Werner Sperber
General Motors (GM) hat Zahlen für das dritte Quartal herausgebracht. Die Daten für dieses Rumpfquartal entsprechen aber nicht dem Standard der Berichte vor der Insolvenz, denn GM ist nicht mehr börsennotiert. Nach einer solchen Präsentation sollten eigentlich die meisten Fragen zur Zukunft eines Konzerns beantwortet sein, nicht so im Fall GM. Dort gibt es ein vielstimmiges Konzert unzähliger Beteiligter aber keinen Plan, um Opel zu retten.
In Detroit, Washington D.C, Ottawa, Berlin, Brüssel, Den Haag, Rüsselsheim, Wiesbaden, Bochum, Düsseldorf, Kaiserslautern, Mainz, Eisenach, Erfurt, Antwerpen, Glattbrugg und in vielen anderen Städten mehr, sitzen unzählige Menschen, die zum Thema General Motors (GM) und Opel etwas zu sagen haben oder sich dazu berufen fühlen. Die Frage lautet: Wie geht es mit General Motors einschließlich Opel weiter? Die Antwort der einzig tatsächlich kompetenten Quelle, dem Management am Konzernsitz in Detroit, lautet: Wir machen grad einen Plan. Dass GM Opel alleine sanieren kann, weil sich die Geschäfte des US-Unternehmens im dritten Quartal besser entwickelt haben, als von den Konzern-Granden erwartet, ist eine Behauptung eines Teils dieser Manager. Wie die Sanierung zu bewerkstelligen ist, das ist scheinbar nicht so wichtig. Die GM-Führung sagte erst überraschend den Verkauf von Opel an Magna/Sberbank ab und ist erst jetzt dabei, einen Plan zu entwerfen, wie Opel gerettet werden könnte. Dabei ist auch die "neue" GM noch lange nicht über den Berg.
Es stottert flüssiger als erwartet
Zum 10. Juli hat GM das Insolvenzverfahren beendet. Von diesem Tag an bis zum Quartalsende am 30. September verkaufte die "neue" GM 1,97 Millionen Fahrzeuge, davon waren 306.000 Autos von der Marke Opel oder der britischen Schwestermarke Vauxhall. Der Absatz ist dabei von staatlichen Prämien in verschiedenen Ländern begünstig aber von der Weltwirtschaftskrise noch viel stärker belastet worden. Vor diesem Hintergrund hat GM allerdings den weltweiten Marktanteil mit Hilfe neuer Modelle auf 11,9 Prozent gesteigert. GM setzte in diesem Rumpfquartal 26,4 Milliarden Dollar um, erwirtschaftete einen operativen Verlust von mehr als einer Milliarde Dollar und einen Nettoverlust von 1,3 Milliarden Dollar. Nordamerika und Europa (Opel/Vauxhall 400 Millionen Dollar) sind die Regionen, in denen GM ein Minus erzielte, der Raum Asien/Pazifik brachte ein Plus. Die Zahlen fielen insgesamt besser aus, als von Experten geschätzt.
Fritz gegen Edward von Baracks Gnaden
Fritz Henderson sitzt derzeit noch auf dem wackeligen Stuhl des GM-Vorstandsvorsitzenden. Deutsche Regierungskreise und Opel-Gesamtbetriebsrats-Vorsitzender Klaus Franz würden allerdings dem von US-Präsident Barack Obama in den GM-Verwaltungsrat entsandten und zu dessen Vorsitzenden aufgestiegenen Edward Whitacre mehr Einfluss zubilligen. Henderson sieht zwar noch viel Arbeit und einen Verlust im vierten Quartal für GM aber auch ein solides Fundament. Henderson will die "neue" GM im nächsten Jahr 2010 an die Börse bringen und für die Sanierung von Opel Steuerzahlergeld aus den jeweiligen Staaten mit Opel-Standorten. Whitacre bremst die IPO-Pläne und erklärt, für die Rettung von Opel kein Geld der Steuerzahler zu benötigen.
Steuerzahler tilgt GM-Schulden an den Steuerzahler
Weil es nach Meinung der GM-Verantwortlichen gerade so gut läuft, sollen die staatlichen Darlehen aus den USA, Kanada und Deutschland teilweise viel schneller zurückgezahlt werden als erwartet. Deutschland hatte Opel 1,5 Milliarden Euro an Überbrückungskredit eingeräumt, von denen in der Spitze 900 Millionen beansprucht worden sind. Nun will GM die derzeitige Restschuld von 400 Millionen Euro bis Monatsende tilgen. Bund- und Länderfinanzminister können sich dabei bis zu insgesamt 26,8 Millionen Euro an Zinseinkünften teilen. Die US-amerikanischen sowie die kanadischen Steuerzahler haben GM insgesamt 6,7 Milliarden US-Dollar an Darlehen gewährt. GM möchte diese Schulden bis 2011 tilgen und dazu in jedem Quartal eine Milliarde Dollar an die US-Regierung und 200 Millionen Dollar an die kanadische Regierung zurückzahlen. GM tilgt dabei seine Schulden an den Steuerzahler auch mit Geld der Steuerzahler, denn dem Konzern steht noch ein Betrag von 13,4 Milliarden Dollar auf einem von der US-Regierung eingerichteten Treuhandkonto zur Verfügung. Insgesamt hat GM seit Anfang des Jahres 2005 mehr als 90 Milliarden Dollar an Verlusten angehäuft. Der US-Steuerzahler hat dem maroden Unternehmen rund 52 Milliarden Dollar überwiesen und dafür hat die US-Regierung 61 Prozent der Aktien der "neuen" GM erhalten. Sobald GM wieder an der Börse ist, würde die US-Regierung ihre Beteiligung schnell wieder abstoßen. Niemand scheint daran zu denken, dass die Rezession noch immer weltweit tobt. Sie wird einfach von Vielen ignoriert.
Aufgalopp der Politiker
Die Opel/Vauxhall-Rettung soll nach Angaben des "Wall Street Journal" 4,5 Milliarden Dollar kosten, wobei 1,5 Milliarden von GM und drei Milliarden Dollar von den Regierungen der Staaten mit Opel/Vauxhall-Standorten sowie den Arbeitnehmern dort kommen sollen. Experten rechnen mit einem doppelt so hohen Finanzbedarf, zumal Opel/Vauxhall nur mit neuen, sich gut verkaufenden Modellen überleben kann. Die Entwicklung eines einzigen neuen Modells kann dabei schon mal Milliardenkosten verursachen. Das größte Tohuwabohu und politische Geschrei herrscht dabei nach der Bundestagswahl in Deutschland über eine Staatshilfe. Die Absprachen der alten Bundesregierung würden dabei für die neue Bundesregierung nicht gelten, so eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums, die zugleich erklärte, ihr sei von einer Abmachung zwischen der neuen Bundesregierung und den vier Ministerpräsidenten der Länder mit Opel-Standorten nichts bekannt. So streiten sich die Politiker um Kanzlerin Merkel, Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle und die vier Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (Nordrhein-Westfalen, Landtagswahl im Mai 2010), Roland Koch (Hessen), Kurt Beck (Rheinland-Pfalz), Christine Lieberknecht (Thüringen) und viele, viele mehr, einträchtig ob und wenn ja welcher Steuerzahler seinen Geldbeutel zwangsöffnen muss. Auch EU-Industriekommissar Günter Verheugen schaltetet sich ein und bittet Politiker und den Opel-Europa-Chef Nick Reilly an den runden Tisch, um ihnen noch einmal zu sagen, dass jede Art von Staatshilfe zu Lasten der Opel/Vauxhall-Konkurrenten geht.
Viel Wind um nichts Börsennotiertes
Vom Imageschaden für Opel/Vauxhall und GM reden nur Branchenexperten. Dass noch immer kein Sanierungsplan von GM für Opel vorliegt, davon reden vor allem die Politiker, die vordergründig gegen Staatshilfen aus ihrem Haushalt sind. Dass für einen solchen Sanierungsplan auch die Zustimmung der Arbeitnehmer nötig ist, sagt nur Opel-Betriebsrats-Vorsitzender Franz Klaus. Autoindustrie-Experte Ferdinand Dudenhöffer schreibt: "Ein staatliches Hilfsprogramm für GM bedeutet, dass GM mit Steuergeldern den ruinösen Preiswettbewerb finanziert und Überkapazität nur unzureichend aus dem Markt nimmt." Manfred Wennemer, ehemaliges Mitglied des Opel-Treuhandbeirats, sagte im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Die Arbeitsplätze, die bei Opel mit Staatshilfe erhalten werden, müssen anderswo abgebaut werden." DER AKTIONÄR sagt: Die "neue" GM ist nicht börsennotiert und solange im GM-Konzern unklar ist, wer tatsächlich etwas zu sagen hat, wären GM-Aktien nur etwas für Zocker. Die noch gelisteten Anteilscheine mit der ISIN US3704421052 beinhalten ausschließlich die Teile von GM, welche abgewickelt werden sollen. Diese Aktien sind also nichts wert und sie werden auch nichts mehr wert werden.