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Dow Chemical gibt sich einen "grünen Anstrich"

Werner Sperber

Die Aktie des Chemiekonzerns Dow Chemical hat sich seit gestern deutlich verteuert. Der Grund für den Kursanstieg ist die Ankündigung, ab 2010 ins Solargeschäft einsteigen zu wollen. Mittlerweile betragen die Kurs-Gewinn-Vielfachen aber schon 91 und 22 für das laufende und das kommende Jahr.

Die Aktie des Chemiekonzerns Dow Chemical hat sich seit gestern deutlich verteuert. Der Grund für den Kursanstieg ist die Ankündigung, ab 2010 ins Solargeschäft einsteigen zu wollen. Mittlerweile betragen die Kurs-Gewinn-Vielfachen aber schon 91 und 22 für das laufende und das kommende Jahr.

The Dow Chemical Company ist ein im Jahr 1897 gegründetes, weltweit tätiges, US-amerikanisches Chemieunternehmen mit Sitz in Midland. Der Konzern, seine Tochtergesellschaften und Gemeinschaftsunternehmen gliedern das operative Geschäft in die vier Sparten „Grundstoffe (Basics)“, „Performance Products & Systems“, „Advanced Materials“ sowie „Gesundheit und Landwirtschaft (Health & Agricultural Sciences)“. Im Jahr 2008 erlöste der Konzern 65,3 Milliarden Dollar auf pro forma Basis. Dabei ist so gerechnet worden, als ob der für 15,7 Milliarden Dollar übernommene Chemiekonzern Rohm & Haas schon das gesamte Jahr 2008 zu Dow Chemicals gehhört hätte. Tatsächlich hat Dow Rohm & Haas erst ab dem 1. April 2009 in der Bilanz konsolidiert. Von diesem pro-forma-Umsatz von 65,3 Milliarden Dollar entfielen 14,2 Milliarden Dollar auf Plastik-Grundstoffe, neun Milliarden Dollar auf Öl- und Gas-Grundstoffe und Energie sowie 4,3 Milliarden Dollar für chemische Grundstoffe. Diese Segmente sind in der Sparte „Basics“ gebündelt. 13,1 Milliarden Dollar erlöste Dow Chemical mit Performance Products wie Fasern, Stoffe, Bodenbeläge, Möbel oder Bettzeug. 8,2 Milliarden Dollar steuerten Performance Systems, wie etwa Produkte zur Verbesserung der Sicherheit und der Energieeffizienz oder der Verringerung der Abgasemissionen bei Fahrzeugen und Gebäuden bei. Diese beiden Segmente bilden die Sparte „Performance Products & Systems“. Coatings & Infrastructure, also etwa Beschichtungen, trugen 6,2 Milliarden Dollar zum Konzernumsatz bei und Electronic & Speciality Materials, wie zum Beispiel Lösungen für Elektronik- und Haushaltsgeräte 5,7 Milliarden Dollar. Diese beiden Segmente werden in der Sparte „Advanced Materials“ geführt. In der Sparte „Health & Agricultural Sciences“ bündelt der Konzern die Aktivitäten für den Pflanzenschutz, für Saatgut, landwirtschaftliche Biotechnologie, Proteine, Trenntechnik, Verarbeitungshilfsstoffe oder Membranen und Ionenaustauscher-Harze für die Wasseraufbereitung. Damit erlöste Dow Chemical 4,6 Milliarden Dollar.

Einfach, günstig, gewinnbringend

Zu den genannten Segmenten kommt nun noch das Solargeschäft dazu. Ab Mitte des kommenden Jahres will Dow Chemical Dachschindeln anbieten, welche Sonnenlicht in elektrische Energie umwandeln. Vorstandsvorsitzender Andrew Liveris und sein Finanzvorstand Geoffery Merszei hoffen damit einen Teil der von US-Präsident Barack Obama angekündigten Förderungen zu erhalten und einen Teil des Solargeschäfts in den als künftigem Solar-Boomland geltenden Vereinigten Staaten ergattern zu können. Jane Palmieri, verantwortliche Managerin für Dow Solar Solutions, geht bis zum Jahr 2015 von rund fünf Milliarden Dollar an Umsatz mit diesem ersten Produkt des Geschäftsbereichs aus. Bis zum Jahr 2020 sollen sich die Erlöse auf zehn bis elf Milliarden Dollar verdoppeln. Die in handelsüblichen feuerfesten Schindeln eingebrachten Solarbestandteile beinhalten kostengünstige Dünnschicht-Photovoltaikzellen. Dachdecker brauchen keine speziellen Fähigkeiten, um diese Schindeln verlegen zu können. Palmieri beziffert die Kosten, die dem Hausbesitzer für ein durchschnittliches Dach entstehen, auf 27.000 Dollar. Mit einem solchen Solarfeld könnten schätzungsweise 60 Prozent des Stromverbrauchs gedeckt werden.

Der Boden ist erreicht

Dow Chemical entdeckt also ein neues und zukunftsträchtiges Geschäftsfeld, doch der Vorstand hat auch ohne das viel zu tun. Vor allem drücken den Chemieriesen die rezessionsbedingte Nachfrageschwäche sowie die hohen Schulden. Im operativen Geschäft dürfte der Boden im zweiten Quartal allerdings erreicht worden sein. Der Nettoumsatz sank im Jahresvergleich um 30,7 Prozent auf 11,3 Milliarden Dollar. Wenn Einmaleffekte, wie etwa Restrukturierungskosten und Sonderbelastungen aus der Übernahme von Rohm & Haas, nicht beachtet werden, erzielte Dow Chemical einen Gewinn von 0,05 Dollar je Aktie. Insgesamt verschlechterte sich der Nettoertrag allerdings von plus 762 Millionen Dollar auf minus 486 Millionen Dollar beziehungsweise minus 0,47 Dollar je Anteilschein. Für das Ende September abgelaufene dritte Quartal schätzen die Analysten den Erlös auf 11,9 Milliarden Dollar und den Gewinn auf 0,07 Dollar je Aktie. Im vierten Quartal soll Dow Chemical 12,5 Milliarden Dollar umsetzen und 0,08 Dollar je Aktie verdienen. Im Gesamtjahr würden sich die Erlöse somit auf 44,8 Milliarden Dollar und der Gewinn auf 0,27 Dollar belaufen. Die Analysten schätzen die Erlöse für das kommende Jahr auf 48,5 Milliarden Dollar und den Ertrag je Anteilschein auf 1,13 Dollar. Damit würde sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 91 auf 22 verbessern.

Die Ziele dürften übertroffen werden

Eine große Bürde für Dow Chemical sind die Schulden. Zum 30. Juni wies der Konzern 2,65 Milliarden Dollar beziehungsweise 2,31 Dollar je Aktie an flüssigen Mitteln aus. Die Verbindlichkeiten beliefen sich aber auf 24,3 Milliarden Dollar respektive 21,29 Dollar je Anteilschein. Das Eigenkapital erhöhte sich von Ende 2008 bis zum 30. Juni 2009 im Zuge der Akquisition von Rohm & Haas um 48,9 Prozent auf 20,2 Milliarden Dollar beziehungsweise verbesserte sich die Eigenkapitalquote von 29,9 auf 30,6 Prozent. Das Management kann sich aber wohl auf die Ersparnisse aus dem Konzernumbau und die Synergien aus dem Zukauf verlassen. Von den seit Anfang April bis Jahresende anvisierten 650 Millionen Dollar an Synergien sind im zweiten Quartal bereits 228 Millionen Dollar erreicht worden. Für den Zeitraum von zwei Jahren beziffert der Vorstand die Synergien auf 1,3 Milliarden Dollar. Die Kostensenkungen aus der Restrukturierung sollen 305 Millionen Dollar in diesem Jahr und 750 Millionen Dollar innerhalb von zwei Jahren betragen. Im zweiten Quartal betrugen die Ersparnisse bereits 121 Millionen Dollar. Weitere Einsparungen, wie etwa bei den Gehältern oder Dividenden, sollen im Jahr 2009 insgesamt weitere drei bis 3,4 Milliarden Dollar einbringen. Durch die abgeschlossenen Verkäufe von Morton Salt, TRN Refinery und dem Geschäft mit Kalziumchloriden sowie dem vertraglich vereinbarten Verkauf von SE Asia Olefins & Derivates erwartet der Vorstand Nettoerlöse von zirka vier Milliarden Dollar.

Wenn es läuft, läuft es überproportional gut

Inwieweit sich die Planungen des Managements erfüllt haben, ist bei der Präsentation der Drittquartalszahlen am 22. Oktober abzulesen. Die Analysten sind derzeit noch skeptisch. Standpoint Research haben die Aktie am 17. September von „Buy“ auf „Hold“ abgestuft. Im Schnitt beträgt das Kursziel der Zunft 23 Dollar beziehungsweise 15,75 Euro. Mit der Übernahme von Rohm & Haas besitzt das Unternehmen jedoch gute Wachstumschancen und auch die Einsparungen und Verkäufe laufen gut. In einem positiven Umfeld legen die Kurse von Dow Chemical zudem gewöhnlich noch deutlich stärker zu als die Indizes. Deshalb ist DER AKTIONÄR etwas optimistischer und setzt das Kursziel auf 20 Euro fest. Der Stoppkurs sollte bei 12,80 Euro gesetzt werden.

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