Andreas Deutsch
Das Griechenland-Debakel hat den Anlegern einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Wie geht es mit der Europäischen Union weiter? Was passiert mit dem Euro? Karsten Stroh, Leiter Produktmanagement Europäische Aktien bei J.P. Morgan Asset Management, erklärt, warum die Anleger die "alte Welt" auf keinen Fall abschreiben sollten.
Europa-Experte Karsten Stroh hat seinen Optimismus nicht verloren. Trotz der "griechischen Tragödie" und den Problemen vieler anderer europäischer Staaten glaubt Stroh weiterhin an das große Potenzial des Kontinents. Im Interview mit dem AKTIONÄR sagt er, warum man jetzt europäische Aktien im Depot haben sollte.
DER AKTIONÄR: Vor ein paar Monaten hat J.P. Morgan die Kampagne "We love EU" gestartet. Hand aufs Herz: Sind Sie immer noch verliebt?
Karsten Stroh: Auch wenn die "griechische Tragödie" und die Sorge um einige andere südeuropäische Märkte für viele negative Schlagzeilen gesorgt haben: Unsere grundsätzliche positive Haltung gegenüber Europa hat sich nicht geändert. Wir sehen weiterhin viele Gründe, Europa ins Herz zu schließen. Die schlechten Nachrichten beziehen sich ja zumeist auf die volkswirtschaftliche Ebene, also die Makroebene. Auf der Mikroebene der Unternehmen bietet Europa dagegen mittel- bis langfristig attraktive Perspektiven: Europas Unternehmen sind die Hauptgewinner der Globalisierung. Sie haben sich in den vergangenen Monaten durch Restrukturierungen und Kostensenkungen extrem wettbewerbsfähig aufgestellt. Dieses Potenzial sollten Anleger nicht unterschätzen.
Sie können die Anleger also nicht verstehen, die Europa den Rücken kehren?
Die Risikoaversion vieler Anleger ist in der Tat hoch. Bei der aktuellen Fondsmanager-Befragung der Bank of America Merrill Lynch waren europäische Aktien zuletzt wenig populär und erreichten fast das Allzeittief vom Februar 2009. Bei den vielen Hiobsbotschaften ist es nicht verwunderlich, dass sich Privatanleger ebenfalls vorsichtig zeigen. Viele der schlechten Nachrichten sollten aber bereits in den Kursen enthalten sein.
Viele Anleger sind genervt von der hohen Volatilität.
Die Volatilität an den Märkten ist zugegebenermaßen hoch. Aber sie kennt beide Richtungen. Nachdem sich das Vertrauen wieder etwas stabilisiert hat, haben die Aktienmärkte in der letzten Woche einen deutlichen Aufwärtstrend gezeigt. Die Firmen sind ja nicht das Problem, im Gegenteil: Die Berichtssaison zum ersten Quartal 2010 war die beste der letzten fünf Jahre.
In den meisten EU-Staaten soll massiv gespart werden. Wie kann die Konjunktur dann noch wachsen?
Die Sparmaßnahmen in Europa sind in einem gewissen Maße gut so. Im vergangenen Monat verabschiedete die italienische Regierung Haushaltseinschnitte von 24 Milliarden Euro für die nächsten zwei Jahre. Portugal kündigte den Verkauf von Vermögenswerten im Wert von sechs Milliarden Euro an, während das spanische Parlament ein Sparpaket von 15 Milliarden Euro genehmigte. Auch die Kernländer der Eurozone bemühen sich inzwischen um den Abbau ihrer Defizite: Frankreich kündigte vergangene Woche an, seine Rüstungsausgaben einzufrieren, während die deutsche Regierung ein Sparpaket von 80 Milliarden Euro bis 2016 vorgelegt hat. Sogar die britische Regierung stellte Teile eines Haushaltspakets vor. Weitere werden folgen. Für diesen Trend zur Haushaltsdisziplin gibt es weltweit keine Alternative, denn der letzte G20-Gipfel sprach sich für eine solide Finanzpolitik aus - ein grundlegender Wandel im Vergleich zu dem bisherigen Konsens über staatliche Konjunkturprogramme. Und die Erfahrung lehrt, dass eine restriktive Haushaltspolitik den Anlagemärkten nicht unbedingt schaden muss, wenn sie mit einer geldpolitischen Lockerung einhergeht. Dass dies gelingt, erfordert allerdings von allen Beteiligten Disziplin und Augenmaß.
Wie sehen Sie die Rolle Deutschlands in den nächsten Jahren? Als Zahlmeister?
Immer wieder macht die Mär von Deutschland als Zahlmeister der EU die Runde. Doch die Abgaben - oder aktuell die Rettungsmaßnahmen - sind natürlich auch an Fakten wie Bevölkerungszahl und BIP gekoppelt. Entsprechend groß sind aber auch die Vorteile, die Deutschland innerhalb der EU hat. So ist Deutschland das Land mit dem größten Exportanteil innerhalb der EU. Und strukturschwache Regionen innerhalb der Bundesrepublik haben in der Vergangenheit ebenfalls häufig von EU-Geldern zum Aufbau und Erhalt von Arbeitsplätzen profitiert. So sollte die starke Gemeinschaft nicht immer gleich in Frage gestellt werden, wenn der Wind ein wenig stärker bläst.
Kommen wir zum Euro: Geht die Währung in nächster Zeit eher in Richtung Parität zum Dollar oder ist die Schwächephase bald beendet?
Diese Frage sollte differenziert betrachtet werden. Denn die Euroschwäche ist nicht ausschließlich negativ zu beurteilen: Erstens ist der Euro im Vergleich zum Dollar immer noch sehr weit von seinem Tiefststand von 0,8230 am 26. Oktober 2000 entfernt. Zweitens hat die globale Bedeutung des Euros als Handelswährung und Währungsreserve seit seiner Einführung stetig zugenommen. Und drittens gibt es ja durchaus auch positive Effekte - schließlich verbilligt die Euroschwäche europäische Exporte in die USA und in die Schwellenländer und wirkt so wie ein "Absatzbeschleuniger". Leider blenden das derzeit viele Anleger aus.
Welche Branchen halten Sie derzeit für attraktiv?
Wir bevorzugen in Europa derzeit weiterhin zyklische Sektoren wie Industrie- oder Rohstoffwerte.
Was sollten Anleger meiden?
Gegenüber defensiven Sektoren wie Versorger oder langlebige Konsumgüter sind wir weiterhin vorsichtig.
Warum sollten Anleger jetzt in europäische Aktien investieren?
Europa ist einer der größten integrierten Wirtschaftsräume und mit über 500 Millionen Menschen einer der wichtigsten Absatzmärkte der Welt. Europäische Unternehmen konzentrieren sich jedoch nicht nur auf ihre regionalen Nachbarn. Ein Großteil der Firmen richtete sein Geschäftsmodell in den letzten Jahren konsequent weltweit aus und nutzt damit die Chancen, die eine stetig zunehmende Globalisierung bietet. Als Exportweltmeister nimmt Europa den ersten Platz im Welthandel ein, mehr als 40 Prozent aller Exporte haben ihren Ursprung in den Staaten der EU. Anleger sollten also bedenken, dass sie mit einer Anlage in europäische Aktien auch immer ein gutes Stück Wachstum in den aufstrebenden Schwellenmärkten kaufen - und das mit einer auch im historischen Vergleich niedrigeren Volatilität.
Was spricht noch für Europa?
Nur wenige Investoren haben Europa aktuell im Fokus. Denn andere Märkte scheinen auf den ersten Blick bessere Ertragschancen zu bieten. Anleger sollten dabei jedoch beachten: Europa ist im globalen Aktienmarktzyklus eher am Ende angesiedelt und setzt üblicherweise erst zu einer Rallye an, wenn sich die Aufwärtsbewegungen an anderen Märkten bereits deutlich verlangsamen. Dies lässt sich aktuell bereits beobachten: Während das Gewinnmomentum in den Schwellenmärkten und in den USA seinen Höchststand bereits überschritten hat, steigt es in Europa weiter an.
Sind europäische Titel günstig?
Ja, vor allem im Vergleich zu anderen Anlageklassen wie Anleihen. Dabei fällt besonders die Dividendenrendite ins Auge. In den Krisenjahren 2008 und 2009 haben viele Firmen einen deutlich geringeren Anteil der Gewinne ausgeschüttet als üblich. Die Dividendenzahlen fielen gering aus. Im Zuge eines Erstarkens der Weltwirtschaft sollten auch die Unternehmensgewinne wieder steigen. Vieles deutet daher auf eine Renaissance der Dividende hin. Gerade in Europa gibt es viele attraktive Dividendentitel. 60 Prozent des kontinentaleuropäischen Marktes bieten derzeit eine höhere Dividendenrendite als die reale Anleihenrendite. In Großbritannien sind es sogar knapp 70 Prozent des Marktes.