Martin Weiß
Die Online-Reisevermittler haben die Finanzkrise mehr als nur gemeistert, sie haben von ihr profitiert. Anleger sollten ihr Augenmerk nun auf Asien richten.
Mit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 gingen auch die Aktien von Online-Reisevermittlern wie Priceline.com in die Knie. Die Logik hinter dem Kurssturz, der das Papier binnen zweier Monate 60 Prozent an Wert kostete: Mehr Firmenpleiten bedeuten mehr Arbeitslose, mehr Privatinsolvenzen und damit weniger Kunden. Zwei Jahre später ist längst klar, dass der unterstellte Zusammenhang nicht nur nicht existiert.
Aktienkurs versechsfacht
Vielmehr hat sich gezeigt, dass die Branche der Online-Reisevermittler auch in Krisenzeiten ihre Dynamik aufrechterhalten kann. Deutlichster Beleg: Die Aktie von Priceline.com hat sich von Oktober 2008 bis heute auf 311 Dollar im Wert mehr als versechsfacht und notiert - trotz hoher US-Arbeitslosenzahlen und der Angst vor einem möglichen Double Dip, also einer erneuten Konjunkturflaute - auf Allzeithoch. Im selben Zeitraum ist der Jahresumsatz um rund eine Milliarde Dollar gestiegen.

Preise runter, Auslastung rauf
In den vergangenen Monaten hat dem Unternehmen der Leerstand in den Hotels in die Hände gespielt. Die Anbieter nutzen Plattformen wie die von Priceline.com, um mit aggressiven Preisnachlässen ihre Kapazitäten auszulasten. Die Rabattschlacht zeigt Wirkung: Im zweiten Quartal 2010 ist die Zahl der Übernachtungen in US-Hotels um mehr als sechs Prozent gestiegen. Besonders Haushalte, die von der Arbeitslosigkeit nicht betroffen sind und die Zukunft weniger düster beurteilten, wollen sich die Schnäppchen offensichtlich nicht entgehen lassen. "Vier-Sterne-Zimmer zum Preis von drei Sternen lässt viele Kunden schwach werden", erklärte ein Manager.
Asien holt auf
In den kommenden Jahren dürfte sich der Erfolg der Online-Reisevermittler in Asien und dort insbesondere in China wiederholen. Expedia, gemessen am Umsatz das größte Reiseportal im Internet, hat unlängst seinen Anteil am chinesischen Wettbewerber Elong um zusätzliche 17 Prozent erhöht und besitzt nun rund 96 Prozent der Stimmrechte. Der US-Konzern will den Umsatzanteil aus dem internationalen Geschäft (2009: 37 Prozent) auf 50 Prozent erhöhen und sieht in China gute Wachstumsmöglichkeiten.

Wachsende Mittelschicht in China
Der zunehmende Wohlstand der chinesischen Mittelschicht (plus 50 Millionen pro Jahr) beschert Online-Reiseanbietern im Monatsrhythmus Millionen potenzieller Neukunden. Daneben profitieren Firmen wie Ctrip.com, das chinesische Pendant zu Expedia und Priceline.com, von Superstaus, die diejenigen, die es sich leisten können, von der Straße in den Zug oder den Flieger bringen. Ctrip.com ist hoch bewertet, das 2010er-KGV beträgt 46, wächst aber auch rasant. Die Vorzeichen stehen gut, dass der Konzern mit seinen Q3-Zahlen die Schätzungen der Analysten übertrifft. Im Mittel rechnen die Experten mit Erlösen von 115 Millionen Dollar und einem Gewinn von 0,24 Dollar pro Aktie. Chinesische Behörden haben für den Juli allein einen Anstieg bei den Passagierzahlen im Luftverkehr um 21 Prozent mitgeteilt. Publikumsmagneten wie die Weltausstellung in Schanghai treiben die Kundenzahlen weiter in die Höhe. Das Unternehmen ist auf einem guten Weg, den Umsatz und Gewinn im laufenden Jahr jeweils um mehr als 40 Prozent zu steigern.

Indisches IPO
Die indische Antwort auf Ctrip.com heißt Makemytrip und hat erst im August ein beeindruckendes Börsendebüt an der Wall Street gefeiert. Der Aktienkurs notiert derzeit rund 135 Prozent über dem Emissionspreis. Experten trauen dem Aktienkurs aufgrund fehlender Alternativen weiteres Potenzial zu.

Teuer, aber gut
Die Online-Reisebranche verspricht auch zukünftig hohe Zuwachsraten. Priceline.com bietet sich für konservative Anleger an. Das Unternehmen ist vergleichsweise günstig und wächst beständig. Ctrip.com, Elong und insbesondere Makemytrip - letztere aufgrund des schnellen Anstiegs und der fehlenden Prognosen - eigenen sich nur für risikofreudige Investoren.