Steffen Eidam
Immer mehr Menschen können sich Luxusgüter leisten. Dank der glänzenden Wachstumsaussichten steigt auch die Übernahmefantasie in der Branche. DER AKTIONÄR gibt einen Überblick.
Krise? Welche Krise? Der Absatzeinbruch in der Luxusgüterbranche im Jahr 2009 ist längst passé. 2010 haben die Unternehmen aus dem Segment alle unschönen Erinnerungen mit einem durchschnittlichen Umsatzwachstum von 15 Prozent ausgelöscht. Beim Blick auf die Aktienkurse wird schnell klar: Die Luxusbranche boomt.
Und das liegt nicht nur an der aktuell hohen Nachfrage, sondern auch an den glänzenden Zukunftsaussichten der Konzerne. In den Schwellenländern, allen voran in China, ist das Verlangen nach teuren Uhren, exklusiver Mode oder edlem Schampus kaum zu stillen. In diesen Regionen wächst eine solvente Bevölkerungsschicht heran, deren Nachholbedarf scheinbar keine Grenzen kennt. Dies unterstreicht auch eine Studie von Goldman Sachs, wonach sich die Zahl der kaufkräftigen Personen bis zum Jahr 2025 auf insgesamt 1,3 Milliarden verdoppeln soll. Allein 200 Millionen entfallen auf China.
Der Geldbeutel sitzt lockerer denn je – sowohl bei den Kunden als auch bei den Unternehmen. Die Luxusgüterbranche positioniert sich derweil für die nächste Aufschwungphase. Dabei halten die Nobelkonzerne Ausschau nach attraktiven Verstärkungen. Das Übernahmekarussell dreht sich bereits auf Hochtouren.
LVMH: Appetit auf mehr
Auslöser der jüngsten Übernahmefantasie im Sektor ist Branchenprimus Moët Hennessy Louis Vuitton, kurz LVMH. Wieder einmal. Die Franzosen, unter deren Dach zahlreiche Edelmarken wie Christian Dior, TAG Heuer oder die gleichnamige Louis Vuitton firmieren, haben in den letzten Jahren mehr als 20 Konkurrenten geschluckt. Zuletzt hat sich der umtriebige Firmenlenker Bernard Arnault den Traditionskonzern Bulgari einverleibt. Für die Italiener legte er rund 3,7 Milliarden Euro auf den Tisch – das entspricht etwa dem 3,5-Fachen des Umsatzes. Dass dieser Preis keineswegs zu hoch war, belegen andere Übernahmen in der Branche. So musste die spanische Puig für das 45-Prozent-Paket an Jean-Paul Gaultier (im Besitz von LVMH) das 3,9-Fache des Umsatzes hinlegen. Der Milliardär Reimann dürfte bei der Edelschuhmarke Jimmy Choo kaum günstiger zum Zug gekommen sein. Auch aus strategischer Sicht sollte sich die Übernahme von Bulgari auszahlen: LVMH steigt damit zu einem führenden Anbieter im Schmuck- und Uhrensegment auf. Sorgen um das nötige Kleingeld müssen sich die erfolgsverwöhnten Franzosen ohnehin nicht machen. Im vergangenen Jahr zog der Nettogewinn um 73 Prozent auf über drei Milliarden Euro an. Der Branchenprimus lieferte zudem einen äußerst optimistischen Ausblick auf das laufende Jahr.
Hermès: War’s das schon?
Bis zum Herbst 2010 konnte der Luxusgüterkonzern Hermès schalten und walten, wie er wollte. Dann kaufte sich LVMH in die Familiendynastie des französischen Rivalen ein. Mittlerweile beträgt der Anteil schon 20 Prozent. Den Beteuerungen von LVMH-Boss Arnault, dass keine Zukäufe folgen sollen, schenkt man bei Hermès wenig Glauben. Im Gegenteil: Zur Abwehr des Konkurrenten lässt der wesentlich kleinere Wettbewerber kein Mittel aus. So sollen die Aktionäre 830 Millionen Euro an Dividenden erhalten. Außerdem hat die Familie Hermès die Gründung einer Holding angekündigt, in welcher mehr als 50 Prozent des Aktienkapitals gebündelt werden sollen. Ob sich der übermächtige Konkurrent von alledem einschüchtern lässt, sei jedoch dahingestellt. Hermès ist trotz der mittlerweile ambitionierten Bewertung ein Sahnestückchen. Im vergangenen Jahr steigerte der Konzern seine Erlöse um knapp 20 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro. Nach Steuern lag die Gewinnmarge bei vornehmen 18 Prozent.
Richemont: Stark im Web
Mit Richemont dürfte auch die weltweite Nummer 2 ihre Einkaufstour zeitnah fortsetzen. Der Schweizer Konzern, dessen Aushängeschild die Uhren- und Schmuckmarke Cartier ist, glänzt ebenfalls mit steigenden Margen und sitzt auf einer prall gefüllten Übernahmeschatulle von 2,2 Milliarden Euro. Für frischen Schwung sorgt der im Jahr 2010 geschluckte Online-Retailer Net-à-porter. Im Geschäftsjahr 2010/11 verbesserte sich der Gewinn um außergewöhnliche 79 Prozent auf 1,08 Milliarden Euro bei einem Umsatzplus von 33 Prozent. Das Papier befindet sich nicht umsonst auf der „Conviction Buy List“ von Goldman Sachs.
Traditionsmarken im Visier
Als potenzielle Übernahmekandidaten kommen eine Reihe von namhaften Labels infrage. Ganz oben auf der Liste der „gefährdeten“ Unternehmen steht der britische Edelschneider Burberry, der 2010 seinen Gewinn von 93 auf 240 Millionen Euro überproportional gesteigert hat. Burberry-Chefin Angela Ahrendts möchte die Investitionen im laufenden Jahr daher auf 230 Millionen Euro verdoppeln. Aber auch der Schmuckhändler Tiffany & Co sowie der italienische Schuh-Papst Tod’s könnten sich schon bald in Übernahmeverhandlungen befinden. Letzterer hat 2010 ein neues Rekordergebnis erzielt. Demnach kletterte der Gewinn um 29 Prozent auf 160 Millionen Euro. Tod’s-Gründer Diego Della Valle stellte ferner auch für 2011 ein starkes Wachstum in Aussicht.
Qualität hat seinen Preis
Schnäppchen sind unter den Luxusfirmen keine zu finden. Dennoch dürfte sich vor dem Hintergrund der enormen Wachstumsaussichten insbesondere in China der Einstieg gerade für mittel- bis langfristig orientierte Anleger lohnen. Dabei besticht LVMH vor allem durch die große Dichte an renommierten Marken und eine Preissetzungsmacht in nahezu allen Sparten. Richemont punktet darüber hinaus im Online-Segment, während Anleger bei Hermès, Tod’s, Tiffany oder Burberry die Übernahmekarte spielen können.