Thorsten Küfner
Der niederländische Finanzriese ING dürfte bald die letzten ausstehenden Staatshilfen zurückzahlen. Danach wäre eine Neubewertung des hochprofitablen Unternehmens notwendig.
Der Finanzkonzern ING galt lange Zeit als ein Muster an Solidität. Im Zuge der Finanzkrise mussten allerdings auch die Niederländer mit Staatsgeldern in Höhe von zehn Milliarden Euro sowie Garantien von 27,7 Milliarden Euro gerettet werden, nachdem der erste Verlust in der Firmengeschichte ausgewiesen worden war. In den darauffolgenden Jahren hat die ING Groep jedoch rasch wieder zu alter Ertragsstärke zurückgefunden. Dies bewiesen jüngst die vorgelegten Zahlen für das erste Quartal.
Gewinn massiv gesteigert
So gelang es dem Konzern aus Amsterdam, den um Sondereffekte bereinigten Gewinn um 62 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro zu steigern. Mit diesem Ergebnis übertraf die Gesellschaft die Analystenschätzungen deutlich. Die Banksparte profitierte vor allem von höheren Erträgen sowie einer im Jahresvergleich von 497 auf 332 Millionen Euro gesunkenen Risikovorsorge. Sehr stark entwickelte sich auch das Versicherungssegment. Hier wirkten sich niedrigere Kosten bei deutlich höheren Gebühren- und Provisionseinnahmen positiv auf das Vorsteuerergebnis aus, das fast vervierfacht werden konnte, allerdings von einem relativ schwachen Niveau aus.
Versicherungsgeschäft fliegt raus
Darüber hinaus zeigte sich Konzernchef Jan Hommen mit der Entwicklung des einstigen Sorgenkindes, der Versicherungssparte, sehr zufrieden. Neben der positiven Geschäftsentwicklung im Auftaktquartal läuft es auch bei der Aufspaltung des Bereichs in die Teile USA und Europa & Asien rund. Hommen betonte: „Bei der Umstrukturierung liegen wir voll im Plan." Die beiden neuen Gesellschaften sollen jeweils an die Börse gebracht werden, die EU-Kommission hatte die Trennung von Bank- und Versicherungsgeschäft damals zur Auflage zur Genehmigung der Staatshilfen gemacht.
Was mit den Erlösen aus dem Börsengang wird, ließ die ING-Führung bislang noch offen. Einige Experten rechnen damit, dass die ING ihre ohnehin schon relativ starke Stellung im Bankgeschäft durch Zukäufe weiter stärken könnte.
Staatshilfen werden getilgt
Neben der Bekanntgabe der Quartalszahlen waren die Marktteilnehmer vor allem gespannt auf die Aussagen von Hommen zur angedachten Rückzahlung der Staatshilfen. Er erklärte, dass bis Mitte Mai weitere zwei Milliarden Euro zurückgezahlt werden. Damit muss die ING nur noch drei Milliarden Euro an den Staat überweisen, um die erhaltenen Staatshilfen inklusive üppiger Zinsen komplett zurückerstattet zu haben. Den Restbetrag will der Finanzriese bis spätestens Mai 2012 an den Staat überweisen.
Sobald der letzte Euro an den Steuerzahler zurückgeflossen ist, darf die ING ihren Aktionären wieder eine Dividende ausschütten. Vor dem Hintergrund, dass die Niederländer vor der Finanzkrise etwas mehr als ein Drittel des Gewinns pro Aktie ausgezahlt hatten, ergäbe sich bei nahtloser Fortführung dieser Praxis eine attraktive Dividendenrendite von rund sechs Prozent. Zudem dürfte ein vom Staat freier Finanzkonzern an den Märkten nicht mehr mit einem derart hohen Abschlag zur Peergroup gehandelt werden wie derzeit die ING-Aktie.
Klar unterbewertet
Die Aussichten für eine ING, die sich bald vom Staat freigekauft hat, sind hervorragend. Mit den Erlösen aus dem Verkauf der Versicherungssparte könnte die Marktmacht im Bankenmarkt weiter ausgebaut werden. Weiter steigenden Gewinnen und einer Wiederaufnahme der üppigen Dividendenzahlungen steht dann wohl nichts mehr im Weg. Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Bewertung mit einem KGV von 6 viel zu niedrig.