Max Schott, Geschäftsführer der Smart-Invest GmbH (der Fonds Helios AR mit der Wertpapierkennnummer 576 214 befindet sich im Real-Depot Fonds des AKTIONÄR), und Andrew King, Vorstand für Europäische Aktien bei BNP Paribas Investment Partners und Manager des Fonds BNP Paribas L1 Equity Best Selection Euro (WKN 796 205). 

Mächtige Konzerne bieten gute Chancen

Was dem US-amerikanischen Justizministerium recht ist, ist Andrew King nur billig. Kings Team nutzt, wie das Ministerium, den Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelten Herfindahl-Hirschman-Index für Investmententscheidungen. Mit diesem Index lassen sich der Konzentrationsgrad einer Branche sowie die Größenverhältnisse der Unternehmen am Markt bestimmen. Das ist wichtig, denn je monopolisierter, strukturierter eine Branche ist, desto mehr Preissetzungs-Macht haben die Unternehmen. Sie können dadurch beispielsweise höhere Rohstoffpreise leichter an ihre Kunden weitergeben und sind deshalb im Allgemeinen profitabler als Firmen, die in einem zersplitterten Anbietermarkt tätig sind. Dort können Kunden viel einfacher zu einem Wettbewerber wechseln.

DER AKTIONÄR: Was unterscheidet europäische Unternehmen von denen aus den USA oder Asien?

Andrew King: Europa beziehungsweise Nordeuropa ist in einer wirtschaftlich vergleichsweise guten Verfassung. Auch die Finanzsituation ist besser als in den USA. Europäische Konzerne sind multinationale und bilanzstarke Unternehmen, die in den Schwellenländern gut vertreten sind. Die Aktien sind im Bezug auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis mit einem Abschlag von rund 20 Prozent im Vergleich zu denen aus den USA zu bekommen. Zudem haben viele Konzerne einen hohen Bargeldbestand aufgebaut. Unternehmen, welche aus eigener Kraft nur wenig wachsen können, dürften dieses Geld nun verstärkt für Zukäufe nutzen. Konsolidierungen dürften zunehmen, was die Preissetzungsmacht der verbleibenden Konzerne weiter erhöht.

DER AKTIONÄR: Welche Regionen sind für Investitionen aktuell aussichtsreich?

Andrew King: Das sind die nordeuropäischen Staaten, welche am stärksten wachsen. Dazu gehört neben Norwegen und Schweden auch Deutschland. Zudem schätzen wir die Schweiz und Großbritannien.

DER AKTIONÄR: Welche Branchen bevorzugen und welche meiden Sie derzeit?

Andrew King: Generell achten wir auf die Qualität der Unternehmen und die Preissetzungsmacht. Zudem spielen die bereits erwähnten Übernahmen eine Rolle, die aufgrund der anschließenden Kostensenkungen vorteilhaft für die Konzerne sind. Wir setzen allerdings nicht nur auf defensive Sektoren sondern auch auf Turnaroundchancen. Interessante Anlageziele finden sich unter den Einzelhandelsunternehmen, den Maschinen- und Anlagenbaukonzernen, den Nahrungsmittelbetrieben, im Gesundheitswesen und bei den Banken. Versicherungen sind weniger interessant, denn dieser Markt ist noch immer sehr zersplittert und die Kunden haben es leicht, den Anbieter zu wechseln. Wir betrachten aus Anlegersicht auch den Energiesektor und die Modebranche mit Skepsis.  

DER AKTIONÄR: Wie lange wird die Nervosität an den Börsen noch anhalten?

Andrew King: Das ist die Millionen-Euro-Frage. Damit sich die Lage ändert, müssen die Politiker zu  agierenden Kräften werden und dürfen sich nicht mehr von den Märkten hertreiben lassen. Die Politiker müssen einen klaren und nachzuvollziehenden Plan vorweisen. Generell gilt für uns: Wir achten, nicht nur vor diesem Hintergrund, auf die Fakten, auf die harten Zahlen für eine Branche und in einem einzelnen Unternehmen.

Die Fundamental-Analyse zählt

Marc Craquelin, Financiére de l'Echiquier, fügt zu seinen Argumenten für Aktienkäufe noch eines hinzu: Die Rohstoffmärkte schaffen nach ihrer Korrektur, vor allem beim Rohöl, gute Wachstumsbedingungen. Er erklärt, entscheidend für die Aktienauswahl sei eine fundierte Analyse der Unternehmensbilanzen. Er bevorzugt derzeit Firmen mit starkem Wachstumsprofil, überzeugend robusten Ergebnissen im zweiten Quartal 2011 und starken Absatzzahlen in Schwellenländern. Craquelin sagt: "Sowohl die amerikanischen als auch die europäischen Unternehmenszahlen der vergangenen Wochen haben das Weltwachstum bestätigt und einmal mehr unterstrichen, dass Schwellenländer die Schwächen der 'alten' Wirtschaftsmächte wettmachen können."

Die Schwellenländer bringen die Welt voran

Max Schott, Smart-Invest, erinnert an den Ausblick des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom Juni 2011, wonach die Wirtschaft in den Schwellenländern in Asien, Südamerika und Osteuropa in diesem und im nächsten Jahr um durchschnittlich mehr als jeweils sechs Prozent wachsen dürfte. In Westeuropa und den USA sprächen die robusten Konzernbilanzen gegen eine erneute weltweite Rezession. Schott fügt hinzu, dass die Bewertungen der Unternehmen an den Börsen deutlich niedriger sind, als im langfristigen Durchschnitt. Schott erklärt: "Ich sehe eine massive Vertrauenskrise in Politiker und Notenbanken, mit der Schuldenkrise in Europa und den USA fertig zu werden - aber keine Aktienmarktkrise." Smart-Invest bleibt auch in der aktuellen Phase bei dem erfolgreichen Motto: Systematisch Risiken vermeiden und Chancen nutzen - genau in dieser Reihenfolge. 

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