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Der Lehman-Vizechef weint heute, Teil I

Werner Sperber

Lawrence McDonald, vor einem Jahr noch Vizepräsident von Lehman Brothers, trifft sich mit ehemaligen Kollegen in Manhattan. Lehman-Opfer treffen sich im Bankenviertel von Frankfurt am Main. Die Vorstellungen dieser beiden Gruppen werden sich wohl niemals treffen und deshalb brauchen die Opfer Tipps, welche hier nachzulesen sind, die Politiker Durchsetzungskraft und die Banker Einsehen.

Lawrence McDonald, vor einem Jahr noch Vizepräsident von Lehman Brothers, trifft sich mit ehemaligen Kollegen in Manhattan. Lehman-Opfer treffen sich im Bankenviertel von Frankfurt am Main. Die Vorstellungen dieser beiden Gruppen werden sich wohl niemals treffen und deshalb brauchen die Opfer Tipps, welche hier nachzulesen sind, die Politiker Durchsetzungskraft und die Banker Einsehen.

Am 15. September 2008, genau vor einem Jahr, hat im Kasino der Investmentbanken das Großreinemachen begonnen, als die Lehman Brothers Holding in die Insolvenz ging. Heute wird noch immer gefegt, doch an vielen Tischen schon wieder gezockt. Traurig registrieren das diejenigen, die bei den inzwischen 92 bankrotten US-Banken ihre Stelle verloren haben. Stoisch nehmen die Politiker in den USA und in Deutschland die Lage zur Kenntnis und reden davon, was man den für Maßnahmen ergreifen müsste, um eine solche Krise künftig möglichst vermeiden zu können und welche Maßnahmen denn jetzt noch durchzusetzen seien, wo doch der Konjunkturaufschwung die Rezession mit ihren Billionen-Schäden schon wieder in den Hintergrund der politisch Verantwortlichen rückt. Ungläubig und wütend sehen die Anlage-Opfer der Lehman-Pleite auf die wieder lachenden Banker und die redenden Politiker. Heute, um 14.30 Uhr, starten Kleinanleger einen Protestmarsch durch das Bankenviertel von Frankfurt am Main, den die Interessengemeinschaft der Lehman-Geschädigten in Deutschland organisiert. Die ARD zitiert Corinna Vogt, eines dieser Opfer, die aber wohl nicht durch Frankfurt laufen wird: „Ein Gutes hat mich die ganze Geschichte gelehrt: Es ist keiner für mein Geld verantwortlich, nur ich.“

Die Schuld trifft Fuld

Lawrence McDonald, ehemaliger Vizepräsident von Lehman Brothers, trifft sich heute mit ehemaligen Kollegen in Manhattan und dabei würden Tränen fließen, gibt er im Interview mit Spiegel-online zu: „Für uns geht es um Trauerbewältigung.“ Die Menschen, welche die Wallstreet-Zocker für die Finanzkrise verantwortlich machen würden „einfach nicht wissen, wie es an der Wall Street zugeht“. McDonald wälzt die Schuld auf den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Lehman, Richard Fuld ab, den „unsichtbaren Mann“, wie McDonald ihn nennt: „In den letzten Jahren explodierten Lehmans riskante Anlagen auf bis zu 800 Milliarden Dollar, immer mehr davon gebündelt in hochkomplizierten Anlagepaketen. Die durchschaute keiner mehr richtig, vor allem Fuld selbst nicht. Wir wussten, dass der Hypothekenboom zu Ende gehen würde. Man musste nur auf die Statistiken schauen. Da nahm die Zahl der Leute, die schon ihre erste Rate nicht zahlen konnten, stetig zu. In meiner Abteilung haben wir von da an sogar gegen Hypothekenanbieter spekuliert.“

Das schwierige Verhältnis zu dem damaligen US-Finanzminister Henry Paulson sei nach Ansicht von McDonald der größte Fehler von Fuld gewesen: „Als die Krise sich abzuzeichnen begann, wollte der Finanzminister, dass die Investmentbanken das Geld aus Hedgefonds abziehen. Er wollte auch, dass Fuld sich um den Verkauf von Lehman kümmert. Doch Fuld hat das genaue Gegenteil getan, er hat immer mehr Geld reingepumpt und Verkaufsgespräche nur halbherzig geführt. Schließlich kam es zu einem Showdown, als Paulsons Warnungen immer dringlicher wurden und Fuld schnippisch entgegnete, er solle ihm nicht sagen, wie er seinen Job zu tun habe.“ Dass die US-Regierung Lehman Brothers schließlich untergehen ließ, wird oft als Fehler dargestellt, doch auch das schildert McDonald aus seiner Sicht: „Der jetzige Finanzminister Timothy Geithner, damals noch Chef der New Yorker Notenbank, hat am Tag vor dem Kollaps fieberhaft mit der Spitze verhandelt. Aber irgendwann ging nur noch seine Mailbox dran, er antwortete nicht mehr. Seine Stellvertreterin sagte nur noch: Das ist jetzt Ihr Problem. Bei Lehman raunte man: Jetzt werden die Kräfte des Bösen auf die Weltwirtschaft losgelassen.“ An den Bonus-Zahlungen für die Banker möchte McDonald festhalten: „Ich finde eher, es müsste auch Bonus-Zahlungen für die Leute in den Aufsichtsbehörden geben. Wir haben bei Lehman immer über die gelacht.“

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