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"Dumm oder gierig" - Bestseller-Autor Geraint Anderson im Interview

Sebastian Grebe, Leon Müller

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Der ehemalige Investmentbanker Geraint Anderson sprach mit dem AKTIONÄR über die aktuelle Krise und seinen Bestseller "Cityboy". Er beschreibt Trinkgelage, Korruption und Spesenrittertum ebenso wie die maßlose Gier, die seiner Ansicht nach die Ursache der aktuellen Krise des Finanzsystems ist.

Der ehemalige Investmentbanker Geraint Anderson sprach mit dem AKTIONÄR über die aktuelle Krise und seinen Bestseller "Cityboy". Er beschreibt Trinkgelage, Korruption und Spesenrittertum ebenso wie die maßlose Gier, die seiner Ansicht nach die Ursache der aktuellen Krise des Finanzsystems ist.

Mit seinem Buch „Cityboy“ (weitere Informationen zum Buch) tritt der ehemalige Londoner Investmentbanker Geraint Anderson vielen alten Kollegen auf die Füße. Er beschreibt Trinkgelage, Korruption und Spesenrittertum ebenso wie die maßlose Gier, die seiner Ansicht nach die Ursache der aktuellen Krise des Finanzsystems ist. DER AKTIONÄR hat mit ihm gesprochen.

DER AKTIONÄR: Mr. Anderson, Sie sind der Autor des aktuellen Sunday-Times-Bestsellers „Cityboy“. Wer oder was ist ein „Cityboy“?

Geraint Anderson: Ganz grundlegend ist ein Cityboy ein männliches Wesen, das im Londoner Finanzbezirk arbeitet – eben in der sogenannten City. Genauer betrachtet beschreibt der Begriff einen bestimmten Typ Mensch – einen egoistischen, lauten, unausstehlichen Mann, der einen Sportwagen fährt, kistenweise Champagner trinkt und Striptease-Bars besucht. Ich mag den Begriff, denn letzten Endes sind es nur Jungs auf dem Spielplatz, die damit angeben, wie toll sie sind – aber eben Jungs, die mehrere hunderttausend Pfund im Jahr verdienen.

Sehen Sie sich als Verräter an Ihren ehemaligen Kollegen?

Der ehemalige Investmentbanker Geraint Anderson hat mit "Cityboy" einen Bestseller geschrieben.

Ich sehe mich nicht so, aber einige meiner alten Kollegen sind sicherlich dieser Meinung. Die City ist ein geschlossener Zirkel mit bestimmten Regeln. Ich werde als jemand wahrgenommen, der das ungeschriebene Schweigegebot gebrochen hat. Manche meiner alten Kollegen meinen, ich habe die Hand gebissen, die mich fütterte. Sie hat es verdient, gebissen zu werden!

Wie fühlen Sie sich heute, wenn Sie in die City kommen? Wie werden Sie behandelt?

Ich werde ein wenig nostalgisch, aber hauptsächlich bin ich sehr erleichtert, dass ich dort nicht mehr mein Leben verschwende. In den Kneipen geben mir manche Leute die Hand und gratulieren mir, andere sagen, ich bin ein Arschloch. Zum Glück habe ich ein dickes Fell, sonst hätte ich auch dieses Buch nicht schreiben können.

„Cityboy“ erwachte zum Leben als Sie das Angebot bekamen, eine wöchentliche Kolumne über den Finanzdistrikt zu schreiben. Wie kam das?

Das war ganz unspektakulär. Ein Freund von mir ist stellvertretender Chefredakteur des „thelondonpaper“. Eines Tages fragte er mich, ob ich über die City schreiben wolle. Ich sagte unter der Bedingung zu, dass ich anonym bleiben würde. So konnte ich gleichzeitig die Wahrheit schreiben und meinen Job behalten.

Sie beschreiben die Schattenseiten der Finanzwelt. Wie kam es, dass Sie zum Teil dieser Welt wurden?

Mein Bruder (der mittlerweile Priester ist!) verschaffte mir ein Vorstellungsgespräch bei einer Investmentbank, deren Kunde er war. Damals war ich ein langhaariger Hippie. Ich hatte jede Menge Ohrringe und befasste mich im Studium mit den 68er-Aufständen in Paris. Eigentlich hatte ich vor, die kommenden fünf Jahre um die Welt zu reisen, Schmuck zu verkaufen und das Leben zu genießen. Ich weiß bis heute nicht, ob ich meinem Bruder danken oder ihn vermöbeln soll.

Als Sie dann im Finanzgeschäft anfingen, waren Sie ein kompletter Anfänger. Wie ging das gut?

In der City war wichtig, wen man kannte, nicht, was man konnte, um einen Job zu bekommen. Mein Gegenüber im Vorstellungsgespräch wollte meinem Bruder einen Gefallen tun und gab mir eine Chance. Ich kann überzeugend lügen, ich habe ein recht analytisches Gehirn und ich kann trinken – das sind die drei wichtigsten Anforderungen für einen Job in der City.

Was sind Ihre ersten Erinnerungen an Ihren neuen Job?

Die erste Bank, in der ich arbeitete, war randvoll mit Kampftrinkern, die nicht allzu hart zu arbeiten schienen. Ich war schockiert von den Wertvorstellungen der meisten, hauptsächlich, dass Geld alles im Leben ist. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich nach fünf Jahren aufhören würde, um etwas Schöneres mit meinem Leben anzustellen.

Was beeindruckte Sie als Neuling in der City am meisten?

Das, was die meisten beeindruckt: Wie viel Geld man wie schnell verdienen kann! Die Alkoholgelage, die Stripbars und die teuren Essen auf Spesenquittung waren auch in Ordnung.

Wann änderte sich „beeindruckt sein“ in Abneigung?

Ich war nie so wirklich „beeindruckt“ sondern hatte von Anfang an genug negative Gefühle. Die City war voll mit gnadenlosen, gierigen Ellenbogentypen, die die anderen Londoner mit ihrem exzessiven Konsumgebaren gegen sich aufbrachten. Allerdings verdiente ich innerhalb von fünf Jahren 400.000 Pfund im Jahr. Aber mit der Zeit wollte ich immer stärker da weg.

Warum?

Wirklich schlimm wurde es in den letzten fünf Jahren. Da wurde die City mehr und mehr zu einem Wildwestcasino, randvoll mit Halbkriminellen, die um jeden Preis das schnelle Geld machen wollten und sich einen Dreck um die Konsequenzen ihres Tuns scherten. Diesen Aspekt möchte ich herausstellen.

Gibt es rückblickend einen Punkt, an dem Sie alles anders machen würden, wenn Sie könnten?

Ich halte nichts von nachträglichem Bedauern. Vielleicht wünsche ich mir, dass ich nicht ganz so gierig und konkurrenzbetont und geldgeil geworden wäre, aber so wird man, wenn man in der City arbeitet. Ich denke, dass ich den Absprung zur rechten Zeit geschafft habe. Wenn ich mir anschaue, was aus der City geworden ist, dann bin ich froh, dass ich es getan habe.

"Cityboy" erscheint am 30. März 2009 bei der Börsenmedien AG, 296 Seiten, gebunden / Schutzumschlag, ISBN: 9783938350881 (für weitere Informationen bitte ins Bild klicken)

Ihr Buch „Cityboy“ ist ein Besteller. Können Sie sich vorstellen, warum dieses Buch aktuell so viele Menschen interessiert?

Die Kreditkrise hat natürlich das allgemeine Interesse auf die Banker und die City gelenkt. Die Leute möchten wissen, wie es zu einer Situation kommen konnte, in der Investmentbanken eine Rezession geschaffen haben, die weltweit noch für viel Elend sorgen wird. Ich hoffe und denke, dass man mein Buch in einigen Jahren vielleicht als historisches Dokument betrachten wird, das zumindest eine Ahnung davon gibt, welche Geisteshaltung in der Zeit allgegenwärtig war, die Gordon Brown als „Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ bezeichnete.

Sehen Sie einen Teil der Schuld auch bei Ihren alten Kollegen?

Natürlich! Zusammen mit ihren Brüdern an der Wall Street haben sie das weltweite Finanzsystem mit mehr als einer Billion Dollar toxischer Kredite infiziert, die hauptsächlich durch US-Hypotheken abgesichert waren. Von diesen hätten einige nur zurückgezahlt werden können, wenn die Immobilienblase ewig weitergewachsen wäre. Da das in einer zyklischen Welt unmöglich ist, waren die Leute, die diese Kreditpakete schnürten und verkauften entweder sehr dumm oder bösartig und gierig. Ich denke, das Letztere ist der Fall.

Sehen Sie die Krise mit Bedauern oder mit einer gewissen Befriedigung?

Ich sehe die Situation mit Bedauern. Auf der einen Seite ist es nicht schlecht, dass die Banker einmal einen Klaps auf die Finger bekommen und dass die Leute vor Augen geführt bekommen, wie sehr die City und die Wall Street zu Casinos verkommen waren. Aber ich wünsche mir natürlich nicht, dass Menschen ihren Job verlieren. Unter dieser Krise werden zu viele Menschen leiden, als dass man sich darüber freuen könnte.

Glauben Sie, dass die Ära der „Cityboys“ nun vorbei ist?

Ich denke, dass die Exzesse für ein paar Jahre gezügelter ablaufen werden, auch wenn einige immer noch Ferraris kaufen und für ein Essen 2.000 Pfund ausgeben werden. Allerdings hoffe ich, dass es zu einem Wandel im Denken kommt und immer weniger Leute der „Gier ist gut“-Mentalität anhängen. Dann wäre es auch nicht mehr so „cool“, uns gegenseitig mit unseren teuren Autos oder Anzügen beeindrucken zu wollen. Aber es wird immer Idioten geben, die glauben, das ist alles, was zählt.

Was haben Sie für Pläne?

Ich genieße es, zu schreiben und zu reisen und werde das auch die nächsten Jahre tun. Gerade bin ich dabei einen Roman fertig zu machen, der in der City spielt. Es geht um Geldwäsche und um mich, wie ich vor Killern flüchte, die mir kolumbianische Drogenbosse auf den Hals gehetzt haben. Möglich, dass dieses Buch ein klein wenig mehr Fiktion enthält als das aktuelle.

Sehen Sie sich noch als Teil der Finanzwelt?

In vielerlei Hinsicht bin ich es nur in dem Ausmaß, wie es jeder von uns ist. Allerdings arbeite ich nun auch oft als Kommentator zum Thema. Deswegen sorge ich natürlich dafür, dass ich auf dem Laufenden bin, um eine kompetente Meinung zu haben. Ich halte auch den Kontakt zu denjenigen Ex-Kollegen, die noch mit mir reden. So komme ich immer noch an die Sichtweisen von City-Insidern.

Was denken Sie über die aktuelle Situation an den Aktienmärkten? Wie sollten Sie Anleger verhalten?

Ich denke, dass nun auf Sicht von drei bis fünf Jahren ein guter Zeitpunkt ist, um Aktien zu kaufen. Viele andere Anlageklassen bringen nur sehr niedrige Renditen, und ich denke, das Restrisiko an den Aktienmärkten liegt bei zehn Prozent. Das ist meine Meinung – aber nehmen Sie bitte keine Ratschläge von mir an.

Haben Sie dennoch eine speziellere Empfehlung, was unsere Leser derzeit tun sollten?

Ich möchte jetzt nicht wie ein Unbelehrbarer klingen. Wenn ich müsste, dann würde ich empfehlen Aktien von soliden Blue-Chip-Unternehmen zu kaufen, die über einen guten Cashflow verfügen und zusammen mit dem Markt stark zurückgekommen sind. Die gewählten Unternehmen sollten allerdings sehr defensiv sein. Lustigerweise finden sich in meinem alten Sektor, also bei den Versorgern, etliche dieser Unternehmen. Was ich aktuell meiden würde, sind Finanzwerte – die sind sogar mir zu heiß!

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