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Nokia: 1,00 oder 6,00 Euro - was ist die Aktie wirklich wert?

Florian Westermann

Die Nokia-Aktie steigt wie am Schnürchen. Seit dem Tief Mitte Juli konnten Anleger rund 75 Prozent an Wertzuwachs einfahren. Hat die Aktie ihren Zenit damit bereits überschritten? Oder kann die Aktie noch weiter steigen – und wenn ja, wie weit noch? DER AKTIONÄR gibt Antworten.

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27 Klingeltöne, SMS-, Daten- und Fax-Funktion sowie eine herausziehbare Antenne: Mit solchen Innovationen konnte das Nokia 2100 mehr als 20 Millionen Käufer begeistern. Es folgten das Kult-Handy-Spiel "Snake", austauschbare Handyschalen und die Eingabehilfe T9 - zugleich wanderte die Antenne ins Gehäuse. Egal ob auf dem Schulhof, beim Geschäftsessen oder beim Blind Date: Wer "in" sein wollte, kam an einem Nokia-Handy nicht vorbei. Das war zumindest in den 1990er Jahren noch so.

Microsoft soll die Trendwende bringen

Die Geschichte danach ist schnell erzählt. Bis vor Kurzem war Nokia noch die Nummer 1 im Handymarkt. Doch der Abstieg war abzusehen. Mitte 2007 kam Apple mit dem iPhone auf den Markt, 2008 folgte das erste Android-Smartphone. Und Nokia? Die zuvor so kreativen Finnen haben den Trend zum Smartphone komplett verschlafen und spielen heute in dem lukrativen Segment kaum noch eine Rolle. Die Trendwende soll eine Kooperation mit Microsoft bringen. Dem eigenen mobilen Betriebssystem Symbian wurde der Sargnagel eingeschlagen, der neue Heilsbringer ist Windows Phone. Bislang aber ohne großen Erfolg.

Android weit vorne

Laut den Marktforschern von IDC schoss der Android-Marktanteil im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr von 46,9 Prozent auf 68,1 Prozent in die Höhe. Apples Marktanteil gab indes von 18,8 auf 16,9 Prozent nach. Immerhin: Windows Phone kam auf einen Anteil von 3,5 Prozent (Vorjahr: 2,3 Prozent). Nokia verkaufte 10,2 Millionen Smartphones, vier Millionen davon aus der wichtigen Lumia-Serie. Zum Vergleich: Samsung hat Schätzungen zufolge rund 50 Millionen Smartphones verkauft, Apple kam auf 26 Millionen iPhones.

Auf Talfahrt

An der Nokia-Aktie ist diese Entwicklung nicht spurlos vorübergegangen. Während der Titel im Jahr 2000 im Hoch 65 Euro kostete, gingen die Papiere noch vor Kurzem für 1,33 Euro über den Tisch. Inzwischen ist die Aktie deutlich angesprungen und hat die Marke von zwei Euro hinter sich gelassen. Doch was ist die Aktie wirklich wert? Darüber streiten selbst die Analysten. Während Independent Research das Kursziel erst kürzlich auf 1,00 Euro gesenkt hat, rät Silvia Quandt Research zum Kauf mit einem Kursziel von 6,00 Euro.

Vier Milliarden in der Kasse

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass Nokia im Vergleich zu Apple und Google deutlich zurückgefallen ist - sowohl beim Umsatz als auch bei der Rentabilität. Während bei den Kontrahenten die Kassen nur so klingeln - Apple dürfte im laufenden Geschäftsjahr (per 30. September) unter dem Strich umgerechnet über 33 Milliarden Euro und Samsung rund 20 Milliarden Dollar verdienen, dürfte bei Nokia ein Verlust von 1,3 Milliarden Euro anfallen. Während Apple mit 470 Milliarden Euro und Samsung mit 143 Milliarden Euro bewertet werden, wird Nokia lediglich eine Marktkapitalisierung von rund neun Milliarden Euro zugesprochen. Das ist umso erstaunlicher, als dass Nokia zuletzt noch vier Milliarden Euro in der Firmenkasse hatte.

30.000 Patente

Hinzu kommen die rund 30.000 Patente, die Nokia jährliche Einnahmen von rund 500 Millionen Euro bescheren. Experten schätzen den Wert des Portfolios auf fünf bis acht Milliarden Euro. Erst im Sommer 2011 hat ein Konsortium um Apple 6.000 Patente des bankrotten Telekomausrüsters Nortel gekauft. Der Preis damals: umgerechnet 3,7 Milliarden Euro.

Unter Berücksichtigung der Nettoliquidität mit einem Abschlag von zwei Milliarden Euro und einem mittleren Wert des Patentportfolios (6,5 Milliarden Euro) wären die Marktkapitalisierung bereits abgedeckt.

Reichlich Fantasie

Für reichlich Fantasie sorgt zudem der Start von Windows Phone 8 - der neuesten Generation von Microsofts mobilem Betriebssystem. Gerüchten zufolge wird Nokia die ersten Smartphones mit dem Betriebssystem auf der Firmenmesse Nokia World vom 5. bis 6. September vorstellen. Hierauf ruhen auch die Hoffnungen der Anleger. Sollte es Nokia gelingen, die Lumia-Verkäufe jährlich nur um 30 Prozent zu steigern, würden die Finnen schon in einer ganz anderen Liga spielen und 2016 pro Quartal über elf Millionen Lumia-Smartphones absetzen. Aus der Luft gegriffen ist diese Zahl keineswegs. Immerhin rechnen die Experten von IDC damit, dass sich die Zahl der Windows-Phone-Verkäufe zwischen 2012 und 2016 jährlich um gut 46 Prozent erhöhen wird. Der Marktanteil würde damit von 5,2 Prozent auf 19,2 Prozent steigen. IDC verwies dabei auf die hohe Nachfrage nach Nokias Lumia-Modellen insbesondere in aufstrebenden Märkten. Zu der reichlich vorhandenen Fantasie kommt der Wert der Marke Nokia, den die Marktforscher von Interbrand auf 25 Milliarden Dollar schätzen.

Kursziel 3,30 Euro

Auf mittlere Sicht sollte Nokias Marktkapitalisierung auf mindestens 15 Milliarden Euro steigen. Das Kursziel läge damit bei 4,00 Euro. Aus charttechnischer Sicht muss jedoch erst die Marke von 3,30 Euro überwunden werden - hier lauert die 200-Tage-Linie. Das ist auch das vorläufige Kursziel.

Notfallplan und Gerüchte

Sollten doch alle Stricke reißen, dürfte Nokia schnell ins Visier des einen oder anderen Kontrahenten rücken. Nicht umsonst hat es zuletzt immer wieder Übernahmegerüchte gegeben. Unter anderem soll der Partner Microsoft ein Auge auf Nokia geworfen. Microsoft hat schließlich schon einmal den Retter in der Not gespielt: 1997 hat der von Bill Gates gegründete Konzern ausgerechnet dem Erzrivalen Apple wieder auf die Beine geholfen. Man sagt zwar, Geschichte wiederholt sich nicht. Eine andere Weisheit besagt allerdings: Ausnahmen bestätigen die Regel. Soweit muss es aber gar nicht kommen: In einer Fernseh-Talkshow sprach der Nokia-Aufsichtsratschef Siilasmaa über die angespannte Lage seines Unternehmens. Dabei überraschte vor allem die Aussage, dass der finnische Konzern einen Notfallplan habe, falls man weniger Geräte mit dem Betriebssystem Windows Phone 8 verkaufen kann als erhofft.

Apple, Commerzbank, Nokia, Volkswagen und Co: Der große Favoriten-Check

In der aktuellen Ausgabe hat DER AKTIONÄR sechs bei deutschen Investoren besonders beliebte Aktien herausgefiltert - Apple, Commerzbank, Nokia, Sky Deutschland, Solarworld, Volkswagen - und mit auf die einzelnen Firmen zugeschnittenen Bewertungsmodellen einen fairen Kurs ermittelt. Die Überraschung: Fünf der Aktien besitzen teilweise noch erhebliches Kurspotenzial - bei einem Wert sollten Anleger aber aussteigen. Wo man zugreifen und welchen Wert man meiden sollten, lesen Anleger in der aktuellen Ausgabe vom AKTIONÄR, die hier schon bequem per E-Paper heruntergeladen werden kann.

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