Österreich: Einmal Rendite rot-weiß, bitte!
In der Alpenrepublik eröffnen sich Investoren ganz neue Perspektiven. Während größere Staaten der Eurozone auch zwei Jahre nach der Finanzkrise noch mit deren Folgen kämpfen und ihre Wirtschaft nur mühsam auf Touren bekommen, befindet sich Österreich wieder auf einem robusten Wachstumskurs.
Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Martin Luther, Konrad Zuse - alles große Deutsche. Der 2003 vom ZDF gestartete Versuch, Sigmund Freud als Begründer der Psychoanalyse und Mozart ebenfalls in die Liste berühmter Persönlichkeiten einzugliedern, endete mit einem Aufschrei in Österreich. Damals titelten die Magazine: "Deutsche wollen unseren Mozart klauen!" Die Empörung ob der gezielten Provokation war groß. Derlei Geplänkel zwischen Deutschen und Österreichern hat Tradition, ebenso die zahllosen Vorurteile den jeweiligen Nachbarn betreffend.
Finanzkrise überwunden
Jenseits aller Ressentiments eröffnen sich Investoren aber ganz neue Perspektiven auf die Alpenrepublik. Während größere Staaten der Eurozone wie etwa Frankreich oder Italien auch zwei Jahre nach der Finanzkrise noch mit deren Folgen kämpfen und ihre Wirtschaft nur mühsam auf Touren bekommen, befindet sich die Alpenrepublik wieder auf einem robusten Wachstumskurs.
2010 stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut Österreichischer Nationalbank um 2,1 Prozent (Frankreich 1,6 Prozent, Italien 1,3 Prozent), nach einem Minus von 3,9 Prozent 2009. Für das laufende Jahr erwartet Raiffeisen Capital Management sogar ein Plus von 2,5 Prozent. Motor hinter dem Konjunkturaufschwung bleibt der Export, der rund die Hälfte zur gesamten Wirtschaftsleistung beisteuert und der 2010 annähernd wieder das Niveau von vor der Krise erreicht hat.
Neben Deutschland, dem mit Abstand wichtigsten Handelspartner Österreichs, fällt den osteuropäischen Ländern eine wichtige Rolle zu. "Österreich unterhält enge Wirtschaftsbeziehungen nach Osteuropa und profitiert vom dortigen Aufschwung", so Günther Schmitt.
Der Fondsmanager des Raiffeisen Österreich Aktien rechnet mit Impulsen vor allem aus Rumänien, denn „dort kommt die Wirtschaft jetzt erst wieder richtig in Gang". Auch Polen erachtet er als stark: "Das Land ist selbst während der Finanzkrise nicht in die Rezession gerutscht."
Aktienmarkt nach Rallye auf Konsolidierungskurs
Vor dem Hintergrund des robusten Konjunkturaufschwungs erstaunt die letztjährige starke Kursentwicklung an der Börse in Wien kaum. 2010 schraubte sich der Leitindex ATX um 16,4 Prozent in die Höhe und ließ damit den DAX im direkten Vergleich um mehr als drei Prozentpunkte hinter sich. Im laufenden Börsenjahr haben sich die Vorzeichen allerdings umgedreht. Nicht nur weist der ATX bislang ein Minus von rund 6,5 Prozent auf. Gegenüber dem DAX (+ 3,5 Prozent seit 01. Januar 2011) ist die Schere auf zehn Prozentpunkte gestiegen. "Wir sind selbst von der Kursentwicklung in den letzten Monaten enttäuscht", räumt Schmitt ein.
Österreichische Aktien sind billig
Die Underperformance eröffnet Anlegern nun aber Chancen, denn „der österreichische Aktienmarkt ist mit einem aktuellen KGV von 12 günstig bewertet". Schmitt favorisiert unter anderem die Immobilienbranche. "Immobilienaktien werden im Schnitt 30 Prozent unter ihrem Net-Asset-Value gehandelt und sind damit so günstig wie sonst nirgendwo." Gut gefällt ihm auch der Mineralölkonzern OMV, dessen Aktien lange unter einer Kapitalerhöhung litten und die nun mit einem KGV von unter 6 gehandelt werden. "OMV ist die vielleicht günstigste Aktie in Österreich." Nach der erfolgreichen Platzierung bestehe bei dem Papier erhebliches Aufwärtspotenzial.
AT&S: Auf Rekordkurs
Der österreichische Leiterplattenhersteller AT&S (WKN 922 230) hat ebenfalls massiv in seine Fertigungskapazitäten investiert und will im Juni ein weiteres Werk in Schanghai in Betrieb nehmen. Der Ausbau ist dringend geboten, denn das Geschäft brummt. Vor wenigen Wochen meldete der Konzern für sein Abschlussquartal im Geschäftsjahr 2010/11 einen Rekordumsatz von 123 Millionen Euro. Im Gesamtjahr erlöste das Technologieunternehmen, dessen Platinen auch in Smartphones und Tablet-PCs verbaut werden, 488 Millionen Euro und damit mehr als vor Ausbruch der Finanzkrise. Dass das Wachstum nicht zu Lasten des Gewinns ging, belegt die auf 9,5 Prozent gestiegene EBIT-Marge. AT&S-Chef Andreas Gerstenmayer sieht besonders bei Tablets großes Wachstumspotenzial.
"Der Tablet-Markt ist für uns eine große Chance", so Gerstenmayer. "Dass wir auf diesem Gebiet Weltmarktführer sind, haben wir bereits eindrucksvoll am Smartphone-Markt bewiesen." Für das laufende Geschäftsjahr 2011/12 rechnet Gerstenmayer mit einem Umsatzanstieg auf 535 bis 550 Millionen Euro und einer EBIT-Marge um die neun Prozent. Analysten trauen der Firma im Schnitt einen Gewinn von 1,63 Euro pro Aktie zu. Daraus errechnet sich ein attraktives KGV von gerade einmal 8,5.
Voestalpine: Abgekocht
Kein Rekordergebnis, mit annähernd elf Milliarden Euro immerhin aber den zweithöchsten Umsatz in der Firmengeschichte, verzeichnete der Stahlkocher und Stahlhersteller Voestalpine (WKN 897200). Der Konzern profitierte dabei vor allem von der hervorragenden Nachfragesituation in den Segmenten Automobil, Energie, Maschinenbau und Konsumgüter. Für 2011/12 rechnet das Management mit einer weiteren deutlichen Verbesserung des Ergebnisses. Vor diesem Hintergrund dürfte es nicht lange dauern, bis die Aktie den längerfristigen Widerstand bei 37,50 Euro knackt.
Kapsch TraficCom: Spurtreue
Ebenfalls ein Investment wert ist die Aktie von Kapsch TraficCom (WKN A0M UZU), einem Anbieter von Lösungen für eine intelligente Verkehrsführung. Zum Standardrepertoire des Unternehmens zählen Mautsysteme ebenso wie Stadtverkehrs- und Telematiktechnologien.
Kapsch TraficCom hat im Wirtschaftsjahr 2010/11 den Umsatz um 80 Prozent auf den historischen Höchstwert von 389 Millionen Euro ausgeweitet und dabei das EBIT auf 49 Millionen Euro nahezu verdoppelt. Die Aussichten für das laufende Jahr bleiben günstig. So sollen unter anderem Mautsysteme in Südafrika und Polen implementiert und in Betrieb genommen werden. Die Bewertung der Aktien mit KGV 15 auf Basis der für 2011/12 erwarteten Gewinne eröffnet dem Titel Potenzial.
Erstklassige Kombination
Ein starker Exportsektor, die anziehende Binnennachfrage und ein flexibler Arbeitsmarkt - Österreich ist mehr als Alpenglüh'n und Hüttengaudi. Das Land bietet Anlegern auf der Suche nach attraktiv bewerteten Investments etliche Alternativen. Dass einer Umfrage zufolge mehr als 30 Prozent der Österreicher höchstens einmal am Tag lachen, passt schon eher ins (deutsche) Bild vom "Grantler". Da freut sich dann der "Piefke".
(Alle Werte Stand Ausg. 25/11 DER AKTIONÄR)
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